Premiere

Bode-Museum als Unterwelt für Orpheus

Im Gedenkjahr 2009, zum 200. Todestag, stehen uns wieder einige Inszenierungen von Haydn-Opern ins Haus. Der Dirigent und Regisseur Christoph Hagel gibt schon jetzt den Startschuss mit "Orpheus und Eurydike". Als Spezialist für ungewöhnliche Spielorte hat sich Hagel diesmal das Bodemuseum ausgesucht.

Es gibt keine Rettung. Weder für den Opernkomponisten Joseph Haydn noch für den mythischen Sänger Orpheus. Haydns letztes Bühnenwerk, 1791 entstanden, endet mit dem Tod des Orpheus, wie auch im Original, bei Vergil und Ovid. Glucks berühmte Fassung von 1762 wirkt mit ihrem Happyend fad und unglaubwürdig - ist aber musikalisch weitaus überzeugender. Das bessere Libretto enthüllt insofern Haydns Unfähigkeit, in die letzte Tiefe der menschlichen Seele vorzudringen. Anders als Orpheus, anders auch als Monteverdi oder Strawinsky, die sich ebenfalls der schönsten aller Liebessagen annahmen, bringt Haydns Musik keine Tiere, Bäume und Steine zum Weinen, geschweige denn die Götter der Unterwelt.

Der lebenslustige Haydn aus Niederösterreich - war er in Wahrheit vielleicht eine tragische Gestalt? "L'Anima del Filosofo" oder "Orfeo ed Euridice" entstand in London, wurde aber erst 1951 in Florenz von Erich Kleiber uraufgeführt. Die Eurydike sang Maria Callas. Halten konnte sich das Werk genauso wenig wie die anderen fast 20 Haydn-Opern.

Hagels Berliner Inszenierung - die hieisge späte Erstaufführung -findet für Orpheus immerhin eine attraktive Spielstätte: das Bode-Museum, dessen byzantinische Kunstschätze ja auch mit Thrakien, der Heimat dieses Mythos, in enger Beziehung stehen. Die pantomimische Ouvertüre findet im Kuppelsaal statt. Dann geht es in die Basilika. Hier dominiert italienische Renaissance, hier kann sich Orpheus wie zu Hause fühlen. Akustisch ist das freilich für Alexander Geller nicht einfach, sein kräftiger Tenor attackiert empfindliche Trommelfelle unvermeidlich. Auch die Berliner Symphoniker haben mit der halligen Halle zu kämpfen, die nun einmal nicht als Opernhaus konzipiert wurde; dumpf der Gesamtklang, verwaschen die Konturen, vermag das von Christoph Hagel geleitete Trüppchen nur durch seine Leidenschaft zu überzeugen.

Die Arien werden italienisch gesungen, die Rezitative deutsch. Gespielt wird auf einem Laufsteg. Als Dekoration genügt ein einziger Olivenbaum. Die Optik ist schlicht. Den Kostümen zufolge ist nicht Lila, sondern Weiß die Modefarbe der Saison. Wohin man sieht, nur Unschuld. Bei Amor, neckisch getanzt von Christian Schorer, mag das noch angehen, auch bei den drei Nymphen (originelle Choreographie: Sabina Ferenc). Doch wenn sich die Damen zum Schluss in Bacchantinnen verwandeln und Orpheus zerreißen, müsste es mit der Unschuld eigentlich vorbei sein. An dieser entscheidenden Stelle versagt leider auch die Musik.

Sie hat indes durchaus Meriten, etwa gleich am Anfang, als sich Eurydike im Wald verirrt und erstmals, aus der Ferne, Orpheus zu hören ist: Haydn begleitet die Szene mit einer betörenden Spieluhr-Musik, als wollte er andeuten, dass ab jetzt die Zeit läuft und das Ende schon begonnen hat. Auch die Verzweiflungs-Arie des Orpheus angesichts des Todes seiner Geliebten lässt aufhorchen durch ihren Furor. Und unvergesslich schön in seiner grandiosen Schlichtheit - etwas, das nur Haydn konnte! - ist der Trauer-Chor "Ah, sposo infelice". Überhaupt sind die Chöre ein ebenso erstaunliches wie erfreuliches Kennzeichen dieser Oper; wenige Stimmen genügen, ihnen in der Basilika Wirkung zu verleihen.

Monica Garcia Albea gibt eine elegante, stimmlich nie zu stark auftrumpfende Eurydike, Darlene Ann Dobisch sorgt als Genio für den machtvollen Gegenpart. Doch den größten Applaus heimste am Ende jemand ein, der gar nicht sang, sondern tanzte: Manu Laude in der Rolle des Todes begeisterte durch expressives Spiel und athletische Luftnummern. Ihm fiel es auch zu, Eurydike die fatale Schlange zu bringen. Das Tierchen wirkte zahm, aber Besucher mit Reptilienphobie sollten besser die erste Reihe meiden. Hörer mit Haydn-Phobie haben noch einmal die Chance, ihre Meinung zu überprüfen.

Bodemuseum Museumsinsel, Mitte. Tel. 0180/54 470. Täglich, 20.30 Uhr. Bis 14. Dezember.