Aus dem Roten Rathaus

Berlins Grüne - Ein Höhenflug ohne Personal

Die Grünen profitieren wie keine andere Partei vom Zeitgeist. Da spielt es fast keine Rolle, mit welchen Kandidaten sie antritt.

In wohl keiner Berliner Partei ist die Nervosität ein Jahr vor der Wahl so groß wie bei den Grünen. Der Höhenflug in der letzten Berlin-Trend-Umfrage, der die Ökos auf 26 Prozent hob, zeigt auf, was möglich sein könnte im Herbst 2021. Das Rote Rathaus ist eine realistische Option. Wenn man keine Fehler macht und sich die Stimmung doch noch dreht. Meister in den Umfragen waren die Grünen schon oft, als am Ende die Stimmen gezählt wurden, hatten viele potenzielle Unterstützer dann doch ihr Kreuz bei den anderen gemacht.

Schlecht fühlen sich im Kontrast zur Sonntagsfrage die Werte der möglichen Spitzenkandidatin Ramona Pop an. Die Wirtschaftssenatorin kann nicht recht überzeugen. Vor allem hat sie im eigenen Lager viele Gegner. Selbst unter Grünen-Anhängern halten sie mehr Menschen für keine gute Bürgermeisterin als für eine gute Wahl. Da hat sie fast Glück, dass sich auch in der eigenen Klientel fast jeder zweite Pop nach vier Jahren im Senat und sieben Jahren als Fraktionschefin kein Urteil über die Spitzenfrau erlauben kann. Die Grünen, so muss wohl der Schluss lauten, sollten lieber nicht auf Personen setzen in ihrem Wahlkampf und sich stattdessen auf das Bauchgefühl öko-bewegter Stadtmenschen verlassen. Der Zeitgeist ist grün, ganz egal was die Politiker treiben.

Viele an der Grünen-Basis sind unzufrieden

Die treiben derzeit eine ganze Menge, und das gefällt nicht allen an der Basis. Die Spitzenkandidaten-Entscheidung für Pop sei gefallen, versichern Kenner der internen Verhältnisse. Dazu passt, dass sich die mögliche Rivalin, Fraktionschefin Antje Kapek, mit ambitionierten Zukunftsplänen für den öffentlichen Nahverkehr eher als künftige Verkehrssenatorin positioniert denn als Bewerberin für den Chefinnen-Posten. Nicht wenige in der Partei sind aktiv unterwegs, um die derzeitige Amtsinhaberin Regine Günther zu kritisieren und mit einer großen Prise Selbstkritik wegen nicht erreichter Verkehrswende-Zahlen in den Wahlkampf zu ziehen.

An der Grünen-Basis sind auch viele unzufrieden darüber, wie die Personalentscheidungen ausgemacht werden in einer Partei, in der Transparenz und Basisdemokratie zur DNA gehört. In Pankow verlangten sie deshalb eine Urwahl der Spitzenkandidatin. Die Forderung, auch die grünen Senatskandidatinnen und Kandidaten in Einzelwahl vom Parteivolk bestimmen zu lassen, wurde gerade noch wegverhandelt. Auch sollte trotz Corona in alter grüner Tradition eine Vollversammlung aller Mitglieder über die Liste zum Abgeordnetenhaus entscheiden. Dass die Aufstellung der Bundestagsliste den gewählten Delegierten überlassen wird, halten manche bei den Grünen für eine abgekartete Sache.

Drei Mitglieder des Landesvorstands streben in den Bundestag

Denn diesmal streben gleich drei Mitglieder des Landesvorstandes in den Bundestag. Ko-Parteichefin Nina Stahr und die Beisitzer Hanna Steinmüller und Andreas Audretsch wollen ins große Parlament. Ko-Landeschef Werner Graf strebt ins Berliner Abgeordnetenhaus, wo auch die Friedrichshain-Kreuzberger Bürgermeisterin Monika Herrmann ihre Zukunft sieht.

Die Linken und der Realoflügel, so heißt es, hätten die Bundestagsliste schon ausgehandelt. Die bewährten Kräfte aus dem Bundestag sollen bleiben, also die Finanzexpertin Lisa Paus aus Charlottenburg-Wilmersdorf auf eins, Verkehrsfachmann Stefan Gelbhaar aus Pankow auf zwei und Ex-Ministerin Renate Künast aus Tempelhof-Schöneberg auf drei. Dann sollen die drei Kandidaten aus dem Landesvorstand folgen. Die selbstbewussten Friedrichshain-Kreuzberger gehen zudem davon aus, dass Canan Bayram in alter Ströbele- Tradition wieder das Direktmandat holt.

Aber womöglich spielt all dieses Geplänkel außer für die konkret Betroffenen keine große Rolle. Die Grünen werden ja wegen des Gefühls gemocht, weniger wegen der konkreten Personen. In einer solchen Lage sollte man vor allem Streit vermeiden. Mal sehen, ob das den Grünen gelingt.