Meine Woche

Wenn Schüler müde, aber glücklich während der Fußball-WM sind

Statt Schulen einen späteren Unterrichtsbeginn zu erlauben, wäre es besser gewesen, an die Toleranz der Lehrer zu appellieren. Gilbert Schomaker über Schüler, die während der WM Fußball gucken.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Es war eine schöne, wenn nicht eine der schönsten Zeiten in Berlin in diesem Jahrtausend. Die Fußball-WM 2006 verwandelte die Stadt. Überall wurde gefeiert. Die Bilder von jubelnden Massen am Brandenburger Tor gingen in alle Welt und prägen bis heute das Ansehen der Stadt als liberal und weltoffen. Seit der WM in Deutschland ist Public Viewing auf den Plätzen und in den Gaststätten der Stadt ein Muss bei jedem großen Fußballturnier. Nun steht das nächste große Turnier an: die Fußball-WM in Brasilien ab Mitte Juni.

Und das ist das Problem. Denn Mitte Juni ist noch Schule. Die Ferien beginnen erst im Juli. Und die Spiele finden am Abend statt. In dieser Woche haben sich die Bildungsverwaltungen in Brandenburg und Berlin dazu geäußert. Es liege in der Verantwortung der Schulen, ob nach späten Abendspielen der Unterricht wie immer um 8 Uhr morgens beginnt - oder vielleicht eine oder zwei Stunden später. Jede Schule soll aber bitte selbst entscheiden, hieß es aus den zuständigen Ministerien. Berlin und Brandenburg sind da nicht allein. Auch der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch (SPD) schloss sich dieser Linie an. Deutschland einig schulfrei?

Was, wenn Eltern Kinder auf verschiedenen Schulen haben?

Ich finde, die Damen und Herren Politiker hätten erst einmal auf den Spielplan schauen sollen. Die Begegnungen der deutschen Mannschaft beginnen in der Vorrunde um 18 Uhr oder um 21 Uhr. In der Zwischenrunde könnte es auch 22 Uhr werden. Ja, dann kann es auch mal später ins Bett gehen für die Kinder. Aber dass es gleich am nächsten Tag später zur Schule gehen soll, verstehe ich nicht. Soll dann der Unterricht am Nachmittag verlängert werden? Oder fallen dann Deutsch, Mathe und Co. einfach aus, und man versucht, die Inhalte in den verbleibenden Stunden nachzuholen? Und wer denkt an die Eltern, die Kinder auf verschiedenen Schulen haben?

Bei den einen könnte der Unterricht später beginnen, bei den anderen weiterhin um 8 Uhr. Dann stellt sich noch die Frage: Gilt diese Regelung nur für die Deutschlandspiele? Oder auch für andere Begegnungen? Arbeitnehmer können ja auch nicht einfach später zum Job kommen, weil sie abends lange auf der Fanmeile gefeiert haben. In diesem Frühjahr ist schon an etlichen Tagen der Unterricht ausgefallen, weil die Lehrer zwischen den Feiertagen Brückentage nehmen konnten. Während der Fußball-WM, so toll das Ereignis auch ist, geht das „normale Leben“ aber weiter.

Statt den Schulen einen Freifahrtschein für späteren Unterrichtsbeginn zu geben, wäre es besser gewesen, an die Toleranz der Lehrer zu appellieren, bei Deutschlandspielen eine gewisse Mattheit der Schüler in Kauf zu nehmen. Wir freuen uns doch alle, wenn die deutsche Mannschaft weit kommt. Dann ist Berlin leicht übermüdet, aber glücklich.