Neulich habe ich eine Geschichte über eine Berlinerin gelesen, die von Beruf „Berührerin“ ist. Sie berührt also Menschen, vermutlich auch im übertragenen, vor allem aber im praktischen Sinne, und packt damit, wie sie sagt, ein Problem unserer Zeit an: Wir sind mit ganz vielen Menschen pausenlos verbunden, das Einzige, was wir regelmäßig streicheln, ist aber unser iPhone.
Und weil sich das so vertraut anfühlt, gehen wir höchstens soweit, uns auf diesem „Cuddlr“ runterzuladen. Diese App soll Menschen in der Umgebung zum Kuscheln zusammen bringen. Allerdings läuft diese bei weitem nicht so gut wie ihre große Schwester-App „Tinder“, die Menschen in der Umgebung zum Sex zusammen bringt.
Es stimmt halt etwas nicht mit der Berliner Kuschelfraktion. Stattdessen findet unsere Generation eine andere Lösung: Einfach den Namen des Empfängers einer E-Mail oder SMS von beiden Seiten in fünf Klammern setzen – fertig ist die virtuelle Umarmung. Ob das allerdings reicht, um das Hormon Oxytocin auszuschütten, das der Körper bei zärtlichen Berührungen frei setzt, und das Stress und Angst mindert sowie das allgemeine Wohlbefinden steigert? Kein Wunder, dass die Berührerin in ihrer Kreuzberger Praxis alle Hände voll zu tun hat.
Angefasst genug
Wobei ich glaube, dass die Berliner nach so einem Wochenende mit Lokführerstreik angefasst genug sind. Zumindest mit denen, die mit der Bahn in den Urlaub fahren wollten, möchte man doch nicht in Berührung kommen.
Und die, die in der bis unters Dach gefüllten, stickig-stinkenden U-Bahn quer durch die Stadt gondeln mussten, haben für die nächsten Monate genug von der Berührung fremder Menschen. Psychologen der Universität Haifa haben zudem herausgefunden, dass das ach so tolle Oxytocin auch neidisch und aggressiv macht. Der Selbstversuch am Sonnabendabend in der U2 zwischen Zoo und Rosa-Luxemburg-Platz hat dieses Ergebnis bestätigt: Ich war nahe dran, mich für einen der wenigen Sitzplätze zu prügeln.
Vielleicht also doch lieber zur Kreuzberger Berührerin. Dort erhalten Sie bei Vorlage dieser Kolumne übrigens 50 Prozent Rabatt auf Anfassen aller Art.
Okay, kleiner Scherz. Da in den Arm nicht geht, wollte ich Sie zumindest auf den Arm nehmen.



