Single Mom

Ein Kind ist schwerer zu erziehen als zwei Kinder

Einen Monat bin ich nun mit meiner Tochter alleine – und habe nun viel Empathie für Ein-Kind-Eltern, meint Caroline Rosales.

Gruppendynamik funktioniert bei der Erziehung, beobachtet Caroline Rsales

Gruppendynamik funktioniert bei der Erziehung, beobachtet Caroline Rsales

Foto: Sai de Silva/unsplash/Reto Klar/Montage: BM

Berlin. Mein Vater hatte damals, als wir klein waren, eine Theorie. Er sagte immer zu meiner Tante und meinem Onkel, dass es einfacher sei, sechs Kinder statt eines ins Bett zu bringen, und blieb häufig mit allen Kindern abends alleine, während meine Mutter, meine Tante und mein Onkel ausgingen. Die hatten vier Kinder und wir waren zu zweit. Manchmal waren auch noch meine Cousins dabei, dann waren wir schon acht. Die Formel galt immer noch: Acht sind einfacher zu betten als eines.

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Als ich dann selbst Mutter wurde, fiel mir auf: Er hat recht. Was mühte ich mich nicht mit meinem Kleinkindsohn abends ab und meine Freundin Anna mit ihrem. „Wie machen die Erzieher das nur im Kindergarten?“, fragten wir uns. Mit zehn kleinen Kindern. Als dann nach zwei Jahren meine Tochter geboren wurde und noch ein Jahr später, als beide EIN Zimmer bewohnten, wusste ich endgültig: Gruppendynamik funktioniert. Zwei Kinder sind wirklich einfacher als eines. Ah, halt, ich höre schon die ersten Protestrufe. Okay, okay, nicht immer, aber oft. Man kocht nur einmal, kauft nur einmal Spielzeug und (räusper) man muss nur einen Film runterladen.

Nun sind die Tochter und ich allerdings seit drei Wochen allein. Der Sohn ist auf Reisen mit seinem Vater, und Tochter und ich erleben exklusiv den Sommer zu zweit in Berlin. Es sind Kita-Ferien, ich habe Urlaub. Und wir haben sehr, sehr viel Zeit zu zweit. Sie ist vier Jahre alt, sie war und ist ihr ganzes Leben die Zweite. Und endlich hat sie ihre Mutter mal ganz für sich. Wie romantisch ich mir das ausgemalt hatte. Mama und Tochter würden sich endlich näherkommen, Mädchendinge machen, ich würde sie endlich mal genießen können, ohne dass ihr Bruder dazwischenquatscht.

Dass das Ganze SO NICHT laufen würde, erkannte ich spätestens dann, als wir vor einer Woche für einen Mini-Trip nach München fuhren. Ich hatte ein paar berufliche Termine, zwei Gesprächstermine, sie musste mit.

„Nein“, rief sie, als ich ihr davon erzählte, und warf die Einkaufstüte mit dem neuen Badeanzug, den ich gekauft hatte, auf den Boden. Wir schlenderten gerade durch die Münchner City. „Das hebst du auf“, schimpfte ich. „Nein“, sagte sie und trat die Tüte mit ihrer Sandale. „Du hebst das jetzt auf, das habe ICH DIR gekauft“, sagte ich wesentlich lauter. Die ersten Passanten blickten sich um. Am Ende hatte ich meine Handtasche, die Tüte und SIE auf dem Arm. Sie natürlich SCHREIEND, ich im Stechschritt, um den Termin nicht zu verpassen.

„Maaamaa, wann gehen wir“

Dort angekommen, gab es dann mehrere Anläufe, eine Apfelschorle zu bestellen, ein Glas ergoss sich über den Tisch. Genau in den Schoß des Geschäftstermins, der beteuerte, dass das alles gar nicht so schlimm sei. Ich gab ihr mein Handy, meine Kaugummis, ich leerte meine Handtasche. Nur die kleinste Beschäftigung musste doch funktionieren. Stattdessen ständig: „Maaamaa, wann gehen wir.“ Die Kellner schauten mir mitleidig zu. Der Gesprächstermin musste dann auch ganz schnell los, und meine Tochter versicherte mir noch, dass ich eine blöde Mama sei, aber ob wir jetzt nicht doch noch schwimmen gehen könnten. Und ich war natürlich den Tränen nah.

„Müsst ihr euch immer streiten“, fragte mich mein Freund später im Hotelzimmer – und jetzt fühlte ich mich endgültig selbst wie ein Vierjährige und Versagerin.

Also war es an der Zeit für Vernunft. Ich schluckte meinen Ärger runter und ging zu ihr hinüber. Sie saß gerade auf ihrem Bett, ein Hotelzimmerklappbett, und kämmte eine Puppe.

„Weißt du, Lili, wir sind ein Team“, sagte ich zu ihr. „Aber ich bin auch Teil des Teams.“

Ich blickte nach unten, und sie tat es auch. Folgte da etwa Einsicht?

„Mama?“

„Ja“, sagte ich und blickte auf.

„Gehen wir jetzt schwimmen?“

„Ja“, sagte ich, seufzte und streichelte ihr über den Kopf.

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