Der Asbest ist schuld. Das Deutsche Theater muss wieder clean gemacht und saniert werden. Ersatzweise hat das DT sich schon in einem Zelt und im Discobunker eines alten Heizkraftwerks einquartiert.

Jetzt kooperiert es sogar mit seinem künstlerischen Antipoden, der Volksbühne am Rosa-LuxemburgPlatz. Das ist so traurig wie komisch. Traurig und komisch ist auch Anton Tschechows Drama "Die Möwe". Der Dichter nannte es eine "Komödie". Sie wird von dem Tschechow-Erforscher Jürgen Gosch inszeniert. Vor drei Jahrzehnten, bevor er in die Bundesrepublik wechselte, war die Volksbühne seine Adresse. Es ist eine Rückkehr.

Alle Darsteller kommen aus dem Foyer

Auch um dem intimeren Schauspiel in dem Riesentheaterschuppen Nähe und Konzentration zu geben, rückt Gosch das Spiel auf die vorderste Vorderbühne. Johannes Schütz, sein dauerhafter Szenenbildner, steckt Tschechow diesmal nicht in eine unentrinnbare Kiste. Es wird vor einer hohen schieferartigen Wand gespielt. Grau-in-Grau. Alle Darsteller kommen aus dem Foyer herein. Sie beobachten gegenseitig ihr Spiel. Sie hören sich zu. Etwa wenn der junge Dichter Konstantin "neue Formen" für das Theater fordert.

Nichts deutet hier auf ein Landgut als Ort der Handlung. Es ist, als stünden die Schauspieler, bei kaltem Arbeitslicht, in einer Generalprobe, und die Dekorationen wären nicht eingetroffen. Die Kleidung ist von heute. Allenfalls eine Mütze, ein Paar Stiefel geben einzelnen Akteuren eine historische oder persönliche Note.

Der Abend hat große bewegende Momente. Über all den Tragödien unerwiderter Liebe, nicht erfüllter Hoffnungen und brennender Eifersucht leuchtet Heiterkeit. Einzelne Figuren bleiben allerdings unscharf oder formelhaft. Corinna Harfouch, als Arkadina, ist zu sehr sie selbst, als dass man dieser kalten modernen, gelegentlich cholerischen Mutter eine Theaterdiva alten Stils abnähme. Sie mag sich mit dem Schriftsteller Trigorin eine heftige Wer-hat-Angst-vor-Virginia-Woolf-Nummer liefern - diese taffe Frau scheint nicht ernstlich von Ängsten angekratzt, mit dem Liebhaber womöglich Jugend, Karriere und Existenz zu verlieren. Dafür ist der Mann (Alexander Khuon) doch allzu fade. Arbeit und Erfolg machen ihn eher depressiv. Aber seine menschliche Leichtfertigkeit, mit der er ein Leben zerstört, tut nur der liebenden Nina weh, dem Betrachter nicht.

Junge Darsteller geben dem Abend die eigentliche Farbe

In allen Figuren sind beide gleichzeitig sichtbar: Rolle und Darsteller. Christian Grashof verkörpert ohne Überzeichnungen den Bruder der Arkadina: Anfang 60, aber zu Tschechows Zeiten bereits ein hinfälliger Greis, der unheilbar an einem Leben hängt, das ihm die Erfüllung all seiner Hoffnungen versagt hat. Das ist so rührend wie komisch. Man bangt bei jedem seiner Schwächeanfälle.

Die jungen Darsteller geben dem Abend die eigentliche Farbe. Meike Droste ist eine flammend auffahrende Mascha, eine Frau, deren Liebe unbemerkt bleibt, und die eine Ehe mit dem verachteten Lehrer nur eingeht, damit ihr monotones Leben irgendeine Veränderung erfährt. Jirka Zett und Kathleen Morgeneyer spielen hier erstmals am Deutschen Theater: ein leidenschaftlich mit Kunst und Liebesverzweiflung ringender blonder Konstantin und eine bewegende Nina: die maßlose Traurigkeit ist diesem Mädchen alle Zeit ins Gesicht, in die Augen geschrieben.

Gosch's Methode stößt an ihre Grenzen

Sie himmelt so naiv wie bewusst den Mittelmaß-Poeten Trigorin an, dem alles Leben nur für eine Notiz in seinem Motivheftchen taugt. Selten sah man so herzzerreißend all die verlorenen Kreaturen einer verwüsteten Welt, sogar die "stillen Fische", in Konstantins surrealer Theaterdichtung gespielt wie von dieser jungen Darstellerin. Dass Jürgen Gosch die letzte Begegnung der - zurückgekehrten Nina mit Konstantin ausgerechnet in ein Bett verlegt, ist jedoch ein dramaturgischer Missgriff.

Mit Tschechows "Onkel Wanja" hatte Gosch das Theaterjahr eröffnet. Eine vergleichbar dichte, auch darstellerisch homogene Aufführung gelingt ihm hier, zum Ausklang, nicht. Seine Methode intensiver Reduktion, die Stücke "pur", gleichzeitig von innen und noch mehr von der Seite zu betrachten, ihre Hauptmotive unter Verzicht auf Atmosphäre und durchgehende Identifikation herauszuheben, stößt sichtlich an ihre Grenzen.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Tel. (030) 240 65 777 Termine: 22., 23., 29. Dezember.