Ein Kantinenzelt am Rande der Nibelungenfestspiele in Worms. An langen Tischen sitzen 50 Schauspieler und 100 Komparsen. Mario Adorf kommt herein und beschwert sich mit wutverzerrter Miene bei seinem Regisseur Dieter Wedel über angebliche Beleuchtungsfehler, die ihn behindert hätten. Wedel erwidert müde: „Weißt du was, Mario, leck mich am Arsch.“ Mit hochrotem Kopf und überkippender Stimme brüllt Adorf: „Weißt du, was du bist? Ein kleiner Fernseharsch! Nichts weiter als ein kleiner Fernseharsch!“
Morgenpost Online: Herr Wedel, Sie schildern diese Szene aus dem Jahr 2002 in Ihren kommende Woche erscheinenden Memoiren. Was führte zu Ihrer Pöbelei?
Dieter Wedel: Ich war schwerst angeschlagen, weil ich gerade haarscharf an einem Herzinfarkt vorbeigeschrammt war. Natürlich war mein Satz ungehörig, aber mir ist vollkommen unbegreiflich, wie man sich so aufführen kann wie Adorf, wenn einer sich gerade aus dem Krankenhaus rausgeschleppt hat. Die Narben dieser Verletzung spüre ich bis heute, denn ich hatte Mario für einen Freund gehalten. Aber vielleicht bleibt man nur befreundet, solange es nützlich ist für gute Rollen und hohe Gagen.
Morgenpost Online: Ihre Freundin Dominique Voland war zugegen. Wie hat sie reagiert?
Wedel: Dominique hat mich sofort gepackt und weggezerrt, weil sie Angst hatte, ich würde einen Infarkt bekommen. Ich habe sie noch nie so außer sich gesehen. Sie ist unglaublich gutartig und ausgleichend, aber wenn der Name Adorf fällt, sagt sie nur: „Dieses Arschloch!“ Für sie ist er erledigt. Wenn sie ihn im Fernsehen sieht, schaltet sie sofort aus.
Morgenpost Online: Haben Sie eine Erklärung für Adorfs Invektiven?
Wedel: Er hörte schlecht, weil sein Hörgerät wegen der Mikroports Rückkopplungen hatte. Und er merkte, dass das Theaterspielen nicht mehr seine Sache ist. Weil er immer wieder schleppte, sagte ich: „Mario, schneller sprechen!“ Aber wenn Sie schneller sprechen, müssen Sie den Text nicht nur auswendig, sondern auch inwendig können. Ich habe es auf meinen Buckel genommen, dass wir wegen seiner Textprobleme Szenen zehnmal wiederholen mussten. Es muss für einen wie Adorf furchtbar sein, wenn man merkt, dass die Kräfte nachlassen. Vielleicht reagiert man dann besonders aggressiv. Diese Erfahrungen stehen mir noch bevor.
Morgenpost Online: Adorf und Sie gelten als kalkulierende Machtmenschen mit monumentaler Eitelkeit. Sind Sie sich zu ähnlich, um miteinander auszukommen?
Wedel: Lassen Sie es mich so sagen: Ich habe mit großer Irritation zur Kenntnis genommen, dass einige meiner Freunde dieser Ansicht sind.
Morgenpost Online: Haben Sie Adorf seither wieder eine Rolle angeboten?
Wedel: Ja. Aber er hielt es noch nicht mal für nötig, mir abzusagen.
Morgenpost Online: Zum Wedel-Nimbus gehören Schreikrämpfe, füßestampfende Tobsuchtsdelirien und heulende Schauspieler, die sofort die Koffer packen wollen. Müssen Sie so sein?
Wedel: Ich bin nicht mehr der sadistische Schleifer und Feuer speiende Wüterich, als der ich immer beschrieben werde. Ja, ich bin krankhaft empfindlich und obendrein auch noch jähzornig, aber beim Drehen sind meine Ausbrüche inzwischen meist kühle Kalkulation. Ich mime einen cholerischen Anfall, um Schauspieler in die Stimmung zu bringen, die ich für die Szene brauche.
Beim Drehen von „Gier“ habe ich mich über eine harmlose Bemerkung eines Schauspielers wahnsinnig geärgert. Früher wäre ich da sofort in die Luft gegangen. Ich bin aber über die Bemerkung einfach hinweggegangen, weil wir gerade eine Szene drehten, für die ich heitere Stimmung brauchte. Ich habe dann darauf gelauert, meinen Ärger produktiv loszuwerden. Als ich für eine Szene eine erstarrte Stimmung brauchte, habe ich losgetobt. Aber wie! Ich brüllte zehn Minuten rum, dass ich mich diesen dauernden Unverschämtheiten nicht länger aussetzen würde. Die Schauspieler standen völlig konsterniert da – und die Szene wurde wunderbar!
Morgenpost Online: Lassen es sich auch Stars gefallen, von Ihnen niedergebrüllt zu werden?
Wedel: Ja. Stefan Kurt hatte deshalb öfter den Wunsch, mich umzubringen, und Heinz Hoenig fing am ersten „Bellheim“-Drehtag leise an zu weinen. Weil er seinen Text nicht beherrschte, habe ich mich in Anwesenheit des gesamten Teams an den Produktionsleiter gewandt: Er möge doch bitte einen echten Schauspieler vorbeischicken, denn der hier habe Betrug begangen, als er einen Schauspielervertrag unterschrieb. Bei Heike Makatsch habe ich mal so getan, als hätte sie mich tödlich beleidigt. Da wir ein geradezu liebevolles Verhältnis hatten, war das für sie so, als ob ein Familienangehöriger ihr plötzlich in den Rücken fällt. Sie hat so geweint! Ich sagte: „Wir müssen jetzt drehen. Sie können hier nicht rumstehen und Ihre Wunden lecken. Jetzt nehmen Sie sich doch endlich mal zusammen!“ Dann hat sie, immer wieder gegen ihre Tränen ankämpfend, die Szene toll gespielt. Als ich ihr erzählte, sie sei auf eine Manipulation reingefallen, nahm sie mir das wahnsinnig übel. Ihrer Agentin hat sie neulich erzählt, sie habe dann drei Wochen nur das Allernötigste mit mir gesprochen. Stimmt nicht. Es waren drei Tage.
Morgenpost Online: Die Schauspielerin Kate Beckinsale pinkelte ihrem Regisseur mal heimlich in die Thermoskanne, weil sie sich bei einer Nacktszene von ihm gedemütigt fühlte. Werden Sie auch Opfer solcher Vergeltungsakte?
Wedel: Ob mir Schauspieler in den Kaffee pinkeln, kann ich nicht beurteilen, denn der Kaffee vom Catering schmeckt ohnehin nicht besonders gut. Die einzige Tätlichkeit, an die ich mich erinnern kann, kam von einer Schauspielerin, die einen schweren Glasaschenbecher nach mir schmiss. Hätte sie getroffen, hätte ich schlimmer ausgesehen als Berlusconi. Ich kann sehr genau abschätzen, mit wem ich was machen kann. Heiner Lauterbach zum Beispiel würde ich niemals anschreien. Der könnte dann vor der Kamera keinen Ton mehr rausbringen, so dünnhäutig ist er. Schauspieler toben ja auch. Aber wie! Eine Mitarbeiterin von mir hat neulich mitbekommen, wie Ulrich Tukur hochging und schrie: „Leckt mich doch alle am Arsch!“
Morgenpost Online: Beim „Schattenmann“-Dreh drohte Claude-Oliver Rudolph, er werde „diesen Scheiß-Regisseur bei nächster Gelegenheit abknallen“, und Heinz Hoenig tobte: „Wenn du Stefan Kurt die Hauptrolle spielen lässt, blase ich den weg. Und wenn du mich daran hinderst, bist du ein Schwein.“ Gewöhnt man sich an so was?
Wedel: Schauspieler sind unglaubliche Kinder. Deswegen verstehe ich mich so gut mit ihnen, denn sie behaupten von mir das Gleiche. Ihr kindliches Vergnügen am Spielen ist so riesengroß, dass sie sogar wochenlang auf Sex verzichten würden. Beim „König von St. Pauli“ habe ich Florian Martens vorgeflunkert, er müsse sich Hormone spritzen lassen, um einen Busen zu kriegen. Sexuell würde deshalb lange nichts mehr gehen. Seine Antwort war: „Wenn schon. Abends muss ich ja sowieso Text lernen.“
Morgenpost Online: In Ihren Memoiren erklären Sie Ihre despotischen Anfälle mit einer „unglücklichen Veranlagung“.
Wedel: „Prägung“ trifft es wahrscheinlich besser. Wenn ich als Kind meine Anfälle hatte, folgte kein Strafgewitter. Ich war das vergötterte Einzelkind, dem nie Grenzen aufgezeigt wurden. Stattdessen las man mir jeden Wunsch von den Lippen ab. Mein zehnjähriger Sohn Benjamin hat diese Veranlagung zu Wutausbrüchen auch. Bei ihm versuche ich, strenger zu sein. Wenn er unter diesen plötzlichen Stimmungswechseln leidet, muss ich manchmal lachen, weil ich das alles von mir selbst kenne. Dann wird er noch wütender. Wie ich flüchtet er sich bei Problemen sofort in Krankheiten. Die Mutter fällt natürlich immer drauf rein und sagt: „Nun lass ihn jetzt doch mal.“ Er ist mir so anrührend ähnlich, dass Dominique häufig sagt: „Ich hab' das alles zweimal – und das ist ganz schwer zu ertragen!“
Morgenpost Online: Hatten Vater und Sohn schon mal synchrone Wutanfälle?
Wedel: Ja, aber dann höre ich auf. Oder wir müssen beide plötzlich loslachen. Ich bin nicht blind begeistert von meinem Söhnchen, aber ein Zehnjähriger, der schon ein bisschen über sich selber lachen kann? Das finde ich schon ganz beachtlich.
Morgenpost Online: Welche Schulnote geben Sie Ihrer Selbstironie?
Wedel: Eine Drei plus. Ich kann mich über mich selbst lustig machen. Ob ich das anderen gestatte? Da habe ich Zweifel.
Morgenpost Online: Was passiert, wenn Ihr Sohn sich über Sie lustig macht?
Wedel: Leider bin ich auch bei ihm krankhaft empfindlich. Eine falsche Bemerkung, und ich schnappe sofort ein. Seine Mama sagt dann: „Das hat der Bennie doch überhaupt nicht so gemeint.“ Aber das ändert bei mir nichts. Ich finde mich dann ganz furchtbar, kann aber nicht aus meiner Haut. Ich habe Angst, wegen meiner Empfindlichkeit vollkommen in eine Depression abzusinken. Ich wusste schon immer, dass diese Gefahr besteht. Die dunklen Raben am Himmel tauchten mit dem plötzlichen Tod meines Vaters auf. Ich war 14, er 49. Der Tod von Vater und Mutter waren die beiden schlimmsten Tage meines Lebens.
Morgenpost Online: Das bewegendste Porträt in Ihren Memoiren handelt von Ihrer Mutter, einer Konzertpianistin, die später eine Dior-Boutique leitete. Nach ihrem Tod wählten Sie manchmal nachts ihre Nummer und weinten.
Wedel: Es wird über mich gesagt, ich suchte in Frauen immer nur meine Mutter. Keine Ahnung, ob das stimmt. Dominiques permanenter Spruch ist: „Ich bin nicht nur deine Frau, ich bin auch noch deine Mutter. Und ich habe zwei Kinder: den Benny und den Dieterle.“ Ein bisschen ist das auch so.
Morgenpost Online: Sie waren ein kränkliches Kind, das oft zu Kuren verschickt wurde, die bis zu zwölf Monate dauerten.
Wedel: Ich kam schon mit einer Lungenentzündung zur Welt. Es folgten Scharlach, Tuberkulose, Diphtherie, Herzinnenhautentzündung und Kinderlähmung. Von der Kinderlähmung ist eine Missbildung an der Hüfte zurückgeblieben, die mich manchmal hinken lässt. Man kann sagen, dass ich einen großen Teil meiner Kindheit im Bett verbracht habe. Benjamin hat diese Anfälligkeit für Krankheiten leider geerbt.
Morgenpost Online: Wie stark litten Sie unter Ihren dauernden Malaisen?
Wedel: Ich fand es ganz toll, krank zu sein, denn durch meine Bettlägerigkeit bin ich zu einem besessenen Leser geworden. Obendrein war ich noch ein großer Heuchler, der vor Mathe-Klausuren immer den Fieberkranken spielte. Meiner Verstellungskunst verdankte ich auch meine Noten in Religion. Am Beginn eines Schuljahres mimte ich den Atheisten, am Ende den Bekehrten. Meine Lehrer waren von ihrem Missionswerk so begeistert, dass sie mir Einsen gaben.
Morgenpost Online: Die Schauspielerin Sylvia Manas, eine Ihrer großen Lieben, starb mit 28 bei einem Verkehrsunfall. Über diesen Moment schreiben Sie: „Obwohl die Erde unter mir wankte, hörte ich nicht auf, mein Verhalten zu registrieren. Es entsetzte mich, aber zugleich wusste ich: Sylvia hätte diese nie auszuschaltende Selbstbeobachtung, die Material für unsere Arbeit sammelt, gutgeheißen!“ Ist diese gespaltene Wahrnehmung, das Leben zugunsten der Kunst auszuweiden, die hässliche Seite von Künstlern?
Wedel: Es schockiert mich ja selbst, wie ich in solchen Situationen reagiere. Aber Sylvia war genauso. Und auch wenn es monströs klingt: Alle Künstler sind so. Talent ist eben auch eine Plage, ein Defekt des Charakters. Aber wenn man alles, was man erlebt, für Filme ausbeutet, ist das für einen Mittelbegabten wie mich eine angenehme Möglichkeit, das Leben zu bewältigen. Da ich der beste Steinbruch für meine Geschichten bin, tauche ich in jedem meiner Filme auf – aber ohne dass ich das merke. Als seine Frau sich scheiden lassen will, muss Will Quadflieg im „Bellheim“ sagen: „Sie wurde mit meinem Doppelleben nicht fertig, und das Einzige, womit ich fertig werde, ist ein Doppelleben.“ Plötzlich fing der ganze Set an zu lachen. Ich hatte keine Ahnung warum. Quadflieg nahm mich in den Arm und sagte: „Ach, wieder einer dieser autobiografischen Sätze unseres Regisseurs.“
Morgenpost Online: Für diejenigen, die keine Regenbogenblätter lesen: In Hamburg leben Sie seit mehr als 30 Jahren mit der 59-jährigen Studienrätin Ursula Wolters zusammen, in Berlin mit der 33-jährigen Ex-Tänzerin Dominique Voland.
Wedel: Ich bin 67. Dominique und mich trennen also 34 Jahre. Beim Kennenlernen habe ich ihr gesagt: „Du bist mir zu jung. Das mit uns kommt überhaupt nicht infrage.“ Dabei hatte sie sich schon älter gemacht. Als ich ihren 30. Geburtstag feiern wollte, gestand sie, dass der erst in drei Jahren sei. Ich musste an einen Woody-Allen-Film denken, wo einer sagt: „Ich habe eine Freundin, der ich noch bei den Schulaufgaben helfen muss.“ Ich fand ältere Frauen immer spannender als diese jungen Dinger. Bei Balzac heißt es so schön: „Wenn eine Frau unter 30 sich auszieht, hat sie alles über sich erzählt. Bei einer Frau über 30 fangen die Geheimnisse dann erst an.“
Morgenpost Online: Dominique überlegt, Schauspielerin zu werden. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann, Sohn eines Regisseurs, meint: „Schauspieler sind angenehme Leute, und in ihrer Nähe zu sein ist belebend. Erst später bemerkt man einen Mangel an charakterlicher Substanz. Es hat mit dem Beruf zu tun.“ Stimmen Sie zu?
Wedel: Menschen mit gesundem Selbstwertgefühl werden nicht Schauspieler. Es gibt zwei Motivationen für diesen Beruf. Die einen sind narzisstisch veranlagt und finden sich so toll und schön, dass sie sich allen zeigen möchten. Das sind die, die immer nur sich selbst spielen wollen. Die anderen finden sich so furchtbar, dass sie ein Leben mit sich nicht aushalten. Deshalb schlüpfen sie in andere Leben. Große Schauspieler sind nur wirklich glücklich, wenn sie eine Figur ausforschen. Sie schwanken ständig zwischen Hochstimmung und Depression.
Morgenpost Online: Wer war der größte Narzisst, mit dem Sie gearbeitet haben?
Wedel: Ich bin noch keinem begegnet, der sich für das Nonplusultra hält, denn Schauspielerei ist auch eine Angstkunst. Ich war mal mit Claudia Schiffer essen. Sie hat mir den ganzen Abend erzählt, was für furchtbare Makel ihr Aussehen habe. Ich solle mal gucken, hier habe sie dies und hier das, grauenvoll! Selbst eine Frau, die als Inbegriff von Schönheit gilt, hat Angst, in den Spiegel zu schauen.
Morgenpost Online: Beim „Bellheim“-Dreh verliebten Sie sich in die Schauspielerin Leslie Malton. In Ihrem Buch heißt es: „Ich ließ diese Gefühle zu, weil ich wusste, sie würden der Arbeit zugutekommen.“
Wedel: Na klar. Unsere Verliebtheit steigerte die Qualität der Aufnahmen. Die Leslie sah auf einmal schöner aus als in jedem anderen ihrer Filme. Ich verliebe mich beim Drehen in meine eigenen Geschöpfe, ohne mir darüber im Klaren zu sein, dass die Schauspielerin mit der Figur absolut nicht identisch ist. Es klingt lächerlich, aber es funktioniert so. Eine Schauspielerin spricht ihren Text, und ich denke: Wunderbar, was die sagt! Das entspricht ja vollkommen deinen eigenen Überzeugungen! Bei klarem Verstand müsste ich mir sagen: Du findest es vor allem deshalb wunderbar, weil du es selber geschrieben hast.
Morgenpost Online: Verlieben sich Schauspielerinnen in den Menschen Wedel oder in den berühmten Regisseur?
Wedel: Ich profitiere davon, dass jede Schauspielerin den Regisseur mit ihrem Spiel und ihrer Weiblichkeit verführen will. Man sucht meine Aufmerksamkeit und will mich zum Lachen bringen, um vor der Kamera besser wegzukommen. Und dann rutscht das so ineinander, und man weiß nicht mehr, ob man als Person oder als Regisseur erobert wird.
Morgenpost Online: Kollabieren die Gefühle nach der letzten Klappe?
Wedel: Trifft man sich wieder, flaut die Verliebtheit oft ganz schnell ab. Plötzlich sieht die Frau völlig anders aus und redet auch ganz anderen Text – und der ist schlechter, weil er nicht von mir stammt.
Morgenpost Online: Wie oft sind Sie auf karriereversessene Schauspielerinnen reingefallen, die sich hochschlafen wollten?
Wedel: Natürlich vermute ich immer auch eiskalte Berechnung, denn wer neben mir auf dem roten Teppich geht, wird nun mal mehr fotografiert. Die Frau eines vielfachen Milliardärs sagte mir aber mal: „Ich werde immer gefragt, ob ich meinen Mann auch lieben würde, wenn er keine Milliarden hätte. Das kann ich nicht beantworten, denn ohne sein vieles Geld wäre er ein anderer.“ Die Dame hat recht: Reichtum oder Berühmtheit formen einen und werden Teil der eigenen Persönlichkeit.
Morgenpost Online: Beim „König von St. Pauli“ waren Sie mit Ihrer Hauptdarstellerin Julia Stemberger liiert. Als sie gegen Ende der Dreharbeiten in Magazinen mit groß aufgemachten Porträts über sich blätterte, sagte sie leise: „So, jetzt brauche ich dich nicht mehr.“
Wedel: Der Satz zeigt, wie eitel ich war zu glauben, ihre Gefühle würden mir gelten und nicht meiner Funktion. Auf einmal begriff ich, wie viel lodernder Ehrgeiz und kalte Berechnung sich hinter ihrer Zartheit und Verletzlichkeit verbargen.
Morgenpost Online: Sie antworteten ihr mit dem Satz: „Wenn du dich da mal nicht täuschst!“ Daraufhin griff Frau Stemberger mit blankem Hass in den Augen zum Brotmesser. Darf man solche Psycho-Metzeleien in einem Buch öffentlich machen?
Wedel: Man darf. Wenn jemand Schauspieler ist, hat er sich auf den Boulevard begeben und muss es hinnehmen, dass ich über ihn schreibe. Indiskret wäre es, wenn ich die Identität meiner Kinder preisgeben würde. Ich habe ja auch nie bestätigt, ob ich nun sechs oder zehn Kinder habe.
Morgenpost Online: In Ihrem Buch kommen sechs Kinder von sechs Frauen vor.
Wedel: Ich werde keine Zahl bestätigen oder bestreiten.
Morgenpost Online: Haben Sie mal einen Vaterschaftstest verlangt, um auszuschließen, dass Ihnen ein Kind untergeschoben wird?
Wedel: Nein.
Morgenpost Online: Haben Sie jedes Ihrer Kinder schon mal zu Gesicht bekommen?
Wedel: Ja.
Morgenpost Online: Von Benjamin abgesehen: Wie viele Ihrer Kinder halten denn Kontakt zu Ihnen?
Wedel: Drei Töchter und mein Sohn in Amerika. Gott sei Dank spricht er ganz gut Deutsch, denn mein Englisch ist eine Katastrophe. Seine amerikanische Mutter war ein paar Jahre meine Freundin – mit dem Ergebnis, dass sie am Ende Deutsch sprach.
Morgenpost Online: Wären Sie kinderlos, wenn es nach Ihnen gegangen wäre?
Wedel: Ja. Mein Kind war immer der nächste Film. Alles andere stört bloß. Wäre ich eine Frau, wäre ich aus Zeitgründen nie zu einem Kind gekommen. Heike Makatsch sagte vor acht Jahren zu mir: „Muss ich nicht mal sehen, ein Kind zu kriegen, wenn dieser Film beendet ist? Wann machen Sie den nächsten? Geht es dazwischen?“ Als Mann hat man diese Probleme nicht.
Morgenpost Online: Ist eins Ihrer Kinder Schauspieler geworden?
Wedel: Meine älteste Tochter hatte den Wunsch, mich kennenzulernen, als sie 17 war. Sie wollte Schauspielerin werden. Sonst schreckt mich ja nichts, aber meine Tochter eine Schauspielerin? Obwohl mir graute, sagte ich: „Ich helfe dir, aber vorher musst du in ein Besetzungsbüro gehen und die Menschenverachtung kennenlernen, die dort herrscht. Achte darauf, wie verächtlich dort über Frauen geredet wird.“ Als sie den Gang hinter sich hatte, wollte sie nicht mehr. Heute ist sie eine erfolgreiche Filmproduzentin.
Morgenpost Online: Waren Sie jemals monogam?
Wedel: Ja. Aber dann brach für mich die Welt zusammen, denn meine große Liebe hatte mir vorgemacht, sie empfinde für ihren Ehemann nichts mehr. Ich bin damals haarscharf dem Tode entgangen. Ich war im Werther-Alter und schluckte Schlaftabletten. Damals begriff ich, wie gefährlich es ist, sich von einem einzigen Menschen derart abhängig zu machen. Die Schüssel hatte einen Sprung. Weitere Stöße, und sie würde kaputtgehen. Von da an hatte ich immer zwei bis vier Freundinnen gleichzeitig.
Morgenpost Online: Was halten Sie für den größten Irrglauben, der über Sie verbreitet wird?
Wedel: Dass ich ein manischer Workaholic sei. Fragen Sie meine Mitarbeiter. Oft bin ich stinkfaul.
Morgenpost Online: Sind Ihre 15-Stunden-Drehtage, die Sie mit der Einnahme von Tabletten gegen Ihre chronische Schlaflosigkeit beenden, eine Image-Erfindung?
Wedel: Nein. Ich probe halt wahnsinnig gern. Da halte ich es mit Camus: Auch wenn das Leben sinnlos ist, sollte man den Felsbrocken so gut wie irgend möglich den Berg hochrollen. Außerdem werde ich als Regisseur wieder zum kleinen Jungen, der mit einer sehr großen elektrischen Eisenbahn spielen darf. Beim Drehen fühle ich mich wie Mitte 40, wenn ich auf einen tollen Stoff stoße, wie Mitte 30.
Morgenpost Online: Nach spektakulären Erfolgen wie dem „Bellheim“ wäre es folgerichtig gewesen, einen großen Kinofilm zu inszenieren. Warum scheuen Sie vor dieser Herausforderung zurück?
Wedel: Wolfgang Petersen und ich haben zusammen in einem Büro des NDR angefangen. Er wollte schon damals nur eins: nach Hollywood gehen und den eigenen Namen auf riesigen Plakaten sehen. Als sein Film „Air Force One“ 1997 Premiere hatte, gab er in München ein Riesenfest, das so viel kostete wie bei uns ein Film. Petersen kam zu mir und sagte: „Du musst jetzt sehr aufpassen, weil du im deutschen Fernsehen nicht mehr größer werden kannst. Du musst raus aus Deutschland und deinen ersten Kinofilm machen. Sonst fällt die Meute irgendwann über dich her. Das ist nun mal die deutsche Mentalität.“ Dann sprach er über sich: „Ich muss mit dem großen Popcorn-Kino aufhören und endlich mal etwas Anspruchsvolles machen, vielleicht einen Mehrteiler fürs Fernsehen. Wir tauschen einfach mal.“ Er hat das wirklich sehr, sehr ernsthaft mit mir besprochen – und natürlich haben wir beide einfach weitergemacht. Vielleicht hat man es dann auch verdient, irgendwann eins draufzukriegen.
Morgenpost Online: Sind Sie inzwischen zu alt, um den Kinoregisseur Wedel zu etablieren?
Wedel: Bernd Eichinger sagt mir immer, ich müsse endlich mal rausbekommen, ob die Leute auch Geld für mich ausgeben würden. Ein richtiger Hinweis. Ich denke sehr konkret darüber nach, mir zu beweisen, dass ich einen großen, internationalen Kinofilm kann. Das Kino bietet inzwischen bessere Möglichkeiten, weil es im Fernsehen immer mehr bürokratische Einschränkungen gibt. Statt einen Film so lang zu machen, wie die Geschichte es erfordert, darf nichts mehr länger sein als 90 Minuten.
Der fünfte Teil des „Schattenmanns“ dauerte 140 Minuten. 140 Minuten! Und es haben über zehn Millionen Menschen davor gesessen! Helmut Dietl meinte neulich: „Wenn ich die Wörter ‚90 Minuten' höre, muss ich brechen.“ Sagen Sie mir: Ist der Fernsehzuschauer so katastrophal verblödet, nicht zu akzeptieren, dass die Nachrichten mal später anfangen? Ist die Verdummung so total, dass keine Abspänne mehr gezeigt werden, weil die Zuschauer sonst reflexhaft umschalten würden?
Morgenpost Online: Kein anderer deutscher Regisseur attackiert den Niveauniedergang des öffentlich-rechtlichen Fernsehens so wutschäumend wie Sie. Teilen Sie den Eindruck, dass Kulturpessimisten meist ziemlich alt aussehen?
Wedel: Das ist doch verdammt noch mal kein Argument! Das Abschmieren des Fernsehens, vor allem in den vergangenen fünf Jahren, habe ich mir so nicht vorstellen können. Als ich 1969 anfing, konnte man Unterhaltung machen, ohne dauernd unter das eigene Niveau zu sinken. Damals habe ich das Fernsehen dem Kino vorgezogen, weil es mich faszinierte, mit meinen Geschichten zu den Leuten nach Hause zu kommen. Wo ist ein Mensch schutzloser und beeinflussbarer als daheim mit Schlappen an den Füßen und Bier auf dem Couchtisch? Mein Lieblingssatz war: Würde Brecht heute leben, würde er Fernsehspiele inszenieren, denn was kann verfremdender sein als die Mattscheibe? Die Menschen im Fernsehen sind kleiner als man selbst. Das erzeugt eine kritischere Haltung, als im Kino zu Figuren hochzugucken. Die Könige im Mittelalter wussten, warum sie Untertanen knien ließen: Der Blick nach oben lädt zur Bewunderung ein.
Morgenpost Online: Angenommen Ihr Leben wird verfilmt: Wer soll Sie spielen?
Wedel: Matthias Schweighöfer. Wenn man eine reale Figur spielt, darf man um Gottes willen keine Ähnlichkeiten herstellen wollen. Nachahmung hat mit unserem Beruf überhaupt nichts zu tun. Ich fand Tobias Moretti als Hitler sehr viel spannender als diese schreckliche Cabaret-Nummer, die Bruno Ganz im „Untergang“ abgezogen hat. Das war für mich Gießener Stadttheater.
Morgenpost Online: In Illustrierten sieht man Sie in Ihrer Hamburger Wohnung. Sind Homestorys nicht ein Vehikel für Leute, die noch etwas werden wollen?
Wedel: Es darf nur eine bestimmte Ecke gefilmt werden – die, wo meine Filmpreise stehen. Ich sage dann immer: „Auf dem Regal ist noch Platz frei.“ Auf dem Klo stehen auch noch Trophäen, aber da darf nicht gedreht werden. Sonst sieht ein Preisverleiher, dass er auf dem Klo gelandet ist.
Morgenpost Online: Welche Strategien haben Sie in 41 Berufsjahren entwickelt, um sich gegen Verrisse zu immunisieren?
Wedel: Die Uschi unterschlägt seit 20 Jahren alle Kritiken, die nach einer Premiere erscheinen. Wenn ich einen Verriss erst vier Wochen später zu Gesicht bekomme, zieht mich Boshaftigkeit nicht mehr so runter. Uschi hält auch die Elogen zurück, die mich in die Wolken heben würden. Nach dem „Schattenmann“ gab es drei große Besprechungen. Die erste verglich meine Kompositionstechnik mit der von Beethoven – das ist ja schon mal nicht schlecht. In der „Süddeutschen“ wurde ich mit Schiller und dessen „Don Carlos“ verglichen – und das von einem wesentlichen Kritiker der Zeitung. Die „FAZ“ verglich mich mit Brecht und dessen „Dreigroschenoper“. Normalerweise sagen Sie dann: „Jetzt bist du im Olymp angelangt, mehr geht nicht!“ Wenn Sie das aber erst vier Wochen später lesen, fühlen Sie sich trotzdem nicht als Schiller.
Morgenpost Online: An welchem Hieb eines Kritikers nagen Sie bis heute?
Wedel: Als nach dem „Bellheim“ einer schrieb, man bekomme da bloß Billigheimer zu Gesicht. Noch schlimmer ist mein besonderer Freund Thomas Tuma vom „Spiegel“. Der hat sich erst über mein Hinken lustig gemacht – Kapitän Ahab! – und dann noch insinuiert, Dominique sei ein Flittchen, das sich bei mir Geld abholt. Diesem Herren habe ich ausrichten lassen, dass ich ihm eine in die Schnauze ballere, wann immer ich ihn treffe. Wenn man meiner Familie oder meinen Hunden was tut, schlage ich zu, rechts und links! Das verjährt nicht! Und ich bin viel kräftiger, als es aussieht!
Dieter Wedels neuer Zweiteiler „Gier“ hat am 15. Januar um 20.15 Uhr bei Arte Premiere. Die ARD zeigt den Film am 20. und 21. Januar, jeweils um 20.15 Uhr. Wedels Memoiren „Vom schönen Schein und wirklichen Leben“ sind im Lübbe Verlag erschienen und kosten 19,99 Euro.





