Morgenpost Online: Herr Thadeusz, ist beim RBB der Wohlstand ausgebrochen?

Jörg Thadeusz: Ja, gelegentlich zünden wir uns sogar eine dicke Zigarre an.

Morgenpost Online: Polylux und Radio Multikulti fielen gerade dem Rotstift zum Opfer. Aber mit der neuen Ausgabe von „Dickes B“ macht der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) auf dicke Hose. Gerät man da als Moderator nicht in Erklärungsnot?

Thadeusz: Nein, warum? Nicht ich mache das Programm, sondern der RBB. Und auch der schafft diese Sendungen ja nun wirklich nicht zum Spaß ab.


Morgenpost Online: „Dickes B“ ist vor einem Jahr gestartet, damals moderierten Sie zusammen mit der Schrifstellerin Ildiko von Kürthy. Ist die Neuauflage noch dicker?


Thadeusz: Was den Showteil betrifft: ja. Wir haben mehr Musik, es gibt eine zusätzliche Bühne. Das Konzept ist auch ein anderes. Unser geschätzter RBB-Unterhaltungschef Helmut Lehnert hat die Anweisung herausgegeben, dass die Talkshow Showtalk heißt.


Morgenpost Online: Den Unterschied müssen Sie mal erklären.


Thadeusz: Showtalk bedeutet, dass Aufführungen auf der Bühne eine größere Rolle spielen. Es geht nicht nur einfach eine Schiebetür auf, und die Leute sagen: Sieh mal an, da steht ja ein Künstler.


Morgenpost Online: Wie man hört, war der RBB mit den Quoten der ursprünglichen Version dieses Talks zufrieden. Warum wurde das Konzept dann überarbeitet?


Thadeusz: Wir wurden von verschiedenen Seiten gefragt: Warum hängt Ihr einen weiteren Waggon an einen ohnehin schon langen Zug? Die Frage ist berechtigt. Die anderen Dritten Programme haben alle schon eigene Talkshows. Wir sind aber felsenfest davon überzeugt: Wenn eine Region eine Talkshow braucht, dann Berlin-Brandenburg. Die muss aber eben anders aussehen.

Morgenpost Online: Wenn man sich die Aufzeichnung der ersten Folge angesehen hat, muss man sagen: So groß ist der Unterschied nun auch wieder nicht.

Thadeusz: Ich glaube, dass das Talkshow-Genre zwangsläufig ein Facelift braucht. Die Leute sitzen da immer in einer Runde und dämmern hinweg.

Morgenpost Online: Kommt auf den Moderator an. Helmut Lehnert will in Ihnen das Potenzial erkannt haben, der Kulenkampff der Zukunft zu werden. Robben Sie sich dieser Ansage mit der Neu-Ausgabe von „Dickes B“ ein Stück näher?

Thadeusz: (lacht). Ja, total. Die Showtreppe fehlt zwar noch, aber die können wir ja noch einbauen. Es hat aber schon Züge davon.

Morgenpost Online: Wenn das die Marschroute ist, haben Sie mit Ihrer Ko-Moderatorin Andreja Schneider und dem Variete-Zelt Tipi gute Voraussetzungen gefunden.

Thadeusz: Dann hat Ihnen die Aufzeichnung gefallen?

Morgenpost Online: Der Showteil ja, der Talk so - na ja. Mit wenigen Ausnahmen saßen die üblichen Verdächtigen in der Runde: Wim Wenders, Jürgen Tarrach, Matthias Platzeck, Ingolf Lück ...

Thadeusz: Ja, und?

Morgenpost Online: Wenn der Berlin-Talk schon etwas Besonderes sein soll, warum haben Sie keine Kandidaten eingeladen, die nicht dauernd in solchen Runden sitzen?

Thadeusz: Es gibt Kandidaten, die man immer wieder gerne sehen möchte. Und dazu gehört natürlich zum Beispiel auch jemand wie Jürgen Tarrach. Ich könnte Ihnen lange Namenslisten von Kandidaten zeigen, die wir nach verschiedenen Kriterien sortiert haben.

Morgenpost Online: Verraten Sie uns die Kategorien?

Thadeusz: Ja, das gibt es zum Beispiel die Kategorie: Wen möchten wir gerne sehen? Männer wie Gerhard Schröder oder Franz Müntefering. Ich möchte mich auch gerne mal mit Heidi Klum zanken, die finde ich persönlich schwierig. Aber bei diesen Leuten müssen wir quengeln.

Daneben gibt es noch die Kategorie der ganz Unerreichbaren. Das sind die internationalen Stars. Da sind wir als Talk aus Berlin und Brandenburg aber eher in der Pflicht als die Kollegen von „Drei nach Neun“ in Bremen. Theoretisch könnten wir zum Potsdamer Platz fahren, Bruce Willis bei einer Filmpremiere einen Sack über den Kopf stülpen und ins Tipi verschleppen. Aber das ist ja leider strafbar.

Morgenpost Online: Und wie steht es mit eher unbekannten Persönlichkeiten mit spannender Biographie?

Thadeusz: Die fallen in die dritte Kategorie: Gäste, von denen wir ganz und gar hingerissen sind, die der Zuschauer aber meistens nicht goutiert. Ich bin mal gespannt, wie das Publikum auf die afrikanische Menschenrechtlerin Jenni Williams in unserer ersten Sendung reagiert. Sie spricht kein Deutsch. Und viele Leute in diesem Land schalten ab, wenn jemand englisch spricht – sogar dann, wenn ein Dolmetscher übersetzt. Es ist ein Jammer, aber es ist so.

Morgenpost Online: Was bedeutet das für die Zusammenstellung der Gästeliste?

Thadeusz: Wir müssen eine gute Mischung bieten: bewährte Schlachtrösser wie Jürgen Tarrach oder Ingolf Lück mit so interessanten aber eben noch weitgehend unbekannten Kandidatinnen wie der Schauspielerin Jördis Triebel in die Runde setzen.

Morgenpost Online: Sie haben im RBB schon seit 2005 eine eigene Talksendung: Thadeusz. Dort liegt der Schwerpunkt auf dem Talk und nicht auf der Show. Regelmäßg erfährt man dort etwas über Ihre Gäste, was man noch nicht vorher wusste. Claus Peymann zum Beispiel gab endlich zu, dass er ein Selbstdarsteller sei. Herr Thadeusz, wie haben Sie das geschafft?

Thadeusz: Wenn man eine halbe Stunde alleine mit jedem zusammensitzt, erreicht man eine ganz andere Temperatur als in einer großen Talkrunde.

Morgenpost Online: Andere Kollegen in der ARD und im ZDF räumen ihren Gästen mitunter genauso viel Zeit ein. Und trotzdem kommt nur selten etwas dabei herum. Was ist Ihre Philosophie?

Thadeusz: Es gibt Kollegen, die fragen: ,Sie haben mit 19 Jahren Ihren Vater verloren – wie gehen Sie damit um?` So etwas kann ich nicht leiden. Ich gehe nicht küchenpsychologisch an die Gäste heran. Ein Gespräch muss auf Augenhöhe stattfinden, da ist es egal, wie berühmt die befragte Person ist. Ich mag keinen Gefälligkeitsjournalismus, ich sehe mich aber auch nicht als Scharfrichter.

Morgenpost Online: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat Sie da von einer anderen Seite kennengelernt. Er ist mal wutentbrannt in einer Sendung aufgesprungen, weil Sie es gewagt haben, seinen Polizeipräsidenten zu kritisieren.

Thadeusz: Na ja, in dem Fall war ich nicht fair. Ich hatte ihn gefragt: ,Wie stehen Sie dazu, dass Sie der Chef des Präsidenten von Deutschlands brutalster Polizei sind?` Was soll der oberste Dienstherr der Berliner Polizei da anderes machen als zu sagen: ,Sie spinnen ja wohl!`

Morgenpost Online: Die Frage tut Ihnen heute Leid?

Thadeusz: Ja, ich ärgere mich über mich selber. Ich gebe ja auch Interviewseminare an der Akademie für Publizistik in Hamburg. Und darin führe ich das als schlechtes Beispiel vor: So macht man es nicht.

Morgenpost Online: Aber inzwischen haben Sie beiden sich wieder vertragen – oder warum heißen die beiden Goldfische in ihrem studio-eigenen Aquarium Thadeusz und Klaus?

Thadeusz: Die hat er so getauft. Er ist inzwischen ein zweites Mal in meiner Sendung gewesen. Er hat gesagt: ,Herr Thadeusz, das war nicht der Stil des RBB. Es war ein schmerzhafter Moment. Aber er hatte Recht. `

Morgenpost Online: Aber dass man bei der Gratwanderung zwischen Gefälligkeitsjournalismus und Scharfgericht auch mal ausrutscht, kann doch passieren.

Thadeusz: Trotzdem ärgere ich mich. Wenn ein Politiker Pingpong spielen kann, kann er zu Maybrit Illner gehen. Da hat er ein viel größeres Publikum. Ich aber habe die Möglichkeit, den Menschen kennenzulernen.

Morgenpost Online: Aber wenn es kritisch wird, schalten die Politiker auch bei Ihnen auf Autopilot um.

Thadeusz: Es gibt diese eigenartige Vorstellung, dass man einen Interviewpartner knacken könnte. Nach meiner Meinung geht das aber nicht, weder im Fernsehen noch sonst wo. Wenn man das erreichen möchte, macht man Waterboarding. Dann wird mir mein Gegenüber das erzählen, was ich hören möchte. Ich finde, das öffentlich-rechtliche Fernsehen sollte ein Hort der Geschmackssicherheit sein.

Morgenpost Online: Deshalb fragen Sie lieber von hinten durch die Brust?

Thadeusz: Mittlerweile funktioniert das ganz gut.

Morgenpost Online: Sogar bei der Bundeskanzlerin? Die würden vermutlich auch Sie nicht knacken.

Thadeusz: Ich würde sie umschwirren wie eine Fliege. Im persönlichen Gespräch hat sie einfach einen unfassbaren Charme.

Morgenpost Online: Sie würden in die Flirtoffensive gehen?

Thadeusz: Ja, allerdings nur, wenn es nicht glitschig wirkt oder verlogen. Und wenn ich Lust dazu habe. Bei Ursula von der Leyen ging mir das auch so. Das ist eine Charmebombe.

Morgenpost Online: Vermutlich war es eher sie, die Sie um den kleinen Finger gewickelt hat. .

Thadeusz: Na ja, sagen wir es so: Ihr Charme ist bei mir auf dankbaren Boden gefallen. Hätte sie mich gefragt, ob wir danach zusammen nach Venedig fahren wollen, hätte ich gesagt: „Sofort.“

Morgenpost Online: Wurmt es Sie nicht manchmal ein bisschen, dass Sie als Ausnahme-Talker ein Mauerblümchendasein fristen?

Thadeusz: Nein, warum denn? Ich kann dort viel machen. Und mit Dagmar Reim haben wir eine Intendantin, mit der man auch über journalistische Qualität reden kann. Wenn ihr eine Sendung inhaltlich gefällt, ist die Quote eher zweitrangig.

Morgenpost Online: Warum läuft so eine Sendung wie „Thadeusz“ nicht in der ARD?

Thadeusz: Weil dann „Beckmann“ weg müsste. Und warum sollte man den da rausnehmen?

Morgenpost Online: Vielleicht, weil er gerne Fragen wie diese stellt: ,Sie haben mit 19 Jahren ihren Vater verloren – wie gehen Sie damit um?“

Thadeusz: Das sagen Sie. Aber es gibt ja auch noch die Zuschauer. Und die sagen mir zum Beispiel auch: Hören Sie mal auf zu nuscheln, Herr Thadeusz. Sprechen Sie mal lieber wie der Beckmann.

Die Talkshow "Dickes B" mit Jörg Thadeusz läuft heute Abend um 22.15 Uhr im RBB.