Konzert im Tempodrom

Annett Louisan hat in Berlin leichtes Spiel

Sie ist seit letztem Jahr nicht nur brünett und nennt sich Teilzeithippie, nein, sie ist zudem auch noch Neuberlinerin. Annett Louisans Auftritt im ausverkauften Tempodrom war also ein Heimspiel. Mit leichtfüßigem Chanson-Pop wickelte die Kindfrau ihr Publikum um den Finger.

Herzlich und mit großem Enthusiasmus haben die Berliner Fans Annett Louisan im ausverkauften Tempodrom am Mittwochabend gefeiert. Eine wie Louisan bringt Frauen zum Kichern und lehrt die kokette Rebellion. Männer sind entsetzt – vor allem darüber, wie sehr sie sich dann doch von jenen mädchenhaften Manierismen einfangen lassen. Eine derart massentaugliche Verkörperung von Bohème und Sixties-Charme hat der Hauptstadt gerade noch gefehlt.

Es ist halb neun, eben noch hat der Kanadier Martin Gallop, der neue Mann Louisans Seite, das Publikum mit Folksongs und viel Witz um den Finger gewickelt. Dann fällt der Vorhang. Im Hintergrund prangen Sterne, davor strahlt Annett Louisan im kleinen Schwarzen: eine 31 jährige Kindfrau, die längst nicht mehr grün hinter den Ohren ist. La Louisan startet mit einem kleinen Song über verquere Erwartungshaltungen und singt in „Das große Erwachen" launisch: „Und jetzt möchte ich, dass du mich liebst / ganz genau so, wie ich wirklich bin".

Ja, wie ist sie denn wirklich? Ganz ehrlich, das spielt an diesem Abend überhaupt keine Rolle. Denn obgleich Annett Louisans Chanson-Pop immer den Anschein macht, als erzähle er direkt aus ihrem Leben und offenbare ihre tiefsten Geheimnisse, berichten ihre Lieder vor allem von einem: einer perfekten Pose. Einer Pose, die auf Dauer auch anstrengend ist, wenn man immer kokett, bloß nicht zu nett sein möchte, sich alle Pointen reimen müssen und die Liebe immer neu beschworen werden muss.

Dabei ist Annett Louisan tatsächlich zauberhaft: Sie haucht, sie schwingt mit den Hüften und an anderer Stelle röhrt sie so ausgelassen, dass man sich kurz erschreckt und dämliche Dinge denkt, wie „Kleine Frau, oho!". So ist das mit der Dame: Sie kitzelt die Klischees in jedem von uns wach, sie trällert ihre Songs nicht einfach nur, sie verkörpert, ja, sie spielt sie. Ihre Chansons sind ironische Sentenzen, Anmachen mit Augenzwinkern und Rebellionen mit Lolita- Verzeihung, Lollipop- Gewicht. Macht ja nichts, hier und heute geht es schließlich um konsequente Alltagsflucht, hinein in eine Welt, in der Frauen Hommagen an Prosecco verfassen, verbitterten Emanzen die High Heels entgegen kicken und sich dabei trotzdem, oder gerade deswegen, ungemein emanzipiert geben.

Im Tempodrom wirkte Louisan etwas schüchtern, dabei fraß ihr das Publikum aus der Hand – schließlich will keiner von der smarten Lady als „Depp" bezeichnet werden. Ihre wunderbare vierköpfige Band zeigte dabei virtuos, dass sie vom zweilichten Bossa Nova, bis zu Country Walzer und perlendem Swing alles beherrschen und es schaffen, den leichtfüßigen Songs eine angenehme Bodenhaftung zu geben. Nach der Pause kam Annett im kleinen Weißen, rührte mit Songs wie „Ende Dezember" und gab den Berliner Jungmädchen mit „Teilzeithippie" eine neue Hymne. Und ja, zur Zugabe spielte sie dann noch ihren größten Hit „Das Spiel". Wir finden: Mit Berlin hatte sie an diesem Abend verdient ein leichtes.