Seit dem 11. September 2001 herrscht in den Vereinigten Staaten eine ständige Angst vor weiteren terroristischen Angriffen. Die Furcht sitzt so tief, dass auch größere Eingriffe in die persönliche Freiheit der Bürger bisher kaum auf Widerstand gestoßen sind.

Selbst ein so allumfassendes Überwachungsszenario, wie es D.J. Caruso in seinem Paranoia-Film "Eagle Eye - Außer Kontrolle" entwirft, wirkt vor diesem Hintergrund erschreckend glaubwürdig. Ein wirkliches Geheimnis ist das Ausmaß der Überwachung nicht. Selbst in den Nachrichten ist die Rede davon, dass Mobiltelefone mittlerweile vom Staat als Abhörgeräte benutzt werden können. Aber allem Anschein nach haben die Amerikaner längst aufgehört, sich Gedanken über den Spionagewahn ihrer Staatsorgane zu machen.

Davon profitiert in Carusos Politthriller auch der von Michael Chiklis gespielte Verteidigungsminister. Aus Sorge um die Sicherheit der Nation hat er die Inbetriebnahme eines Supercomputers genehmigt, der die Menschen auf Schritt und Tritt beobachtet und ihre gesamte Kommunikation überwacht.

Das allein ist schon erschreckend genug. Aber Caruso und seine vier Drehbuchautoren ziehen die Schraube der Paranoia gleich mehrere Drehungen fester an. Als der US-Präsident entgegen der Empfehlung dieses allmächtigen Computers, der mit einer sanften, aber äußerst bestimmten weiblichen Stimme spricht, den Befehl zu einem Anti-Terror-Einsatz im Mittleren Osten gibt und damit sinnlos Hunderte von Zivilisten opfert, ergeht es dem Verteidigungsminister wie Goethes Zauberlehrling.

Schon bei "Disturbia", D.J. Carusos letztem Film, musste mit "Fenster zum Hof" ein Hitchcock-Klassiker als Blaupause herhalten. Für "Eagle Eye" hat er gleich zwei Werke des Altmeisters des Suspense geplündert. Das Finale seines bizarren Verschwörungsszenarios erweist sich als deutliche Hommage an "Der Mann, der zuviel wusste".

Doch zuvor hat er sich an einer runderneuerten Version von "Der unsichtbare Dritte" versucht. So wie einst Cary Grant und Eva Marie Saint zu Gehilfen einer Verschwörung wurden, werden nun der gänzlich ambitionslose Jerry Shaw (Shia LaBeouf) und die alleinerziehende Mutter Rachel Holloman (Michelle Monaghan) in ein perfides Attentatsszenario hereingezogen. Eine mysteriöse Stimme am Telefon gibt ihnen Befehle und bewahrt sie zugleich vor den FBI-Agenten, die in Gestalt von Billy Bob Thornton und seinem Team erbarmungslos Jagd auf sie machen.

Eigentlich hat "Eagle Eye" alles, was man sich von einem hochaktuellen Politthriller erhoffen kann. Bisher hat kein Filmskript die Möglichkeiten und Gefahren, die mit unserer allgegenwärtigen Computer- und Kommunikationstechnologie einhergehen, derart plastisch heraufbeschworen. Außerdem beruft sich D.J. Caruso auf genau die richtigen Vorbilder, wenn er neben Hitchcock auch Alan J. Pakula und Sydney Pollack seine Referenz erweist.

Doch anders als in den Arbeiten seiner filmischen Paten gehen bei ihm Action und Ideen kaum einmal Hand in Hand. Caruso verschwendet seine ganze Energie und seinen ganzen Einfallsreichtum auf gar nicht enden wollende Achterbahn-Sequenzen. So verliert sich ein nach leisen, nachdenklichen Zwischentönen verlangendes Verschwörungsszenario, das nebenbei noch einige zentrale Ideen und Grundlagen der amerikanischen Demokratie zur Diskussion stellt, in lauten Zerstörungsorgien und wilden Schnittfolgen.

Dabei betont Caruso zu Anfang sogar noch die kafkaesken Züge, die die amerikanische Wirklichkeit seit dem "Patriot Act" angenommen hat. Sofort, nachdem der gerade vom Begräbnis seines Zwillingsbruders kommende Jerry Shaw den ersten Anruf erhalten hat, stürmt ein Sonderkommando des FBI seine Wohnung, die sich zudem noch in seiner Abwesenheit seltsamerweise in ein wahres Waffenlager verwandelt hat.

Von diesem Moment an ist Jerrys Schicksal besiegelt. Wie Josef K. hat auch er keine Chance. Hat sich die Maschinerie der Staatsgewalt einmal in Gang gesetzt, ist alles andere bedeutungslos. Dass er vielleicht unschuldig sein könnte, interessiert niemanden. Wenn Shia LaBeoufs ahnungsloser Jedermann dann in einem unpersönlichen Verhörraum dem von seiner Schuld überzeugten Billy Bob Thornton gegenübersitzt, begreift man schlagartig, dass Kafkas Fiktionen von der Realität längst überholt wurden.