Die chinesische Fahne flattert am Flaggenmast – dabei ist es im Olympiastadion, dem Vogelnest, wie es immer genannt wird, völlig windstill. Ein kleiner Propeller am Mast lässt die Flagge stramm stehen, denn hier wird nichts dem Zufall überlassen. Bei der Abschlussfeier der 29. Olympischen Spiele in Peking soll der Welt eine perfekte Show geboten werden, eine makellose Darstellung Chinas.
Schon bei der Eröffnungsfeier war der Ehrgeiz groß, dafür verjagte man Gewitterwolken mit Raketen und nahm das Feuerwerk vorsichtshalber bereits eine Woche vorher bei schönem Wetter auf. Auch der glockenhellen Stimme des chinesischen Mädchens Yang Peiy wurde für die Feier ein hübscheres Gesicht zugeteilt, für sie stand Lin Miaoke auf der Bühne und machte nur den Mund auf und zu.
Alberne Tricksereien oder eine groß angelegte Täuschung? Man mag darüber streiten. Fest steht, dass dies nicht die Momente sind, an die wir uns auch in Zukunft erinnern, die wir mit den Olympischen Spielen in Peking verbinden werden.
Denn was wirklich im Gedächtnis hängen bleibt, sind die Momente, die nicht geplant werden konnten. Die großen und kleinen sportlichen Überraschungen, aber auch die persönlichen, emotionalen Momente dieser Spiele. So wie der des Matthias Steiner, dem starken Mann mit dem großen Herzen. Der mit 461 in die Höhe gestemmten Kilos Gold gewann und den Sieg seiner Frau Susann widmete, die bei seinem Triumph hätte dabei sein sollen. Die schon für ein Ticket nach Peking gespart hatte und dann bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben kam. Steiner blieb nur ein Foto von seiner Frau, auf der „seine Susann“ lächelt, aber das geht um die Welt: Als der 25 Jahre alte 145-Kilo-Mann auf das Siegertreppchen steigt, hält er es hoch, gemeinsam mit seiner Goldmedaille. Er sei nicht abergläubisch, wird er später sagen, aber dennoch hoffe er, dass Susann ihn in diesem Moment gesehen habe.
Die besten Sprüche der Olympischen Spiele:
Es lief nicht gut für die deutschen Schwimmer bei diesen Olympischen Spielen, eine Niederlage jagte die nächste. Franziska van Almsick, diesmal als ARD-Expertin am Beckenrand, fehlten immer häufiger die Worte für das, was ihre Schwimmkollegen da ablieferten.
Und dann kam er doch noch: Der große Tag der Berlinerin Britta Steffen. Über 100 Meter Freistil holte die Schwimmerin Gold – ein Erfolg, der ihrer Vorgängerin van Almsick immer verwehrt geblieben war. Doch statt Triumph zeigte Steffen tiefe Dankbarkeit, fiel van Almsick aufgelöst in die Arme. „Danke für alles!“, hörte man die Olympiasiegerin durch van Almsicks Mikrofon schluchzen, „du hast mir so sehr geholfen.“
Auch die Olympia-Zweite von Athen zeigte später noch Gefühl: Als sie im Studio mit Reinhold Beckmann über den Sieg ihrer Nachfolgerin sprach, kullerten auch Franzi die Tränen über die Wangen. Und bei so manchem Zuschauer.
Chinas Achillesferse
51 Goldmedaillen holten die Chinesischen Athleten am Ende der Spiele und doch hätte sich das ganze Land über eine wohl besonders gefreut: Die des Hürdenläufers Liu Xiang, dem Hoffnungsträger in der Leichtathletik. Doch was beim Start über 110-Meter-Hürden im Vogelnest abspielte hatte schon eine ganz besondere Dramatik: Nach einem Fehlstart sank der chinesische Läufer mit schmerzverzerrtem Gesicht in sich zusammen, machte kehrt und humpelte in Richtung Umkleide. Eine Entzündung der Achillessehne bremste ihn, ließ ihn nicht laufen, so sehr er auch wollte. Zurück blieb ein entsetztes Publikum, die Stadionränge leerten sich schnell. Die Tränen in den Augen des enttäuschten Publikums, sie riefen auch bei den Zuschauern tiefes Bedauern auf über so eine verpasste Chance.
Auch das ein Moment, den so niemand inszenieren würde. Ein Moment, der überraschend kam und gerade deshalb so beeindruckte. Mehr vielleicht, als ein angekündigter achtfacher Olympiasieg von Michael Phelps oder ein überheblicher 100-Meter-Spaziergang von Usain Bolt. Es gab viele solcher Momente bei Olympia. Solche, die denen Gold brachten, die nie damit gerechnet hätten. Und solche, die denen alle Hoffnung nahmen, die schon siegesgewiss waren.
Wir zitterten mit Fabian Hambüchen
Wir litten mit dem deutschen Zweier-Canadier, der im Finale kenterte. Wir freuten uns mit Lena Schöneborn, die überraschend den ersten Platz im Modernen Fünfkampf gewann. Wir zitterten mit Fabian Hambüchen um einen Medaillenplatz, nachdem er in einer früheren Wettkampfrunde so unglücklich vom Reck gestürzt war.
Als Moderator Johannes B. Kerner kurz vor der Abschlussfeier resümierte, was er von den Spielen mitnehmen würde, sagte er, dass sie irgendwie „blutleer“ gewesen seien. Auf die inszenierten Feiern, die gedrillten Turnerinnen, die Rekorde mit Ankündigung mag das zutreffen. Nicht aber auf Momente, die Gänsehaut beim Zuschauer erzeugten, die spontan und unerwartet passierten. Es gab sie, die großen Emotionen bei diesen Olympischen Spielen. Sie sind es, die überdauern werden.




























