Ich verehre den Bundespräsidenten und die Regierung, vor allem den Innenminister. Seine Sicherheitsdienste arbeiten integer und erfolgreich. Die hochinnovative Wirtschaft wird angeführt von Charismatikern, gerade bei Automobilien und Banken. Arbeit wird fair bezahlt.
Glück und Stolz erfüllen mich, wenn ich an Deutschland denke und seine gelassenen, offenen, großzügigen Menschen. Ich entrichte gerne Steuern. Und all die sinnvollen Zusatzbeiträge. Ich freue mich auf die Maut. Und ich verstehe meine Handyrechnung.
Ich übe schon mal nordkoreanische Lyrik. Wer die innere Größe zu demonstrativer Staats- und Gesellschaftsliebe entwickelt, wird belohnt. In China ist es bereits soweit. Eine App bewertet jeden Kommentar in der digitalen Öffentlichkeit nach dem Grad ihrer Systemverträglichkeit. Wer lobhudelt, seine Freizeit gesundheitsfördernd gestaltet, etwa mit Parteitagsbesuchen, oder korrekt einkauft (Wink-Elemente) bekommt Punkte – eine Art moralisches Payback-System.
Punkte für Bürger
Kritik an Politik, Gesellschaft oder Gesamtsituation bringt natürlich minus. „Citizen Score“ heißt das System, so viel wie „Bürger-Wertung“, und wird von Regierung und Internetfirmen betrieben, darunter dem Online-Giganten Alibaba. Ab 600 Punkten werden Kredite günstiger, mit 750 Punkten darf man das Visum für eine Europareise beantragen. Da lobt man schon mal überschwänglich, zumal für soziale Hygiene auch gleich gesorgt wird. Denn das Verhalten meiner Internetfreunde zahlt sich ebenfalls für mein Konto aus. Wer künftig auf Kreuzfahrt gehen will, sollte sich also von kritischen Netzfreunden trennen.
Früher schauten Männer mit Schlapphüten durch Löcher in Zeitungen, um die Bürger zu überwachen. In China machen die Menschen freiwillig mit bei der Selfcare-Diktatur. Was sind schon Bürgerrechte gegen eine schicke Reise?
Verrückt, diese Chinesen, oder? Könnte uns stolzen Demokraten nicht passieren. Es sei denn, es gäbe Karten fürs Champions-League-Finale zu gewinnen oder Backstage-Tickets für Helene Fischer.



