Single Mom

Ich will nicht erwachsen Kind sein

Viele ihrer Freunde legen mit Anfang 40 Wert auf Jugendlichkeit und Freiheit. Das kann anstrengend sein, beobachtet Caroline Rosales.

Foto: dpa/Reto Klar/Montage: BM

Berlin. Für mich gab es immer vier Meilensteine auf dem Weg zum Erwachsenwerden: Studium abschließen, einen Arbeitsvertrag unterschreiben, die Chinesische Mauer sehen, hoffentlich Mutter sein. Das war die absolute Minimalanforderung an mich selbst. Aber nun sitze ich hier in einem hippen Café in Neukölln und verstehe die Welt nicht mehr.

Er, ein entfernter Bekannter, seines Zeichens Franzose und Harvard-Doktorand, erzählt mir, dass ihn die Forschung anöde. Dass er jetzt in Berlin bleiben wolle, um DJ zu werden. Er trägt – stilecht zu seinem Plan – ein Sweatshirt, Doc Martens und hochgekrempelte weiße Jeans. Ein paar Tracks von ihm stehen schon bei Soundcloud zum Download. Sollte ich mir mal anhören, findet er. Oder mal Sonntagnachmittag mit ins Berghain kommen.

Und ich bin mir nicht sicher, was ich sagen soll. Der Typ ist 35, so alt wie ich und möchte noch mal ganz von vorn starten – am besten als Plattenpapst auf Pappe. Ich sage ihm also darauf, dass ein Doktorat an einer der besten Unis dieser Welt ja auch etwas wert sei. Dass er eine Laufbahn als Professor anstreben sollte. Dass ein Beruf, für den man 15 Jahre studiert hat, streckenweise auch anöden kann, das muss bitte immer mitbedacht werden. Und nein, das hat nichts damit zu tun, dass ich zwei kleine Kinder habe, ich war immer schon so. Ich stehe nie nach 8 Uhr auf, habe einen Wochenkalender, sortiere meine Quittungen für die Steuer in dem dafür vorgesehenen Ordner.

Keine Zeit für Gurkenmaske und Power-Lunch-Yoga

Meine Freundin (35, alleinerziehend, erfolgreich selbstständig) schaut mir beim Abheften zu. Was denn mit meiner Work-Life-Balance so los sei, fragt sie mich. Ich antworte ihr, dass ich gerade leider keine Zeit für Gurkenmaske und das Power-Lunch-Yoga habe, weil noch zwei Abgaben anstehen, ich diesen Text hier schreiben und dann weiter zu einem Kindergeburtstag muss. Außerdem ist die Babysitterin zur Anti-Burn-out-Therapie nach Bali gefahren und die Notfallbetreuung hat den Anrufbeantworter an.

Drei Fragen, die ich als Single Mom nicht mehr hören will
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Sie findet mich seltsam. Der Dispo, der Auftraggeber, das Finanzamt genießen bei ihr keine Priorität. Wird schon. Auch mein Freund Paul (41, studierter Lebenskünstler, between jobs) macht jetzt so ein Coaching-Seminar immer mittwochs. Dafür muss er um 7 Uhr aufstehen. Für ihn ist das eine große Sache. Ob ich heute Abend unterwegs sei, fragt er noch. Und das sind dann die Momente, in denen ich am liebsten sofort in die Totalverweigerung wechseln würde, wenn ich es denn könnte. Denn ich kann mir nicht erlauben, einen Joint auf dem Balkon zu rauchen, um die Seite Marcel Proust, die ich gerade gelesen habe, noch einmal zu durchgeistigen. Ich gehe auch nicht ins DaySpa, weil ich arbeiten muss. Und das mache ich tatsächlich nicht nur, weil ich meinen Lebensunterhalt sichern muss.

Nein, ich finde, es hat etwas Kraftvolles, seinen Beruf auszufüllen, einzustehen für andere, eine Trennlinie zwischen seine Kinder und sich zu ziehen, älter zu werden. Ich will nicht mit bunten Gummis im Haar auf Klettergerüsten turnen, sondern daneben auf der Bank Zeitung lesen. Ich will auch nicht wissen, welcher Sneaker-Brand gerade Trend ist. Ich will nicht erwachsen Kind sein. Dabei ist es mir auch völlig egal, dass laut einer Umfrage jeder Zweite offenbar der Meinung ist, dass junge Leute später erwachsen werden als noch vor 30 Jahren. Forscher gehen sogar davon aus, dass die Pubertät bis in die Zwanziger eines Menschenlebens andauere.

Mit erwachsen meine ich ganz klar das Erwachsen von vor 50 Jahren. Das war nämlich zu Zeiten meines Opas. Er saß abends am Tisch und bekam das Steak gebraten, weil er tagsüber als Maschinenbaumeister schwer körperlich und geistig arbeiten musste. Die Kinder, mein Vater und mein Onkel, bekamen dagegen ab und zu nur einen Bissen von dem Fleisch ab, aßen ansonsten Brote oder Suppe. Als mir mein Vater als Kind diese Geschichte erzählte, fand ich das zwar ganz allgemein unfair, erkannte aber die möglichen Privilegien eines Ewachsenen-Lebens. Von da an wusste ich: Kind sein ist schön, aber du bekommst nie das ganze Steak.

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