Uraufführung

Großer Beifall für "Hölderlin" an der Staatsoper

Die Uraufführung war skandalumweht: Der Ex-Intendant drohte seinem alten Arbeitgeber, der Deutschen Staatsoper, rechtliche Schritte an und zog seinen Namen zurück. Jetzt ist es trotzdem vollbracht: Am Sonntagabend ging die Oper "Hölderlin/Eine Expedition" über die Bühne.

Ein „Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden“ – so liest es sich im Programmheft des Hauses, nicht ohne Stolz, anlässlich der Uraufführung des „Hölderlin“. Peter Mussbach, vor Zeiten noch Intendant der Oper, hat diesen Auftrag, verantwortungsfroh und voller Gottvertrauen, an Peter Ruzicka, den Komponisten, Dirigenten, Festival-Manager, weitergereicht. Quasi im Gegenzug hat sich Ruzicka für Mussbach als Librettisten seines neuen Werkes entschieden. Was in der Wirtschaftspolitik möglicherweise vor Gericht geführt hätte, schlüpft in der Kulturpolitik unabgestraft durch, wenn auch sozusagen mit roten Ohren.

Lediglich respektvoller Erlösungsjubel

Sie wären nicht einmal besonders aufgefallen, hätte Mussbach, inzwischen seines Postens an der Staatsoper verlustig gegangen, sich nicht über einige Änderungen in seinem Libretto (und über Torsten Fischer, den Ersatz-Regisseur) empört und prompt versucht, seinem Ex-„Hölderlin“ auf dem sowieso steinigen Bühnenweg unvorhersehbare Schwierigkeiten zu machen, als habe der arme Hölderlin auf seinem tragischen Lebensweg nicht schon reichlich genug zu erdulden gehabt.

Aber mit Hölderlin und seinem Leben hat das nach ihm benannte Bühnenwerk sowieso wenig zu tun, außer, dass es sich zitatweise seiner Lyrik bedient. Es geht ja bei dieser „Expedition“, wie Ruzicka sein Musiktheaterstück im Untertitel genannt hat, um weit mehr als die biographische Aufarbeitung eines Dichterlebens. Es geht, zusammengedrängt auf vier pausenlos in einander übergehende Akte, um eine Art Biographie der Menschheit: ihre Errettung durch Götterhand vor dem sicheren Untergang, ihre Abkehr von den Rettern, ihren Dauerstreit, ihre Dauerangst, ihre eher beklemmenden Hoffnungen.

Es setzt anschaulich gemachte Philosophie, serviert in fein abgeschmeckter, kennerisch aufbereiteter musikalischer Sauce. Keine Frage: Drei Sterne für „Hölderlin“! Nur kann sich das neugierige Ohr an Ruzickas durchaus bewunderungswürdiger Kunstleistung nicht gerade satt essen. Es bleibt auf seinem Appetit lange und bange sitzen. Es versucht, sich in das Neuland, das diese „Expedition“ unter Ruzickas ungemein verständiger Leitung durchpflügt, durchaus geduldig einzuhören. Es durchsitzt artig und kunstergeben die pausenlos zweistündige Aufführung. Es muckst keinen Augenblick auf. Am Ende rafft es sich auf zu einem geradezu freundschaftlich respektvollen Erlösungsjubel. Ruzicka sieht sich gefeiert. Er hat es verdient.

Seine Musik bläst nie musikdramatisch die Backen auf. Sie bleibt eher aphoristisch, beschränkt sich auf geistvolle Einwürfe, Unterstreichungen, Ausrufungszeichen. Sie führt Instrumentationskünste vor, die von der Staatskapelle mit ausgezeichnetem Sachverstand realisiert werden. Stets bleibt Ruzicka geschmackvoll am Ball. Doch diesen Ball gibt es nicht immer. Er verschwindet unter dem inszenatorischen Hin und Her, zu dem Torsten Fischer das um 13 Schauspieler aufgestockte vorzügliche Sänger-Ensemble treibt, an seiner Spitze markant Dietrich Henschel. Fischer treibt es geradezu mit Vorliebe durch immerfort hoch aufspritzende Pfützen. Die Menschheit steht bis zu den Knöcheln sozusagen im Dauerregen.

Herbert Schäfer hat dem Geschehen wie dem Nicht-Geschehen die höchst sehenswerte, immer kregele Bühne gebaut, deren Nacktheit in immer wechselndem Licht eindrucksvoll zu leuchten, wenn auch nicht immer einzuleuchten versteht. Am packendsten gelingt die Nachzeichnung des Menschenelends unter der Diktatur, auch der des Krieges mit ihren anrollenden Panzern, den Verhaftungswellen, der namenlosen Ängste. In diesen Szenen des 3. Aktes nehmen Ruzicka, Mussbach und Fischer im düsteren, von Projektionen durchwaberten Verein die Aufmerksamkeit voll gefangen. Es setzt Pessimismus pur.

Am Ende tut sich das Himmelstor auf

Ruzicka singt der Menschheit das Hohe Lied der Hoffnungslosigkeit. Er komponiert beklemmende Bilder. Immer wieder heißt es: „Was geht denn hier vor? Das darf doch nicht sein!“ Aber es vollzieht sich dennoch, wenn auch vor erschrockenen Augen. Die Menschheit bekommt sich, wie im Leben so auch in Ruzickas verstörendem Musiktheater, nicht in den Griff.

Wenn am Ende dieses langen Tages bitterer Reise in die Nacht dennoch lyrisch bewegte Violinstimmen sich in immer höheren Diskant hinaufsingen, als wollten sie der Menschheit zumindest das Himmelstor aufsperren, klingt diese unvermutete, plötzliche Sanftheit wie eine schöne Lüge aus dem heiligen Hölderlin-Fundus.

Staatsoper Unter den Linden 7, Berlin-Mitte. Tel.: 030-20354555. Nächste Aufführungen: 21. 25. und 29. November.