Ich stehe schon lange als Lichtgestalt zur Verfügung. Mich wollte nur keiner. Zu dubios, entschieden meine Mitschüler, als ich Schülersprecher werden wollte. Nicht entschlossen genug am Ball, entschied der Trainer der Fußballmannschaft in der C-Jugend. Endlich derjenige sein, auf den alle gewartet haben – ich habe diesen Traum zu früh aufgegeben. Wer hätte aber auch ahnen können, wie wenig Volk der Volkspartei SPD im Jahr 2017 noch zur Verfügung steht. Mit Sozialdemokraten wie Michael Müller, der aus der schlimmsten Niederlage seiner Berliner SPD noch eine „Aufbruchstimmung“ saugen muss.
Mit einer Regierungschefin im SPD-Land Nordrhein-Westfalen, die permanent den Eindruck macht, sie müsse eine Silberhochzeit ausrichten, die sie lieber verschwiegen hätte. Mit einer SPD in Bayern, die gegen die CSU so chancenlos ist, dass die bayrischen Sozis lieber untereinander Streit anfangen. Unter solchen Umständen braucht es nur einen kleinen Hops, und schon liegt man als roter Messias in der Krippe. Martin Schulz verbreitet um sich eine Kuschelstimmung. Wie die Jukebox in einer Kneipe, in der der Wirt tatsächlich noch einen Bleistift hinter dem Ohr hat.
An der Box lässt sich „Griechischer Wein“ wählen, und genauso selbstverständlich spielt auch Kanzlerkandidat Schulz sozialdemokratische Evergreens. Ist angeblich gerührt von „hart arbeitenden Menschen in Deutschland“. Auch wenn sich zwischendurch viele Menschen treffen lassen, denen es gut geht, nachdem sie ihre Work-Life-Balance in Richtung „Leben“ verschoben haben. In Frankreich tritt mit Emmanuel Macron ein Präsidentschaftskandidat an, der keine Sozi-Schwitz-Folklore braucht. Er hat ein ganz persönliches Interesse an der entfernteren Zukunft, denn er wird im Dezember erst 40 Jahre alt.
Monsieur Macron war bereits in der Wirtschaft erfolgreich und ist mit einer 24 Jahre älteren Frau verheiratet. Wahrscheinlich wäre uns so einer als Heiland viel zu aufregend. Wir Deutschen sind nun mal mehr Bulette. Von denen die eine oder andere durchaus eine Offenbarung sein kann.
Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost. Er arbeitet seit rund 25 Jahren als Journalist, Radio- und TV-Moderator sowie Buchautor. Aktuell moderiert er unter anderem regelmäßig beim Rundfunk Berlin-Brandenburg die Sendungen "Thadeusz" und "Thadeusz und die Beobachter". 2000 wurde er gemeinsam mit dem Team der WDR-Kultsendung "Zimmer frei!" mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.


