Duell des Terror-Kinos

"Schattenwelt" ist der radikalere RAF-Film

Beim Filmfest in Rom gehen sowohl "Der Baader Meinhof Komplex" als auch Connie Walthers "Schattenwelt" an den Start. Letztere ist die bisher erste Verfilmung des Stoffes, die sich nicht um den Mythos der Täter, sondern um die Opfer dreht. Ausgerechnet ein ehemaliges RAF-Mitglied hat am Drehbuch mitgeschrieben.

Foto: Nextfilm

Die Deutsche Botschaft hat in Rom, aus Anlass des dortigen 3. Filmfestes, zwei deutschen Filmen einen gemeinsamen Empfang bereitet. Wie würden die derart Geehrten einander begegnen? Würden sie sich ignorieren? Oder bemüht Konversation betreiben? Am Ende hielt das Trüppchen um Bernd Eichinger direkt nach der Vorführung des "Baader-Meinhof-Komplexes" Hof, während das Team um Connie Walther und ihren Film "Schattenwelt" erst Stunden später erschien. Auf eine Begegnung legten offensichtlich beide keinen Wert.

Kurioser hätte der Zufall gar nicht wirken können: Gleich zwei Filme über den RAF-Terrorismus wurden hier als die großen deutschen Beiträge präsentiert, beide überdies zur gleichen Zeit gezeigt, die Pressekonferenzen unmittelbar hintereinander gehalten. Und doch könnte ihr Ansatz unterschiedlicher nicht sein.

"Der Baader-Meinhof-Komplex" rekonstruiert bekanntlich, das haben in Deutschland bereits fast zwei Millionen Zuschauer gesehen, die Geschichte der ersten RAF-Generation; und Regisseur Uli Edel hat sie so inszeniert (das postulierte er erneut in Rom), dass auch seine beiden in den USA aufgewachsenen Söhne die Geschichte verstehen. Ein aufwendiges Prestigeprojekt, das sich indes mit dem Nachstellen der Historie begnügt und keine eigene Haltung bezieht.

"Schattenwelt" spielt im Hier und Jetzt

Ganz anders Connie Walther, die gerade beim Deutschen Fernsehpreis für "12 heißt: Ich liebe dich" den Regie-Preis erhielt: "Schattenwelt" spielt im Hier und Jetzt und zeigt, dass die Geschichte keineswegs vergangen ist, sondern noch immer nachwirkt. Zunächst geht es um einen Ex-Terroristen (Ulrich Noethen), der nach 22 Jahren aus der Haft entlassen wird.

Immer mehr aber rückt eine geheimnisvolle Frau (Franziska Petri) in den Mittelpunkt, die dessen Nähe sucht. Allmählich kommt heraus, dass sie bei einem seiner Anschläge zufällig dabei war und ihr Vater - kein prominentes Opfer, nur ein Angestellter eines Bankdirektors - vor ihren Augen getötet wurde. Seither ist sie traumatisiert, bekommt ihr Leben nicht in den Griff und will auf radikalem Weg Antworten erzwingen.

Die meisten RAF-Filme befassen sich einzig mit den Tätern, die Gefahr einer Verklärung liegt da immer nahe. Walther rückt hingegen explizit die namenlosen, die vergessenen Opfer in den Fokus. Der ultimative Gegenentwurf zu Eichinger & Edel.

Neun Jahre hat es gedauert, bis Walthers Film finanziert werden konnte. Umso bitterer, dass "Schattenwelt" nun im Schatten von Eichingers Mammutprojekt herauskommt. "Der Baader-Meinhof-Komplex" habe das Zwanzigfache ihres Budgets gehabt und laufe mit 500 Kopien in Deutschland (demnächst auch mit 140 in Italien).

"Natürlich hätten wir auch gern ein solch großes Publikum", sagt die Regisseurin lakonisch. Ihr Film startet erst Anfang nächsten Jahres in einem kleinen deutschen Verleih, für Italien hat sich noch kein Interessent gefunden. "Schattenwelt" provoziert nicht nur mit dem Affront, dass das Opfer am Ende zurückschießt (was wiederum einen Unschuldigen trifft). Sondern vor allem damit, dass am Drehbuch Peter-Jürgen Boock mitgewirkt hat, selbst ein ehemaliges RAF-Mitglied, das 18 Jahre im Gefängnis saß.

Dass ein Ex-Terrorist an einem Film mitwirkte, der öffentliche Fördergelder erhielt, hat dem Projekt schon im Vorfeld böse Kommentare eingebracht. Dass durch den Filmschluss dann auch noch die Grenzen zwischen Täter und Opfer aufweichen, könnte Connie Walther ähnliche Kontroversen einbringen wie bei ihrem letzten Film "12 heißt...". Darin verliebte sich eine Stasi-Gefangene in ihren Offizier, was auf einer wahren Begebenheit beruhte, ihr aber den Vorwurf der "Verhöhnung der Opfer" einbrachte.

Mehr Aufmerksamkeit für Bleibtreu

Keine Frage, welcher der beiden Filme in Italien, das dem Thema aufgrund seiner eigenen Rote-Brigaden-Vergangenheit naturgemäß sehr aufgeschlossen ist, die größere Aufmerksamkeit erfährt. Die Bilder von Bleibtreu als Baader und Gedeck als Meinhof dominieren die Presse, "Schattenwelt" wird meist am Rande erwähnt.

Beide werden aber überraschend ähnlich bewertet, im Guten wie im Schlechten. Sie seien, so "Il Messaggero", "so verschieden wie bemerkenswert, jeder auf seine Weise". Der "Corriere della sera" gibt dem kleinen Autorenfilm klar den Vorzug gegenüber dem Monumentalwerk. Beide seien zwar letztlich enttäuschend, der eine versuche indes politische Reflexion, während der andere sich bloß als Actionfilm gebe.

Was Walthers Film in Deutschland wohl die größte Kritik einbringen wird, wird vom "Messagero" als besondere Stärke hervorgehoben: "Wenn in Italien ein Ex-Terrorist zu einem so schönen Film beitragen würde, wäre das ein historisches Datum."