Erstmal muss man anerkennend feststellen, dass das Line Up des Abends einem Drei-Sterne-Menü entsprach, für alle, die es gerne etwas deftiger, sprich rockig haben. Anlässlich der Popkomm veranstaltete das Musikmagazin Uncle Sally's nämlich das Festival Sally'Sounds und hatte dafür zahlreiche Acts zusammengetrommelt, die Hinternwackeln und Haareschütteln garantieren: unter anderem die erstaunlich guten Strokes-Epigonen The Kilians, die britischen Indie-Zöglinge The Rifles oder die Dresdener Synthiepopper von Polarkreis 18. Außerdem hatte man noch ein zusätzliches As im Ärmel. Denn das Dessert war wie immer der Sahneschnitte vorbehalten. Zum Abschluss des Abends spielten Travis.

Ein Mensch, der sich nur dem Zeitgeist und seinen Klängen verpflichtet fühlt, wird jetzt grübeln. Travis, Travis, waren das nicht die wimmernden Kerlchen mit dem Regensong? Äh ja, sagen wir, Travis war die schottische Band, die in den Neunzigern dem so genannten Britpop wunderbar zärtliche Melodien zuführte und eine wahre Flut an Nachahmern fand. Ohne Travis hätte es Coldplay nie gegeben. Sie waren die ersten, die Schrammelgitarren mit himmlischen Gesangslinien und Ohrwurmpotential verbanden und dabei niemals Gefahr liefen, in eine Großkotzigkeit à la Oasis zu verfallen. Sie schrieben Lieblingslieder am laufenden Band, "Sing" oder "Turn". Doch irgendwann schien die Freundlichkeit Gefahr zu laufen, sich in Harmlosigkeit zu verwandeln, das letztjährige Album "The Boy With No Name" klang beinah beliebig. Travis zogen die Notbremse und stellten alle Zeichen auf Neuanfang.

Das Ergebnis ist das mutige, soeben erschienene Album "Ode to J. Smith", das in nur drei Monaten geschrieben und in einer Rekordzeit von zwei Wochen aufgenommen wurde. Dieses Affentempo steht Travis gut: Die Gitarren jaulen, es gibt Chorgesänge auf Lateinisch, ein hämmerndes Schlagzeug und ein pochendes Herz: Denn Travis klingen zwar wilder als sonst, ihre Seele haben sie aber nicht verloren, die ist noch immer weich und entwaffnend ehrlich. Zudem hat Fran Healy in diesem Jahr die zweitbeste Entscheidung seines Lebens getroffen: Er ist mitsamt Frau und Kind nach Berlin umgesiedelt.

Es hätte also ein zauberhaftes Heimspiel werden können, ein Gig, der Kennedys Ausspruch "Ich bin ein Berliner" endlich ein musikalisches aktuelles Äquivalent verleiht. Leider ging alles schief. Was jedoch nicht an Travis lag, die spielten wunderbar und mit Verve, eventuell jedoch an den Freigetränken, die die Popkomm-Meute zum Wanken brachte. Der Tonmann an diesem Abend sollte jedenfalls schnellstens dem Alkohol entsagen: Der Sound war eine Zumutung. Übersteuert und grell, eine Qual für das Trommelfell. Merke: Rock soll in die Beine gehen, aber nicht in den Ohren schmerzen. Wir sagen: Sorry, Travis, und bis zum nächsten Mal.