Hardrock

Wer überlebt, hat recht – Velvet Revolver

Die versunkenen Rockstars Slash und Scott Weiland haben fusioniert: Ihre Band Velvet Revolver ist auf Deutschlandtournee

Das war beinahe in Vergessenheit geraten: Echte Rockbands treten niemals pünktlich auf die Bühne. Als der Rock vorübergehend fast verschwunden schien, bemühte er sich bei den seltenen Konzerten noch zerknirscht um Zuverlässigkeit. Dann kehrte er manierlich in Gestalt dezent gekleideter Krawallbrüder zurück. Nun ist er wirklich wieder da: 3000 tätowierte Menschen warten in einer Berliner Mehrzweckhalle. Velvet Revolver werden musizieren, fünf einmal berühmte Rockstars bilden diese sogenannte Supergroup .


Das Arsenal der E-Gitarren ist gestimmt. Das eindrucksvolle Schlagzeug ist samt Gong verschraubt. Die Flaschen sind geöffnet. Aber mit den Stunden, die vergehen, wächst der Unmut in der Halle. Ziehen die jetzt um die Häuser? Sind sie rückfällig geworden und wieder dem Drogenrausch erlegen? Gibt es Damen in der Garderobe? Erst als Schuhe auf die Bühne fliegen, greift die Band zu ihren Instrumenten. Nach drei wüsten Songs, reißt sich der Sänger eine viel zu große Nazi-Schirmmütze vom Kopf. Scott Weiland brüllt, es täte gut, lebendig wieder in Berlin zu sein. Der Gitarrist stellt seine Beine breit. So geht es immer weiter: Wahre Rockmusik bleibt eine ungezogene, barocke Kunst, die längeres Warten nach wie vor belohnt. Fast wäre ihr das selbst entfallen.


Die zwei Hauptdarsteller dieses Renaissancestücks: Gitarrist Saul Hudson, der unter dem Namen Slash selbst in den Polizeiakten geführt wird, und sein neuer Vorsänger Scott Weiland.


Slash war in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren maßgeblich beteiligt an der Rockband Guns N' Roses. Deren erste Platte, "Appetite For Destruction", überraschte eine eigentlich von dekadenten Schreihälsen in Strumpfhosen entnervte Menschheit. 1987 kam das schmutzige, beherzte, also zauberhafte Album auf den Markt. Danach kam kaum noch etwas. 1991 schoben Guns N' Roses als Beweis des eigenen Größenwahns zwei Doppelalben nach, die den Verfall der Band vertonten. Einen Song des Hippie-Ritualmörders Charles Manson spielten sie noch ein.


Slash floh und ließ den irrsinnigen Axl Rose zurück. Der Sänger teilte nicht Slashs Drogensorgen, dafür standen ihm obskure Ängste vor verhexten Bühnen oder Tonstudios im Weg. Seit ungefähr zehn Jahren redet Axl Rose vom neuen Guns-N' Roses-Album. Seit fünf Jahren ist der Titel "Chinese Democracy" bekannt. Seither verlassen Studiogäste wie Brian May und Moby kopfschüttelnd die Aufnahmen und Rose kreischt, dass er die gesamte Rockmusik verändern werde. Seine Platte wird vermutlich nie erscheinen.


Unterdessen hat sich Slash erfolglos mit Slash's Snakepit und Slash's Bluesball und als Michael-Jackson-Gitarrist versucht. Vor einem Auftritt rettete ein Sanitäter ihn vor seinem zunftgerechten Tod an einer Überdosis Heroin. Slash schlug die Augen auf und sagte: "Herrschaften, wir haben ein Konzert zu spielen." Doch er mäßigte sich, gründete eine Familie, fing an, Sport zu treiben, weniger zu saufen und steht nun, mit 39, eher als Rollenbild des Rockstars auf der Bühne. Dazu wirft er seine Locken über die verblassenden Tattoos der Totenköpfe. Arrogant schürzt er die Lippen, zwischen denen eine leichte Zigarette hängt. "Ich bin froh dass ich noch da bin", sagt Slash. "Ich versuche nur, aus meinen Dummheiten zu lernen."


Während Slash den Rockstar alter Schule spielt, verkörpert Weiland eher den Grunge, der Guns N' Roses vor zehn Jahren von der Bühne jammerte. Die Dekadenz wich damals einem tiefen Daseinszweifel. Daran starb die Grunge-Ikone Kurt Cobain, und dass Scott Weiland ihm nie folgte, wird als große Sensation gefeiert.

Seine Band, die Stone Temple Pilots, wurde schwächer, je entschlossener sich Weiland seinen Süchten widmete. 2001 hat sich die Gruppe ratlos aufgelöst. Scott Weiland wurde regelmäßig weggesperrt, entweder weil er Drogen bei sich trug oder gegen Bewährungsauflagen verstieß. Nach einem Autounfall wurde er zuletzt in eine Wohnanlage eingewiesen, dort wird Weiland überwacht und gut versorgt mit Antidepressiva. Aber ein Gericht hat ausdrücklich diese Tournee mit seiner neuen Band genehmigt.

Weiland sagt, Velvet Revolver sei ihm nicht nur Therapie. "Wir werden auch die größte Rockband aller Zeiten sein." Die Flüchtlinge von Guns N' Roses, Duff McKagan und Matt Sorum, fanden mit dem Gitarristen Slash wieder zusammen während eines Hilfskonzerts für den an Krebs erkrankten Schlagzeugveteranen Randy Castillo. Durch ein ausgedehntes Casting stießen sie auf Weiland und Dave Kushner von den Suicidal Tendencies.

Es ist eine erstaunliche Fusion. Aus angejahrtem Hardrock, larmoyantem Grunge und Sündenstolz. Das alles dargeboten in einem Theaterdonner ohne die zuletzt beliebte Sicherheit der Ironie. Dazu gehören lächerliche Lederhosen und bedruckte T-Shirts ohne Ärmel. Dabei ist es unerlässlich, dass sich Slash gelegentlich seinen Zylinder auf die Locken setzt. Da ist es angebracht, den im gelebten Rock 'n' Roll gemarterten und ausgezehrten Leib zu winden und hysterisch durch ein Megafon zu röhren wie Scott Weiland. Alte Songs müssen gesungen werden wie "Plush" von den Stone Temple Pilots und "Sweet Child O Mine" von Guns N' Roses.


Slash erklärt: "Ich will an der Spitze der nächsten Rock-Bewegung stehen." Es wird mehr auf sich geachtet in dieser Bewegung. Wer hinter dem unverschämten Breitwandlärm und in den übertriebenen Balladen aktuelle Botschaften vernehmen will, wird nicht enttäuscht. Zum Beispiel: "Sterben, während dein Gesicht auf T-Shirts prangt, ist wenig originell." Die Rockmusik wird streng moralisch. Dass sie wieder gern zu spät kommt, ist ein Ausdruck ihres neuen Selbstbewusstseins. Denn wer überlebt, hat recht.


Weitere Termine: 22.8. Köln, 25. München, 28. Konstanz