Wenn Länder sich begegnen, begegnen sich auch Menschen und in beiden Fällen, das macht den Reiz der Sache aus, weiß man vorher nie, wie es ausgeht. Sie können sich, wie Mongolen und Nordkoreaner in „Hyazgar“ vorsichtig annähern, sie können aber auch, wie Amerikaner und Mexikaner in „Bordertown“ einen veritablen Clash of Civilizations hinlegen. Im ersten Fall wird viel geschwiegen, im zweiten viel gerannt. Im Kino ist nur leider das eine manchmal zu wenig und das andere zu viel.

Und dann gab es an diesem Donnerstag ja noch die Partie französischer Mann gegen französische Frau zu bestaunen, in „Ne touchez pas la Hache“ (Die Herzogin von Langeais). Und wenn Mann und Frau sich begegnen, ob Franzosen oder nicht – das macht den Reiz dieser Sache aus – sind Annäherung und Zusammenprall nicht immer voneinander zu unterscheiden. Mal sieht es nach Annäherung aus und endet mit einem Zusammenprall, mal prallt man erst heftig zusammen, um sich dann annähern zu können. In „Die Herzogin¿“ gibt es beide Varianten. Und wenn es so heftig kommt, Annäherung und Zusammenprall, Zusammenprall und Annäherung, bleibt meist einer auf der Strecke. Oder auch beide. Und manchmal auch ein Film Doch der Reihe nach.

Der Tag begann um neun Uhr mit „Hyazgar“ (Wüstentraum), einem südkoreanisch-französischen Wettbewerbsbeitrag, bei dem ein Chinese Regie geführt hat und der in der mongolischen Steppe, nah an der Grenze zu China, spielt. „Hyazgar“ behandelt die in der Kinogeschichte bis dato viel zu wenig beachtete Frage, was eigentlich passiert, wenn eine nordkoreanische Flüchtlingsfrau mit ihrem Sohn plötzlich vor der Jurte eines mongolischen Hirten stehen, dessen Frau und Tochter sich soeben nach Ulan Bator davongemacht haben, die Nordkoreaner nicht Mongolisch, der Mongole nicht Koreanisch spricht und die Wüste sich unaufhaltsam ausbreitet. Die Antwort lautet: Nicht viel, das aber in schönen Bildern. Bodennebel über der mongolischen Steppe, Frauensilouette vor mongolischer Abendröte, Mongole auf Pony trifft Mongole in Panzer – und das auf einer Sanddüne. Der Rest lässt sich in etwa so zusammenfassen: Lasst uns noch einen Setzling pflanzen.

Ein Film im Tempo einer Wanderdüne

Düne ist überhaupt ein gutes Stichwort. Zhang Lu, der chinesische Regisseur, fasst das Wüstenmotiv im „Wüstentraum“ so weit, dass er die Geschichte einer Annäherung mit dem Tempo einer Wanderdüne erzählt. Das mag zwar mit Blick auf den beschrieben Prozess stimmig sein – man nähert sich in aller Regel ja nicht sandsturmartig an. Doch so früh am Morgen hat man damit doch arg zu kämpfen. Und so kann es einem passieren, das man so gegen zehn Uhr jene Erfahrung macht, die andere berufsbedingte Berlinale-Gänger nicht immer nur früh am Morgen machen: Die Augen fallen einem zu. Und da hilft nur ein: Sofort aufstehen, das Kino verlassen und – allen Trinkgewohnheiten koreanischer Mongolen aus China zum Trotz – sich an die nächste Kaffeebar flüchten. Später erfahren wir noch von einem Kollegen, einem ganz ausgeschlafenen, dass wir eine „endlose Sex-Szene“ verpasst haben, bei der nicht klar wurde, wie der Kollege weiter kundtat, ob es sich dabei um eine Vergewaltigung handelte oder „etwas ganz Animalisches“. Das hätte uns an diesem Morgen gerade noch gefehlt.

Am Mittag steht dann USA gegen Mexiko auf dem Programm. Sie treffen in „Bordertown“ aufeinander, der mexikanischen Grenzstadt Juarez. Hier haben, der Nordamerikanischen Freihandelszone sei Dank, viele US-Firmen „Maquillas“, billige Fabrikationshallen, errichtet in denen Frauen für einen Hungerlohn und unter Fronbedingungen Unterhaltungselektronik für den nordamerikanischen Markt zusammenschweißen. Dutzende dieser Frauen wurden vergewaltigt, umgebracht, in der Wüste verscharrt. Eine Zeitung aus Chicago schickt ihre Starreporterin Lauren Fredericks (Jennifer Lopez) nach Juarez, um darüber zu berichten. Und damit nimmt das Unheil seien Lauf – das filmische wohlgemerkt.

Jennifer Lopez kann gut tanzen

Wenn in einem Film, bei dem es um Serienmord, Ausbeutung, politische Intrigen und die Ungerechtigkeit der Weltwirtschaftsordnung geht – und zudem noch auf realen Vorgängen basiert – so von Minute 75 an heftig gekichert und zum Ende hin sogar offen gelacht wird, ist irgendetwas schief gelaufen. Fürchterlich schief sogar. Das eine, das schief gelaufen ist, ist Jennifer Lopez. Sieht man sie Schauspielerin, denkt man stets, sie ist bestimmt eine gute Sängerin. Hört man sie singen, denkt man, sie sei bestimmt eine gute Schauspielerin. Die Wahrheit lautet aber: Sie kann gut tanzen. Ergo: Hätte Frau Lopez ihre Rolle getanzt, wäre weniger gekichert und gelacht worden. Und das zweite, das schief lief, ist schlichtweg, dass Regisseur und Drehbuchautor auf ihre im Kern spannende, ja sogar wichtige Geschichte, so viel Hollywood-Pampe draufgekleckert haben, dass darunter jedes echte Gefühl, jede wahre Figur verloren geht. Man nehme nur die Journalistin Fredericks. Auch ohne das Pech, von Jennifer Lopez gespielt zu werden, sähe es nicht gut um sie aus. Sie ist selbst mexikanischer Abstammung, verleugnet ihre Wurzeln aber, da der Vater umgebracht wurde, die Mutter früh starb, sie von Amerikanern adoptiert wurde und daher amerikanischer als die Amerikaner werden wollte und nun vor Ehrgeiz nur so strotzt. Im Land ihrer Eltern entdeckt sie aber die Mexikanerin in sich und die Menschlichkeit auch noch, weshalb sie fortan ihre Haare nicht mehr färbt und sich so rührend um ein Vergewaltigungsopfer kümmert, dass sie sich, vor die Wahl zwischen Karriere und Wahrhaftigkeit gestellt, für letzteres entscheidet. Wow! Besonders apart ist jene Szene, in der Fredericks ihrer Schutzbefohlenen erläutert, was „Karriere“ ist – und Jennifer über Lopez spricht: Karriere, so sagt sie, ist, wenn man etwas mit aller Macht will – und am Ende feststellt, dass man gar kein Leben hat. Auweia. Wir hätten einen Tipp, wie Frau Lopez das ändern könnte: Stop acting! „Borderline“ jedenfalls, das wäre unser zweiter Tipp, wird den Berlinale-Juroren am berühmten Hintern von Jennifer Lopez vorbeigehen.

Bleibt also noch Mann gegen Frau, die dritte Paarung des Tages. Jacques Rivettes „Ne touchez pas la Hache“ (Die Herzogin von Langeais), der Mann-Frau-Film, lässt sich vergleichsweise kurz zusammenfassen: Mann (Guillaume Depardieu) trifft Frau (Jeanne Ball-Bar); erst liebt sie ihn nicht, dann er nicht mehr sie, sie jetzt aber ihn. Sie geht ins Kloster, er will sie dort rausholen, doch als er das versucht, ist sie schon tot. So weit, so melodramatisch.

Sittengemälde einer Gesellschaft im Umbruch

Doch Rivettes Film ist weit mehr als das. Er ist das Sittengemälde einer Gesellschaft im Umbruch. „Die Herzogin¿“ basiert auf einer Novelle von Honoré de Balzac, die wiederum Teil der „Menschlichen Komödie“ ist, Balzacs 91 Bände umfassendes Prosawerk. Die Gesellschaft im Umbruch ist das Frankreich zur Zeit der Restauration, das Alte hat gesiegt, doch das Neue lässt sich nicht mehr ganz zurückdrängen. Aristokratie und Bürgertum formieren eine Übergangsgesellschaft, in der Heuchelei, Oberflächlichkeit, das Geld regieren. Alles wird zum Spiel, zum Vergnügen, zum belanglosen Zeitvertreib. Auch die Gefühle – vor allem die der anderen. Die Herzogin von Langeais ist ein typisches Produkt dieser Zeit. Sie spielt mit den Gefühlen des aufrecht liebenden Armand, einem Bürgerlichen und somit Prototyp jenes Balzacschen Leitmotivs, wonach die Entfesselung wahrer menschlicher Leidenschaft erst in der bürgerlichen Gesellschaft möglich wurde. Die Herzogin liebt nicht – und hält den Liebenden zum Narren. Sie ist die Mächtige, er Spielball. Als sich die Vorzeichen verkehren, stellt dies auch die Machtverhältnisse auf den Kopf. Aus Macht wird Ohnmacht, aus Ohnmacht Macht.

Bleibt nur noch das Fazit des Tages. Wir haben uns heute also Mongolei gegen Nordkorea, USA gegen Mexiko und französischen Mann gegen französische Frau angeschaut – und zwischendurch, das gestehen wir, ein wenig in „Vanity Fair“ geblättert. Und beim Blättern sind wir auf unser Tagesfazit gestoßen, ausgesprochen von Klaus Wowereit. Der Regierende Bürgermeister unserer Berlinale-Stadt hat einmal gründlich um sich geschaut und festgestellt: Uns geht's gut.