Es ist dunkel im Saal. Oben auf der Bühne stehen die Stars des Abends: vier Frauen und zwei Männer - allesamt gut aussehende Tänzer, auf jeden fällt ein Scheinwerferkegel. Blicke irren nervös durch den riesigen, vollen Saal. Wahrscheinlich rekapitulieren die Tänzer zum hundersten Mal ihre Schrittkombinationen. Hoffentlich gehorchen gleich die Beine. Dann endlich die ersten Töne. Billy Crawfords "Crackin'" erschallt aus der Konserve. Die Tänzer zucken los: hier eine Drehung, da ein Sprung, dann ein Kick - von Aufregung keine Spur mehr. Die Welle der Begeisterung schwappt auf die Zuschauer über. Die kennen nicht nur den Song, sondern sind mit jedem Schritt, jeder Drehung vertraut, singen den Refrain lautstark mit, klatschen frenetisch und feiern den temperamentvollen Tanz. Es ist nicht irgendein Tanz. Was da oben auf der Bühne präsentiert wird, ist vielmehr ein Remake der hippen Choreografie, die in Billy Crawfords Video zu sehen ist.

"Wenn dir 2.000 oder 3.000 Menschen zujubeln, dann fühlst du dich wie ein echter Star", schildert die 20-jährige Kauffrau Katrin Ludwig ihren Auftritt mit glänzenden Augen. Sie bildet mit Andre Blomesath, den Schülerinnen Janina Grintz und Daniela Mba sowie den Geschwistern Silke und Matthias Willnich die Tanzformation "Jaydee". Vor zwei Wochen haben die Bocholter sich in Wuppertal für die Deutsche Meisterschaft "Dance 4 Fans" qualifiziert. Sie haben den zweiten Platz hinter der Euskirchener Gruppe "Joy of Dance" erreicht. Doch was verbirgt sich hinter "Dance 4 Fans"?

Es ist der innige Wunsch der Jugendlichen, so zu tanzen wie die Stars in den Videoclips, die sie täglich auf MTV und Viva bestaunen. Michael Jackson war wohl der erste, der mit seinem legendären "Moonwalk" professionelles Tanzen in den Videoclips etablierte. Heutzutage ist eine gute Choreografie ein Muss für jeden Sänger und kann sogar zu einem Markenzeichen des Popstars werden. So sind die Bauchtanzeinlagen der Latinosängerin Shakira das Erkennungsmerkmal der schönen Sängerin, und dem Bauchtanz verhilft sie damit weltweit zu einer Renaissance. Was Millionen von Fans seit Jahren begeistert, hat der Allgemeine deutsche Tanzlehrerverband (ADTV) nun für sich entdeckt. Es ist ein wahrer Goldesel.

1997 hob der ADTV das Konzept "Dance 4 Fans" aus der Taufe. Damit die Jugendlichen lernen können, die Hüften wie Jennifer Lopez zu schwingen, die Bewegungen von Britney Spears zu imitieren, hatte der ADTV die Idee, die Rechte an den Star-Schritten von den Plattenfirmen zu kaufen. Der Verband arbeitet dann mit den Choreographen der Popvideos zusammen. Da ist beispielsweise die Tanzschule Wels-Heitmann in Bocholt, der auch Jaydee angehören. Sie bieten das Programm seit 1998 an. Gesine Wels, die Mitinhaberin des Studios, erzählt, dass sie allein dieses Jahr 300 Schüler und Schülerinnen im Videoclip-Dance unterrichtet hätten. "Schon die Sechsjährigen stürmen unsere Kurse", sagt Gesine Wels. Um Starchoreografien anbieten zu können, muss die Tanzschule eine Lizenz beim ADTV "für einige Tausender" erwerben. Außer der Lizenz muss jede Choreografie zusätzlich bezahlt werden. Wie teuer ein solches Paket genau ist, will Gesine Wels aber nicht verraten. Zusätzlich wird von den Tanzschulen verlangt, dass sie ihre Lehrer zu einer speziellen Schulung schicken: Ein so genanntes Instructorseminar.

In den achtziger Jahren lockte "Dirty Dancing" die Fans in die Tanzstudios. In den Neunzigern war es Lou Begas Hit "Mambo Number five". Der Boom des beginnenden neuen Jahrtausends heißt Videoclip-Dancing. Allein in den Tanzschulen von NRW sind schätzungsweise 40.000 im Videoclip-Tanzfieber. Dazu kommen einige Tausende, die die neuen "Tänze" in Sportvereinen und Jugendclubs lernen. Denn für diese Vereine, die vom Mitgliederschwund junger Leute schwer gebeutelt sind, bietet sich endlich eine Chance, mit innovativen Projekten das Durchschnittsalter zu senken.

Galten Tanzschulen in den letzten Jahren bei Jugendlichen als verstaubt, so erleben sie jetzt eine Wiedergeburt. In neuer Form: So wird eine typische Tanzschulsituation nicht mehr auftauchen: Es gibt keine Mauerblümchen mehr, die beschämt, peinlich berührt in der Ecke stehen. Denn im Videoclip-Dancing tanzt man solo.

Die Mitglieder der Bocholter Startruppe "Jaydee" hatten nie Berührungsängste mit konventionellen Tanzschulen. Die Älteren der Gruppe, Matthias, Andre und Silke, tanzen schon seit zehn Jahren. "Bei mir hat es mit Latein-Formation angefangen", sagt Silke, und ihr Bruder Matthias fügt hinzu: "Für mich ist Tanzen einfach eine Möglichkeit Fitness mit Spaß zu verbinden, es lenkt von der Arbeit ab und schafft einen Ausgleich." Die drei gründeten mit Katrin Ludwig die Gruppe vor anderthalb Jahren. Vor einem Jahr gewannen sie die Deutsche Meisterschaft im Videoclip-Dance. Danach hatten sie die Chance auf einen Plattenvertrag, doch der kam nicht zu Stande, weil es für zwei von ihnen bedeutet hätte, die Lehre abzubrechen.

Für Videoclip-Dancing braucht man viel Kondition, muss also trainieren. Phantasie ist kaum gefragt. Denn die Tänzer richten sich auch mit dem Outfit nach ihrem musikalischen Vorbild. Natürlich tragen die Mädchen bei der Kopie von Madonnas "Tell me" Cowboyhüte, für die Choreografie von Crawfords Song wählte Jaydee weite Hosen und lässige Shirts. Um Geld für teure Kostüme zu sparen, greifen sie auch selbst mal zu Nadel und Faden oder verschönern gekaufte Kleidung mit Accessoires. Einen Sponsor haben sie nicht. "Es ist einfach noch zu neu", sagt der Elektroinstallateur Matthias, " die Leute, bei denen wir anfragen, können sich mit den Standardtänzen identifizieren, aber Videoclip-Dance ist noch nicht so akzeptiert".

Neben dem "Dance-4-Fans"-Projekt sind Jaydee auch als Dancefloor-Gruppe aktiv: Hier können sie auch eigene Ideen einbringen - Figuren und Schrittkombinationen erfinden. Doch was macht dann den Reiz von "Dance 4 Fans" aus? Die Gruppen konkurrieren immer mit ihren Stars auf dem Clip. Sie können sich direkt an den Profis messen. Und mancher von den Laien ist vielleicht sogar besser als sein populäres Idol. Wenn das nicht gut für das Selbstbewusstsein ist.

Die sechs Bocholter sind fast jeden Tag im Tanzcenter anzutreffen. Momentan, wenige Tage vor der Deutschen Meisterschaft im "Dance 4 Fans" (am kommenden Samstag in Hamburg), muss täglich trainiert werden: mindestens zwei Stunden, und das nach einem achtstündigen Arbeitstag. Aber schließlich will die Truppe auch in diesem Jahr wieder Meister werden.