„Wer“, fragen besonders wissbegierige Zeitgenossen, „war eigentlich Sammy Davis sr.?“ Mit Sven Unterwaldt jr. ist es wie mit Sammy Davis jr.: Der „Junior“ ist Überbleibsel der Zeit, als der sich vom namensgleichen Vater abgrenzen musste. Solch Emanzipation kann schwer sein, wenn beide das gleiche tun, singen und tanzen, wie Davis sr. und jr. Sie kann aber auch schwer sein, wenn Vater und Sohn grundverschieden sind.
Sven Unterwaldt wollte nie Beamter werden wie sein Senior, dem es ein Horror wäre, nicht zu wissen, was er nächstes Jahr macht. In den Schuljahrgangsbüchern steht bei Junior, seit er 14 war, unter Berufswunsch: Regisseur. „Ab 14 habe ich jedes Jahr mit meiner Super-8-Kamera einen Vierzigminüter gedreht. Der erste hieß ,Trip nach Transsylvanien’. Diese Filme habe ich tatsächlich in kleinen Kinosälen in Timmendorfer Strand oder Scharbeutz vorgeführt. Man wusste, der Unterwaldt kommt einmal im Jahr, die 400 Sitze waren auch immer ausverkauft.“ Erste Filmaufträge trudelten ein, wie der vom Malteser Hilfsdienst, und selbst dieses Werk wurde komisch, obwohl es die MHD-Arbeit nicht ist. Aber der Regisseur hatte im Gymnasium ja Englisch als Leistungskurs belegt, einzig und allein, weil er die Pythons im Original verstehen wollte.
Ach ja, die Genealogie der Klamotte. Die beiden Haupt-Spaß-Lieferanten des deutschen Kinos – Bully Herbig (drei Filme in eigener Regie/21,7 Millionen Zuschauer) und Sven Unterwaldt (drei/8,1) – unterscheiden sich bei den geistigen Vätern ihres Humors nur unwesentlich. „Zuerst die Gebrüder Zucker, dann die Pythons“, sagt das Münchner Pflanzerl. „Nummer eins die Pythons, Nummer zwei die Zuckers“, gesteht das Nordlicht. Die Naheliegenden, wie Valentin oder Polt, stehen Herbig fern. Unterwaldt gibt Respekt für Polt und Loriot zu Protokoll – und erzählt begeistert, wie er sich in der Achtzigern Video-Kassetten der „Saturday Night Live“ aus Amerika kommen ließ, die er auf MTV entdeckt hatte.
Die Pythons wie die Zuckers und die Samstagnächtlichen blödelten sich über etablierte Kanäle zum Ruhm, im Gegensatz zu Deutschland, wo nur die Privaten Spielwiesen für Jungkomiker bereitstellten. Sven Unterwaldt begann als unbezahlter Praktikant bei einem Ein-Prozent-Reichweite-Sender, dem just geschlüpften RTL. Viele der Nummern, die er da für Hape Kerkeling, Hella von Sinnen oder Klaus & Klaus schrieb, würde er heute am liebsten aus seiner Vita radieren, aber sechs Jahre lang jede Woche fünf Sketche zu inszenieren, schärft das Humorhandwerkszeug, wie die 800 Folgen „Bayern-Cops“, die Bully Herbig einst für Radio Energy ersann.
Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden liegt im Drang zur Selbstdarstellung. Ob Woody Allen oder Otto, Charlie Chaplin oder Bully, das Schreiben und Inszenieren sind eigentlich nur notwendige Hilfstätigkeiten, um den Komiker besser zur Geltung bringen zu können.
Sven Unterwaldt ist derartiges Zurschaustellen fremd. Seit 17 Jahren lebt er in Köln, und doch, sobald die große Entblößungsorgie namens Karneval beginnt, flüchtet er regelmäßig aus dieser Stadt. Er ist ein Ingenieur des Humors, kein Besessener, und Ingenieure bleiben in der Regel unbesungen. Wer kennt Norman Taurog, der in den ersten zehn Jahren von Jerry Lewis’ Kinokarriere die meisten seiner Filme inszenierte? Und wer Werner Jacobs, der hinter den Filserschen Lausbubengeschichten stand und hinter den Lümmeln von der ersten bis zur letzten Bank und hinter Willi, der das Kind schon schaukelte?
Lässt man diese Geburtshelfer der Klamotte Revue passieren, passiert etwas Merkwürdiges. Unterwaldt mag noch so sehr seine Vorbilder auf der Insel und überm großen Teich verortet, in der Praxis landet er doch meist auf kontinental-heimischem Terrain. In seiner Lübecker Kindheit haben ihn die tschechischen und russischen Märchenfilme des DDR-Fernsehens beeindruckt, und deren verwaschene Erdfarben finden sich in den „7 Zwergen“ wieder. In denen steckt zwar dank der 1,97 Meter des Bodybuilders Norbert Heisterkamp, der den Zwerg Ralfie als eine Art Euro-„Shrek“ gibt, auch ein Strähnchen physische Comedy, die sonst der Deutschen Sache wenig ist. Aber ansonsten wird viel in Ottoscher Tradition sprachgeblödelt, vor allem von Pinocchio, der in einem Monolog berichtet, der „Holz-Nasen-Ohren-Arzt“ habe ihm strengste „Brettruhe“ verordnet. Es sind derbe Scherze, aber hinter ihnen steht kein grober Klotz, sondern fast märchenhafte Naivität. Aus diesem Grund hat Unterwaldts „Siegfried“ mit dem Proll Tom Gerhardt auch nicht wirklich funktioniert.
Wie jeder gute Handwerker weiß Unterwaldt, wie er seine Möbel abzuschleifen hat, damit sein Publikum bequem sitzt. Für Testvorführungen holt er Kinder, und danach holt er ihr Urteil ein, denn „es ist besser, wenn einige Erwachsenen sagen, sie fänden den Film furchtbar, dafür aber viele Kinder gleich dreimal ins Kino gehen“. Kalkofes „Wixxer“ und Herbigs „(T)raumschiff“ waren mit einer Altersfreigabe ab sechs zufrieden, Unterwaldts „7 Zwerge“ ist mit Blick auf das Freigabealter null gedrechselt.
Keine guten Voraussetzungen für ein Zusammentreffen der Generationen.
„Mein Vater ist eine Beamtenseele, die dagegen war, dass ich mich in das fahrende Volk einreihe“, sagt Unterwaldt. „Selbst Erfolge können ihn bis heute nicht davon überzeugen, dass dies ein seriöser Beruf ist. Er war noch nie auf einer Premiere von mir. ,7 Zwerge – Männer im Wald’ hat er immerhin im Nachhinein gesehen und zwar bis zum Ende. Er hat nicht nach drei Minuten abschaltet wie meinen ersten Film „Wie die Karnickel“. Das war für ihn Sodom und Gomorrha.“ Das „jr.“ hat der Sohn inzwischen getilgt. Im Abspann steht nur noch „Sven Unterwaldt“.





