Andres Veiel

"Mich interessieren die verborgenen Treibsätze"

Andres Veiels "Wer wenn nicht wir" erzählt die Vorgeschichte der RAF. Sie fällt anders aus als erwartet. Eine Rolle spielen Traumata.

Morgenpost Online: Was ist an Ihrer Geschichte anders als an den anderen 68er- und RAF-Geschichten?

Andres Veiel: Gudrun Ensslin führt bei mir keinen Kampf gegen ein erstarrtes, faschistoides Elternhaus. Ihr Vater hat durchaus die Auseinandersetzung gesucht und sein Scheitern eingestanden: "Du kannst es besser machen." Das Tragische war, dass dieser Auftrag zur falschen Zeit kam. Wenn wir in Deutschland Verhältnisse wie in der griechischen Militärdiktatur bekommen hätten, wäre der Satz "Ich möchte mir den Vorwurf nicht machen lassen, etwas erkannt und nichts getan zu haben" stringent gewesen. Mir war allerdings auch wichtig zu zeigen, dass diese Angst nicht aus einer Paranoia heraus gesprochen wurde. Die langhaarigen Achtundsechziger haben es erlebt, dass man ihnen auf der Straße "Dich hat Hitler vergessen zu vergasen" nachrief. Das war als Bodensatz vorhanden und brach bei Gelegenheit heraus.

Morgenpost Online: Und es gab Notstandsgesetze, Vietnam, Vergangenheitsbewältigung.

Veiel: Diese aus heutiger Sicht merkwürdige Aufgeladenheit hatte die genannten realen Gründe. Andererseits sagt Gudruns Vater zu Recht: "Du sehnst dir den Faschismus herbei." Der Kapitalismus musste als faschistisch tituliert werden, um dieses Denkmodell errichten zu können, das die Komplexität der Welt auf ein Gut/Böse-Muster reduzierte. Ein, zwei Monate im Frühling 1968 gab es die rauschhafte Hoffnung, nun könne Geschichte im eigenen Sinn gestaltet werden. Als die Erkenntnis kam, dass friedliche Mittel dazu nicht ausreichen, kam es zu der "Schlacht am Tegeler Weg" in Berlin, wo APO, Arbeiter, Rocker und die Polizei aufeinander trafen, den Beginn der gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Morgenpost Online: Keine reale Person der jüngeren deutschen Geschichte ist in den letzten Jahren häufiger im Film dargestellt worden als Andreas Baader.

Veiel: Genau deshalb glaubt man, ihn verstanden zu haben. Bisher sah man ihn als proletenhaften Haudrauf mit Charisma. Was mich interessierte, waren die Treibsätze, die da drunter lagen.

Morgenpost Online: In Ihrem Film schlägt er seine Geliebte Gudrun Ensslin. Das ist neu.

Veiel: Obwohl er schlägt, bleibt er der Charmante, Liebevolle, Verletzliche. Er schlägt dann, wenn er verlassen zu werden droht. Ich habe das bewusst im Film nicht psychologisiert, aber für mich erforscht. Er ist ohne Vater aufgewachsen, 1945 brachte ihn die Mutter zur Großmutter nach Thüringen und ging zum Arbeiten nach München. Alle paar Wochen kam sie zurück und hat den Sohn mit Liebe überschüttet. Das ging über drei Jahre. Dieser Jähzorn des erwachsenen Baader war ein Tabu. Ich hatte von seiner früheren Freundin Ello erfahren, dass er Ensslin schlug. Leute aus ihrer Umgebung bestreiten das heute noch heftig. Es gibt einen einzigen erhaltenen Brief, den Ensslin an Baader schrieb, als beide im Gefängnis saßen, und das ist eine Vergewaltigungsphantasie. Wie erzähle ich von so etwas im Film? Es war mir klar, dass ich nicht um eine erotische Szene herumkomme, aber darin sollte man diese Abhängigkeit spüren. Als die beiden nach anderthalb Jahren draußen sind und sie zu spät kommt, lässt er sie erst stehen. Das Zuspätkommen ist für ihn schon ein Verlassenwerden, ein Alles oder Nichts. Der Sex zwischen beiden ist ein Ringen, ein Unterwerfen, ein Mauerneinreißen.

Morgenpost Online: Es gibt unheimliche Dopplungen. Andreas Baader wird als Kleinkind zur Großmutter gegeben...

Veiel: ... und Gudrun Ensslin wurde zu einer Amme abgeschoben, als sie ein Jahr alt war. Und sie selbst hat später ihren einjährigen Sohn Felix dem Vater Bernward Vesper übergeben, um mit Baader Revolution zu machen. Das mag aber auch alles Zufall sein.

Morgenpost Online: Aber der Zufall reicht noch weiter. Bernward Vesper erfährt von seiner Mutter, dass sein Vater gar keine Kinder wollte und er sein Leben nur der Aufforderung Hitlers an die deutschen Mütter verdankt, Nachwuchs zu produzieren. Und Baaders Vater ist nicht in den Widerstand gegangen, weil seine Mutter mit ihm schwanger war und keinen Ernährer im Gefängnis brauchen konnte.

Veiel: Das ist Teil von Baaders Trauma. Er hätte gern den heldenhaften Vater gehabt, aber der ist namenlos und erbärmlich nach dem Krieg in einem russischen Lager durch Typhus umgekommen. Beide Väter haben nur einen halben Schritt getan. Gudrun wirft dem ihren vor, dass er zwar gegen das Regime gewesen sei, ihm als Soldat aber trotzdem gedient habe. Das sind für mich die tieferen Antriebskräfte, die ich nicht in einem kausalen Modell eingebaut habe, sondern nur als eine Möglichkeit unter anderen anbiete.

Morgenpost Online: Was wäre, wenn Gudrun Ensslin noch leben würde...

Veiel: ... und sich bereit erklärt hätte, nach langem Schweigen mit mir als Erstem zu reden? Wäre dieser Film dann näher an der historischen Wahrheit? Definitiv nein. Wir hätten wieder eine Rekonstruktion, eine Mischung aus Verschweigen und Rechtfertigen. Mein Film ist nicht die finale Wahrheit, aber ich denke, dass ich durch meine Recherchen an diese Treibsätze näher heran gekommen bin. Aber sehen Sie sich den Fall Kurras an: Vielleicht kommt in fünf Jahren eine einzige Akte zum Vorschein, die wieder alles ändert. Es sind noch sehr viele Schränke abgeschlossen.

Morgenpost Online: Eine Umfrage von 1967 attestiert den Studenten, nur an Karriere interessiert zu sein. Ähnliche Umfragen gibt es heute. Die wirtschaftliche Lage ist aber viel prekärer als damals. Warum geht niemand deshalb auf die Straße?

Veiel: Es ist bis jetzt nur ein Unbehagen, dass wir sehenden Auges auf die nächste Blase zugehen, ob nun Rohstoff- oder Währungs- oder neue Immobilienblase. Wieder wird das Geld von der Produktivität abgekoppelt und vermehrt sich aus sich selbst. Das kann drei Jahre gut gehen oder fünf, aber die nächste Blase wird platzen, und das wird nicht mehr aufzufangen sein, weil unsere Verschuldung jetzt schon gigantisch ist. Gegen das Tempo der heutigen Entwicklung war Achtundsechzig eine gemütliche Zeit, aber selbst ohne Facebook und Twitter ging die Studentenschaft damals binnen drei Monaten weltweit auf die Straße.