Ich kenne meine Freundin Juli bereits seit über zehn Jahren. Damals studierte sie noch und wir zogen natürlich mit Mitte 20 von Party zu Party. Schon damals blickte ich zu ihr auf, denn Juli war schon immer ein bisschen cleverer als die anderen. Nach und nach baute sie sich eine kleine Firma auf. Das machte sie sehr gut, sodass sie locker manchmal mehrere tausend Euro die Woche verdiente. Für ihr Studium bezog sie nie Bafög – warum auch, sie führte doch selbst einen fünfstelligen Betrag im Jahr an Steuern ab. Juli hatte immer Unternehmergeist – und Ehrgeiz.
Vor sechs Jahren kam sie mich abends zu Hause besuchen. Mit einer Flasche alkoholfreien Sekt in der Hand. Ich war hochschwanger mit meiner Tochter und freute mich. „Das ist aber aufmerksam“, sagte ich zu ihr. „Keine Sorge, ich bin auch schwanger“, antwortete sie und mir fiel die Kinnlade runter. Mit dem Vater hatte sie genau ein Date gehabt. Dann wurden die einfachen schönen Dinge sehr kompliziert und Juli war somit alleinerziehend ab dem Tag der Geburt ihres Kindes. Doch was vielen von außen schwer schien, sah bei Juli leicht aus. Sie wusste, sie würde dank ihrer letzten Steuererklärung (zu viel verdient) kein Elterngeld bekommen, und beantragte es erst gar nicht. Nein, sie arbeitete mit Baby einfach weiter, und wenn ihr Kind krank wurde, musste sie halt an ihr Erspartes gehen.
Kosten für privaten Kindergartenplatz
Zugang zu einer gesetzlichen Krankenkasse hatte sie nie, zu dumm, sie war ja auch nie fest angestellt. So bleibt Juli bis heute nichts anderes, als für Tausende Euros im Jahr privat versichert zu sein – auch hier: Kein staatliches Sozialsystem, das einspringt, jeder Cent kommt aus ihrer eigenen Tasche.
Und es geht noch weiter. Weil in Julis Bezirk Prenzlauer Berg die Kindergartenplätze knapp sind (340.000 Plätze fehlen bundesweit) und sie leider nicht so viel Zeit hat, beim Bezirksamt Schlange zu stehen und ihren gesetzlichen Kindergartenplatz notfalls noch einzuklagen, hat sie ihr Kind vor zwei Jahren in einem privaten Kindergarten angemeldet. Die Einrichtung ist zwar verpflichtet, Kita-Gutscheine der Stadt anzunehmen, verlangt aber dafür 300 Euro monatlich extra.
„Wenn ich jetzt ewig einen Platz suche und nicht mehr arbeiten kann, verliere ich mehr Geld, als wenn ich das monatlich einfach zahle“, erklärt sie mir. Ja, das leuchtet ein. Also, fassen wir zusammen. Juli hat NIE in ihrem Leben staatliche Leistungen in Anspruch genommen, bekommt keinen Unterhalt und zahlt, trotz Baby und Doppelbelastung durch Job und Muttersein, weiterhin den Spitzensteuersatz. Richtig, sie bekommt 180 Euro Kindergeld monatlich, aber auch das ist ein Posten in der Steuererklärung und würde mit ihrem Unterhalt vom Kindesvater, den sie nicht bekommt, verrechnet werden. „Es wäre günstiger für mich, mit meinem Kind verheiratet zu sein, als es groß zu ziehen“, rechnet sie mir vor.
Die Fleißigsten werden am härtesten bestraft
Tatsächlich müssen Alleinerziehende in Deutschland fast so viele Steuern zahlen wie Singles. Das heißt: Sie werden in Deutschland von der Politik gegenüber Familien mit zwei Erwachsenen benachteiligt. Sie profitieren als Angestellte nicht vom Ehegattensplitting und sind sie selbstständig, können sie auf geringe Entlastungsbeiträge hoffen.
„Mir ist das alles zu politisch“, sagt Juli zu mir, und dass sie nicht auf eine Einsicht von einem Regierungsbündnis warten kann. Schließlich muss sie sich um ihr Kind kümmern. Ein Kind, das laut Schularzt überdurchschnittlich klug ist und sehr viele Fragen hat.
Und so wird es an mir und nicht an Juli bleiben, die Gesetzeslage frech zu finden. Es sind Regelungen, die den Menschen hierzulande vermitteln, dass sich im Mittelstand harte Arbeit und Gründergeist nicht lohnen. Dass die Fleißigsten, Mütter und ihre klugen Kinder, am härtesten besteuert und bestraft werden. In einem Deutschland, dass sich mehr Kinder wünscht. Aber so wenig wie möglich dafür tun will.
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