Ich hätte nicht rangehen sollen, als das Telefon klingelte. Hätte besser nur kurz abgehoben und sofort wieder aufgelegt. Oder direkt den Stecker gezogen. Irgendwas in der Art. Dann würde ich jetzt nicht an der Seite meines besten Freundes in diesem Inferno aus Technomusik, Trunkenheit und menschlichem Treibgut der Nacht stecken. Sondern läge schon seit fünf Stunden brav im Bett, käme morgen ohne Kater und Raucherhusten einigermaßen früh raus und hätte dann noch einen ganzen, langen, sonnigen Tag voller Aktivität vor mir.

Aber das kann ich jetzt vergessen. Und ein baldiges Wiedersehen mit meinem Bett ebenso. Meine Begleitung sieht nämlich noch überall wahnsinnig attraktive, kontaktfreudige Frauen und will uns gerade eine neue Runde Gin Tonic holen. Ich sehe gar nichts mehr. Weil ich müde bin und betrunken.

Eigentlich war ich mit meiner Freundin verabredet gewesen. Wir hatten uns auf einen entspannten DVD-Abend gefreut. Hatten Wein gekauft, zusammen gekocht und wollten endlich mal wieder das miteinander verbringen, was die Amerikaner etwas technisch "quality time" nennen. Also in Ruhe auf dem Sofa sitzen, reden und knutschen. Das kommt gar nicht so häufig vor, wenn beide Beteiligte einer Partnerschaft viel arbeiten und häufig in der Welt unterwegs sind. Das wäre in unserer Beziehung eigentlich gerade dringend notwendig gewesen. Warum? Wegen der Singles, aber dazu gleich mehr.

Als nach dem Kerzenlicht-Diner und kurz vor dem Start der DVD mit einem romantischen Eric-Rohmer-Film das Telefon klingelte, nahm ich jedenfalls den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung war mein bester Freund: "Hey Mann, was machst du heute abend?" Wir kennen uns schon seit der Schulzeit. Ein paar Jahre lang hatten wir nicht viel miteinander zu tun, weil er ziemlich in seiner Beziehung abgetaucht war. Aber seit einem Jahr ist er wieder Single. Und holt seitdem alles nach, was er seiner Meinung nach in der letzten Zeit verpaßt hat: um die Häuser ziehen, sich sinnlos betrinken und einigermaßen wahllos anwesende Frauen ansprechen. Er nennt das "steil gehen".

Blöderweise ist diese Kreuzung aus Quartalssäufer und Disco-Don-Juan aber zu schüchtern, um allein steil zu gehen. Darum zwingt er mich regelmäßig mit einer Mischung aus Flehen, Verweisen auf seinen mitleiderregenden Status als Single und Drohungen, unsere Freundschaft aufzukündigen, zum Mitkommen. Und weil er nun mal mein Freund ist, weil er das auch bleiben soll und weil ich weiß, daß Singles empfindsame Wesen sind, gehe ich mit.

Kein Problem, nicht so schlimm, kann man mal machen, werden Sie sagen. Ja: mal. Aber das geht jedes Wochenende so. Jedes! Ich kann einfach nicht mehr.

Früher, als ich selbst noch Single war, habe ich mich immer gefragt, warum Pärchen so langweilig sind und sich ausschließlich mit anderen Pärchen treffen. Heute weiß ich: Sie haben einen guten Grund dafür. Sie bilden eine Art Wagenburg der Ruhe gegen ihre Singlefreunde. Das schützt sie vor diesen Triebtätern, diesen aggressiven Einzellern, diesen Sklaven ihres Hormonhaushalts. Gemütliche Spieleabende mit Rotwein, Unterhaltungen und gutem Essen? Können Sie mit Singlefreunden vergessen. Kulturprogramm oder am Samstag abend einfach mal nichts machen? Absolut unmöglich.

Meine Singlefreunde gucken dann immer panisch und sagen mit zittriger Stimme: "Mir fällt die Decke auf den Kopf." Sie wollen raus, raus, raus, in vollgequalmten Clubs und Kneipen rumhängen, immer noch einen Drink nehmen, noch jemanden anquatschen. Davor und danach jammern sie, daß sie nie wieder jemanden abkriegen werden. Weil doch alle guten Männer/Frauen schon vergeben seien. Und dann versuche ich, sie zum 22 864sten Mal zu beruhigen. Und wenn sie dann dank meiner aufmunternden Worte den Blick wieder in die Zukunft richten, zählen sie einen Katalog von gewünschten Merkmalen ihres nächsten Partners auf, der ungefähr so lang ist wie das deutsche Grundgesetz. Singles können echt nerven.

"Wie grausam!" werden jetzt sicher einige Leser ausrufen. Diese armen Menschen, die jeden Valentinstag ohne Blumenstraußadressaten, Hochzeitsfeiern ihrer Freunde ohne Tischpartner und Weihnachten ausschließlich mit den Geschenken ihrer Eltern verbringen müssen, verdienen doch etwas mehr Mitgefühl. Weil die meisten Menschen glücklich liiert sind und sie allein und verlassen - als unglückliche Minderheit inmitten all der trauten Zweisamkeit. Quatsch, Minderheit: In Berlin beispielsweise sind schon ungefähr die Hälfte aller Haushalte Singlehaushalte. Die meisten davon werden geführt von paarungswilligen, spaßwütigen, trinkfesten Menschen unter 35 wie meinem besten Freund, die nichts Besseres zu tun haben, als Bekannte, die in festen Partnerschaften leben, zu terrorisieren.

Eigentlich sind es also die glücklichen Paare, die besonderen Schutz und viel Verständnis verdienen. Nicht nur weil die Deutschen aussterben und möglichst viele glückliche Paare das einzige Mittel sind, sie davor zu bewahren. Sondern vor allem weil inzwischen die Singles die Herrschaft übernommen haben. Sie erzählen zwar ständig vom Pärchenterror, von nervigen Verliebten, die überall turteln und kuscheln. Aber das ist nur eine Propagandalüge, um die wahren Machtverhältnisse zu verschleiern.

Wenn ich mal wieder frühmorgens auf dem Zahnfleisch nach Hause krieche, glaube ich sogar fest daran, daß die Singles in meinem Freundeskreis gemeinsam einen perfiden Plan ausgeheckt haben. Eine konzertierte Aktion, eine Art Single-Verschwörung: Sie wollen mich und meine Freundin auseinanderbringen, damit wir so werden wie sie. Aus purem Neid.

Erstens ist meine Freundin nämlich langsam ernsthaft genervt von den vielen abgesagten Filmabenden und verschlafenen Sonntagmorgenfrühstücken. Es kriselt in unserer Beziehung. Und zweitens ergeht es ihr genauso: Ihre beste Freundin ist auch solo, ruft auch ständig an, will auch ständig mit ihr ausgehen. So attackieren uns die Singles von zwei Seiten.

Zu ihrer Vernichtungsstrategie gehören auch geschickt plazierte Halbsätze und halblaut gemurmelte Randbemerkungen mit abfälligem Inhalt, wenn ich ankündige, daß ich mit meiner Freundin in den Urlaub fahren will. Sie sollen mir das Gefühl vermitteln, ich sei zu einem erbärmlichen Spießer verkommen. Dabei war ich gerade erst mit meinen männlichen Singlefreunden im Urlaub. Es war wie ein zwei Wochen langes Wochenende.

Wir kamen regelmäßig erst aus unseren Hotelbetten gekrochen, als draußen schon fast wieder die Sonne unterging. Und als ich zurück zu Hause war, war ich ungefähr so erholt wie nach einem Einsatz mit der Fremdenlegion im zentralafrikanischen Dschungel. Danach gab es einen heftigen Streit mit meiner Freundin. Weil sie die Nase voll hatte. Jetzt bin ich am Ende, meine Beziehung steht kurz vor dem Scheitern. Und demnächst bin ich dann dran mit den samstagabendlichen Anrufen im Bekanntenkreis.