Dass auf Murano Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden, weiß jeder, der einmal einen venezianischen Nippesshop betreten hat oder Omas Nachlass auflösen musste. Sollte Venedig eines Tages tatsächlich im Meer versinken, den Glasbläserarbeiten der Kitschinsel würden wir jedenfalls keine Träne in die Lagune nachfallen lassen. Commissario Guido Brunetti hätte sich auch nie träumen lassen, einmal am Glasbläserofen zu stehen, statt daheim bei Paola die leckersten Schweinereien zu verspeisen, schon mittags Weißwein zu schlürfen und ansonsten in der friedlichsten Stadt Europas nicht viel zu tun zu haben. Vielleicht gerade weil er nicht sonderlich viel zu tun hat, stolpert er, das kennen wir nun schon aus diversen seiner inzwischen 15 Fälle, eher durch Zufall über etwas, das möglicherweise ein Fall werden könnte.
Ein alter Nippesproduzent, wird Brunetti zugetragen, bedroht seinen Schwiegersohn. Dem will der altersstarrsinnige Glasbläser, der des öfteren zu tief ins Selbstproduzierte guckt, nichts vererben. Brunetti schippert nach Murano und hört sich um. Kaum ist er da, liegt eine Leiche vor einem Silikonofen. Es ist nicht der Schwiegersohn, es ist ein Mann, der zuviel gelesen hat. Naja.
Es geht um Widerstand gegen Globalisierung und Umweltverschmutzung, es geht um Korruption und Karrieregeilheit. Man erfährt mal wieder viel vom inneren Wesen unseres kleinen venezianischen Dorfes, das sich ähnlich in wahrscheinlich jedem Inneren des globalen Dorfes findet.
Vor allem aber lernt man, dass auf Murano noch ganz andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden. Und die haben weniger was damit zu tun, dass Menschen Luft in geschmolzenen Sand blasen. Fabrikanten pusten derart viel Gift ins Lagunenwasser, dass man - glaubt man Donna Leon - wohl besser gleich mit dem Leben abschließen sollte, wenn man mal aus der Gondel in einen Kanal fällt. Unangenehm. Aber einer der besseren Romane der potentiell unendlichen Reihe.
Donna Leon:Wie durch ein dunkles Glas.Aus d. Amerikan. v. Christa E. Seibicke. Diogenes, Zürich. 343 S., 21,90 Euro.

