Vergangenen Mittwoch kurz vor Mitternacht in der ARD. Ein weißhaariger Herr, der vorgibt, der große Harald Schmidt zu sein, wartet mit einer Enthüllung auf: Er habe entdeckt, dass der ZDF-Reporter Rudi Cerne in Peking nicht nur von den Spielen berichten, sondern seine Fahndungssendung „XY ungelöst“ produzieren soll.
Dann lässt sich der angebliche Schmidt vor chinesischen Schildern filmen, auf denen aufgemalte Polizisten erklären, wie man sich vor Neppern, Schleppern und Bauernfängern schützt. Schließlich findet der Weißhaarige vor dem Olympiastadion eine Hand im Gebüsch. Als hätte man es nicht gewusst: Die Chinesen haben nicht nur Leichen im Keller, sondern auch in den Grünanlagen vor ihren Stadien.
So wurde im ansonsten komplett unwitzigen Olympia-Talk „Waldi & Harry“ ein Leitmotiv der Olympiaberichterstattung freigelegt: Den Journalisten vor Ort scheint es vor allem darum zu gehen, nach Indizien zu fahnden, die belegen, dass Olympia in Peking nichts anderes ist als eine große Inszenierung, die Schlimmes verbergen soll: Menschrechtsverletzungen, Doping sowie Manipulationen aller Art.
Heraus kam dabei bisher, dass bei der Eröffnungsfeier die Chinesen den übertragenden Sendern Aufnahmen vom Feuerwerk als Livebilder unterjubelten, die in Wirklichkeit vor mehreren Monaten aufgenommen worden waren. Das kleine Mädchen, das hereinschwebte, sang nicht, sondern bewegte nur die Lippen. Und es stellte sich heraus, dass es sich bei in Pulks auftretenden, gelb gewandeten Zuschauern um angeheuerte Claqueure handelt, die gebraucht werden, um die mitunter etwas leeren Tribünen aufzufüllen.
Shocking! Doch sind diese Ergebnisse angesichts des Eifers, mit dem die lieben Kollegen zu Werke gehen, nicht ein bisschen mager? Was ist mit den chinesischen Turnerinnen, die aussehen wie zwölf, aber laut Regelement mindestens 16 Jahre alt sein müssen? Und wann wird endlich nachgewiesen, dass die seltsame Weltrekordflut der Schwimmer auf Doping zurückzuführen ist?
Womöglich aber gehen solche Fragen am Kern des Problems vorbei. Denn dass Olympia eine heile Sportwelt nur simuliert, ist ja kein Geheimnis. Wer sich wie der „Stern“ in seiner aktuellen Ausgabe wundert, dass die Spiele von Peking „kein unbeschwertes Fest des Weltsports“ sind, kann sich ebenso gut darüber empören, dass es sich bei den Kulissen der „Lindenstraße“ in den Studios von Köln-Bocklemünd nicht um eine reale Münchener Straße handelt. Interessant an der Berichterstattung aus Peking ist, dass die Medien nun eine Simulation infrage stellen, an deren Produktion sie – seit Leni Riefenstahls Olympia-Film von 1936 – maßgeblich beteiligt sind.
Dabei gibt es die realen Probleme, mit denen sich Olympia in China herumschlägt, schon lange: Was den Athleten von heute anabole Steroide und Gen-Doping sind, war dem Sieger des Marathonlaufs der Spiele von 1904 Thomas Hicks (USA) Strychnin, das er während des Rennens mit rohem Ei und Brandy zu sich nahm. Bekanntlich durften vor China schon Nazideutschland und die stalinistischste Sowjetunion der Breschnew-Ära Olympische Spiele ausrichten. Vergleichsweise neu ist hingegen die von Juan Antonio Samaranch beförderte Totalkommerzialisierung Olympias, die dem IOC den Ruf eintrug, einer der korruptesten Sportverbände der Welt zu sein.
Der spröden Berichterstattung des Senders Eurosport ist das alles einerlei. Ohne Analysen und Hintergrundberichte wird live aus Peking berichtet.
Ganz anders geht es bei ARD und ZDF zu, wo man vor lauter Hin- und Hergeschalte zwischen Studio und Wettkampfstätten nie so recht weiß, ob man eine Konserve oder einen Livebericht sieht. Inhaltlich verfolgen beide Sender eine Doppelstrategie. Natürlich müssen sie bewegende Bilder der Spiele liefern. Der Mythos Olympia zieht schließlich Zuschauer. Doch offenbar sind Reporter beider Anstalten angehalten, auch ein Wort über die Menschenrechtslage in China und zum Thema Doping zu verlieren.
Besonders auffällig ist dabei ARD-Moderator Reinhold Beckmann, sonst eher bekannt für weichgespülte Fragen. Doch seit er im vergangenen Jahr den des Dopings verdächtigen Jan Ullrich ins Kreuzverhör nahm, scheint das Thema ihn nicht mehr loszulassen. Dem ehemaligen Schwimmstar Michael Gross wollte Beckmann entlocken, dass die vielen Weltrekorde in Peking nur durch Doping zu erklären seien. Der Ex-Schwimmer tat ihm den Gefallen nicht.
Es gibt Kritiker, die dem ARD-Moderator vorwerfen, mit pseudokritischen Fragen investigative Recherche zu simulieren. Doch jenseits aller Simulationen kommt während der Übertragungen aus Peking mitunter auch das Reale zu seinem Recht. Beim ZDF war das vergangenen Dienstag der Fall.
Die Livesendung aus China näherte sich ihrem Ende, als Katrin Müller-Hohenstein und Johannes B. Kerner noch einen Auftritt hatten. Die beiden wollten auf ihre Sendung mit den Höhepunkten vom Tage hinweisen. Der Anblick des Duos war durchaus gewöhnungsbedürftig. Statt im Moderatorenhabit trat es in Privatkleidung vor die Kamera. Kerner trug kurze Hosen, Müller-Hohenstein knallrosa Plastiklatschen der Marke Crocs. Mitunter gibt es eben doch Momente, in denen einiges für eine gute Simulation spricht.




