Man ist es ja gewohnt, dass die Berliner Dinge in der Öffentlichkeit tun, die andere sich nicht mal in den heimischen vier Wänden trauen. Ziemlich weit vorn ist da immer noch das Pärchen, dass sich auf dem U-Bahnhof Schönleinstraße morgens um halb sieben beim Sex zugucken ließ, er hinter ihr, schützend den Stinkefinger hochhaltend. Kurz dahinter: Der Koch, der nur mit Schürze bekleidet am Checkpoint Charlie an einem mobilen Herd Gemüse schnippelte.

Überhaupt scheint sich der Berliner gerne vor den Augen anderer nackig zu machen. Egal ob Nackt-Yoga in Schöneberg, Nackt-Fußball in Mitte oder Schlagernacktparty in der ganzen Stadt. Das gemeinsame Ausziehen geht schließlich schon im Babyalter los, wenn die Mütter in Steglitz oder Prenzlauer Berg ihren Nachwuchs beim obligatorischen Pekip-Kurs ohne Strampler und Windel über eine Gummimatte robben lassen und ihn dabei besingen. Eine Freundin von mir bekam bei einem solchen Kurs neulich einen Lachkrampf, was ihr den Zorn der Teilnehmerinnen einbrachte. Sie sollte doch bloß eine Nacktschnecke imitieren.

Als Nackter hat man es aber auch nicht leicht. Denken wir nur an die Frau, die sich vergangenen Oktober in einem Café im Görli ausgezogen hatte, und der Besitzerin, die sie rausschmeißen wollte, den nackten Hintern entgegenstreckte. Das Ganze endete dann mit einem Polizeieinsatz. Ich habe Derartiges in einem Berliner Café noch nicht erlebt. Dafür aber eine Frau, die sich beim Latte macchiato die Augenbrauen gezupft hat. Oder einen Mann, der in einem Charlottenburger Café plötzlich kleine Modellsoldaten auspackte und anfing, diese zu bemalen. Oder der, der an seinem Tisch laut und deutlich einen Vortrag geübt hat. So nackig muss man sich erst mal machen.