Der Film „The Queen“ befasste sich mit dem Premierminister mindestens so lustvoll wie mit seiner Königin. Man sah, wie Michael Sheen als Tony Blair bei seiner E-Gitarre, einer schwarzen Fender-Stratocaster, Halt fand. Blair übte sein Amt im Fantrikot des FC Newcastle United aus. Während ihm sein Berater nahe legte, sich beim Volk beliebt zu machen, stieg Blair über Kinderspielzeug. Ein mit allen Abwässern der Popkultur gewaschener Regierungschef, der Politik in erster Linie als PR verstand.

Bereits die Übernahme des Parteivorsitzes fiel zusammen mit dem Höhepunkt des BritPop. 1994 warfen Blur ihr Album „Parklife“ auf den Markt, Oasis debütierten mit der Platte „Definitely Maybe“, die Hüllen wurden mit „Buy British“-Aufrufen beklebt. Die Kunstszene begrüßte gerade festlich die „Young British Artists“. Blair erklärte: „Pop ist unsere Art zu leben.“

Bill Clinton und sein Saxofon

1997 folgte der berühmte Erdrutschsieg der Labour Party. Als sich Tony Blair nun nach zehn Jahren vor die Kameras stellte und das Ende seines Amtes auf den 27. Juni dieses Jahres legte, sagte er: „Ich tat, was ich für richtig hielt. Ich mag mich geirrt haben. Das müssen Sie entscheiden.“

So nimmt nicht nur Blair und dessen Art des pflichtbewussten Populismus Abschied. Mit ihm geht ein Typus des Politikers, den nicht allein eine Parteikarriere prägte, sondern die Erfahrungen einer noch relevanten Popkultur. Bill Clinton tauchte 1992 auf. Wo er nur konnte, blies er Saxofon, um sich den Namen „Elvis mit dem Rechenschieber“ zu verdienen. „Mehr Fan als Star, mehr er selbst als Elvis, aber vielleicht gerade Elvis genug“, befand der Publizist Greil Marcus.

Gerhard Schröder spielte zwar kein Instrument, doch wo die Scorpions oder Marius Müller Westernhagen musizierten, war er selten weit. Niemals vergaß der Kanzler, seinen Fußballernamen „Acker“ zu erwähnen. Schröders Pop-Einflüsterer hieß Dieter Gorny, „Viva“-Gründer, Lobbyist und Vordenker des deutschen Pop-Standorts.

George W. Bush und die Dixie Chicks

Angela Merkel mag rein sachpolitisch eine Art New Labour pflegen, aber sie steht eher für eine neue Nüchternheit. Es geht darum, die Vorhaben seriös und glaubhaft darzulegen, es geht wieder weniger darum, sie zu verkaufen. Argumentativ hat Pop längst ausgedient.

Selbst Jacques Chirac gab sich chamäleonhaft und nahm es sich zu Herzen, als ihm während der Atomtests ein paar HipHopper ihr „Fuck Chirac!“ entgegen brüllten. Nicolas Sarkozy nimmt HipHop nicht mal wahr, nur noch das wegzukärchernde Gesindel. George W. Bush ist immer noch verwirrt, weil ihn die Dixie Chicks als propere Countryband nicht mögen. Großbritannien wartet nun auf Gordon Brown, einen Politiker des alten Schlages.

Aber passten Pop und Politik jemals zusammen? Es gab Augenblicke, die tatsächlich daran glauben ließen: Als Bill Clinton „Heartbreak Hotel“ blies. Als Schröder den noch kleineren Klaus Meine von den Scorpions in die Höhe hob und selber wie ein Riese wirkte. Und als Blair dem Magazin „Vanity Fair“ mit seinem „Cool Britannia“-Titel 1997 recht gab und Noel Gallagher, den kreativen Kopf der Band Oasis, in die Downing Street zum Sektempfang einlud. Die Bilder wurden zu Ikonen. Allerdings bevorzugt, um die Einfalt aller Popstars oder die Gefallsucht von Politikern zu illustrieren.

Schlimmer als Maggie Thatcher

Man kann sagen: Die Beziehung zwischen Pop und Politik hat sich beizeiten abgekühlt, sie ist gescheitert. Was sich von der Blairschen Politik nur schwer behaupten lässt, nicht einmal von Noel Gallagher, der sich für den Besuch beim frisch gebackenen Premierminister heute tüchtig schämt. „Wenn Sie sich das von ihm mitverantwortete Irak-Debakel wegdenken, hat Tony Blair eine erstklassige Bilanz vorzuweisen“, äußert Gallagher.

Die ursprünglichen Hoffnungen der links sozialisierten Popgemeinde waren ja auch eher romantischer Natur. Als erster spürte dies der Sänger Damon Albarn (Blur), der sich mit Tony Blair schon 1995 traf und sich dabei auch Alastair Campbell gegenübersah, dem kühlen Spin Doctor, der unberechenbaren Künstlern grundsätzlich als Feind begegnete.

Blairs Wahlkampf wurde unterstützt von Alan McGee, der als Entdecker von Oasis und Betreiber einer Plattenfirma reich geworden war. McGee ließ unter seinem Namen vom Strategen Campbell sogar Wahlempfehlungen für Zeitungen schreiben. Desillusioniert bezeichnete McGee den eifrigen Deregulierer Blair später als „größeres Übel als Maggie Thatcher“.

Pulp sang "Cocaine Socialism"

Es wirkt heute wie ein beiderseitiges Missverständnis, als sich Tony Blair bei den Verleihungen der Brit Awards 1995 einfand und fragte, wer der Jugend wieder Hoffnung gebe: Blair natürlich und Oasis. Labour sorgte später aber für die Einführung von Studiengebühren, eine Zwangsbeschäftigung arbeitsloser Jugendlicher und eine rigide Drogenpolitik.

Und auch das ältere, traditionellere und ländliche Britannien machte Blair mit „Countryside Ralleys“ darauf aufmerksam, dass es als Wahlvolk einiges zu melden hat. Blair sah es ein. Bald sah er dafür demonstrierende Musiker im Unterhaus. Die Gruppe Pulp sang vom „Cocaine Socialism“.

Der Irak-Einsatz der Briten trennte Pop und Labour-Politik endgültig voneinander bei Veranstaltungen wie „Wrong War“ und „One Big No“. Hier traten alle wieder auf, die Blair zunächst begrüßt oder ihn immerhin als „kleineres Übel“ an die Macht begleitet hatten.

BritPop ist nun kompetent, aber verwechselbar

Niemand wird je klären können, wie gezielt die Popkultur von Tony Blair für seine Politik benutzt wurde. Hat er „Big Brother“-Insassen und Elton John zum Tee geladen, weil er sich von ihnen wie von Rupert Murdoch öffentlichen Schutz versprach? Oder hat seine legendäre Hochkultur-Abneigung nur den Kreis der Kandidaten eingeengt? Hat ihn der eigene Instinkt getrieben oder die Berechnung seiner Spin-Doktoren?

Jedenfalls hat ihm die Popkultur dazu gedient, vor allem Wirtschaftspolitik zu propagieren und die Industrie zur „Kreativwirtschaft“ im Sinne einer „Dienstleistungsgesellschaft“ umzubauen, schamlos zu privatisieren und zu kürzen und zu reformieren. Bis die Wirtschaft wirklich brummte und Ideologien und Parteiprogramme kauzige Erfindungen vergangener Zeiten waren. Heutige BritPop-Bands wirken wie Gordon Brown, der künftige Premierminister: kompetent aber verwechselbar.

Der Pop bedient sich der Verführung, also seltener der demokratischen Legitimierung. Und Opportunisten mögen grauenhafte Lieder machen aber nicht die schlechteste Regierungspolitik. Als singender Gitarrist war Tony Blair mit seiner Band, den Ugly Rumours, bereits an der Universität gescheitert. Als jeder Verantwortung enthobener Politiker wird Blair dort residieren, wo die Londoner Rockpaläste stehen.

Zu den Nachbarn wird dann auch Madonna zählen, die den Pop inzwischen als Politikum verkauft.