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Gronkh, Montanablack - Die neuen Superstars in Kinderzimmern

| Lesedauer: 4 Minuten
Hajo Schumacher
Autor und Journalist Hajo Schumacher.

Autor und Journalist Hajo Schumacher.

Foto: © Annette Hauschild/OSTKREUZ / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Gronkh oder Montanablack sind die neuen Internethelden der Kinder. Höchste Zeit, sich mit Twitch vertraut zu machen.

Schon mal von Montanablack gehört? Bürgerlich heißt er Marcel Eris, stammt aus Buxtehude, ist 31, trägt Tattoos im Gesicht, guckt ein wenig böse und ist mutmaßlich Millionär. Mit seiner Biografie „Vom Junkie zum YouTuber“ steht er gleich hinter Dirk Nowitzki und Michelle Obama in den Bestsellerlisten, vor Elon Musk, Jürgen Klopp und Steve Jobs.

Der Kerl ist aggressiv, ein Dieter Bohlen der Gamer-Szene, der früher die Nase zu tief ins Kokain steckte und heute Millionen Fans hat, weil er sein eigenes Spielen live und gröbstens kommentiert; über seine Website verkauft er jede Menge Klamotten, wirbt für Mercedes und Nike, lacht über Anzeigen wegen Beleidigung und verabschiedet sich mit einem „Lasst ihn baumeln!“. Es schmerzt, dass unser Nachwuchs Montanablack für weniger peinlich hält als die eigenen Eltern.

Simon, mein Nachhilfelehrer in Computerspielen, findet „Monte“ leicht unappetitlich. Aber beide bewegen sich im selben Metier. Sie übertragen ihr Spielen auf www.twitch.tv, dem digitalen Rummelplatz. Hier kann jeder seinen Kanal eröffnen, die Luschen neben den Promis wie Altmeister Gronkh, 42. Jedes Humor-Level, jeder Härtegrad findet seine Anhänger. Früher wollten unsere Jungs Fußballprofi werden, heute Berufszocker. Bundesligisten wie Schalke 04 und Hertha BSC bauen konsequenterweise ihre E-Sport-Teams auf.

Fans spendeten "wisegui" mehrere tausend Euro

Unter dem Pseudonym „wisegui“ hat Simon über 400 Fans gesammelt, die ihm bereits mehrere tausend Euro gespendet haben. Wer eine gute Zeit hatte, lässt ein paar Euro springen, wie beim Straßenmusiker. Simon rückt das spendenfinanzierte Mikro zurecht und begrüßt seine Anhänger. Manche schauen von der Arbeit aus, andere von daheim. Die Leute schalten sich zu, verschwinden, kommen wieder.

Sie haben gehört, dass Simon betreutes Zocken anbietet. Ich darf auf seinem Kanal eine Runde spielen. Das verspricht keine virtuosen Partien, aber den Spaß, einen älteren Herrn vor jedes erdenkliche Hindernis brettern zu sehen. Ich bin ein lausiger Computerspieler. Die Zuschauer spotten, lachen, spenden. Der Ton wird nie eklig. Faszinierend, wie rasch im Kreis von zwei Dutzend Unbekannten eine entspannte Atmosphäre wächst.

Wohl nirgendwo wird der Generationengraben deutlicher als beim Spielen. Auf der einen Seite meine Generation Brettspiel, gegenüber alle ab 1975 Geborenen, die Nintendos Donkey Kong kennen, Super Mario oder Game Boy, die meinesgleichen für verblödend hielt.

Simons Mutter verzweifelt milde, wenn der Junge eine seiner legendären 24-Stunden-Challenges live im Internet überträgt. Manchmal schaut sie auch zu und macht zunehmend kompetentere Kommentare. Simons Spiel ist das Lagerfeuer; alle sitzen drum herum, starren ins Gewimmel der Flammen, quatschen, schweigen, loben, lästern, mal über Politik, mal über Greta, mal über Fußball oder Simons Cola-Konsum.

Man muss sich das einfach mal anschauen

Manche seiner Fans stammen aus der Nachbarschaft, andere hat Simon nie getroffen. Aber er kennt und schätzt sie, so wie sie ihn. Digitale Freundschaften seien keine richtigen, heißt es in meiner Generation bisweilen etwas hochmütig, weil wir diese Form des Miteinanders nie gelernt haben. Nach einer Stunde an Simons Seite habe ich das Gefühl, die anderen vielleicht nicht von Angesicht zu kennen, aber durchaus zu mögen. Wer die sozialen Energien kapieren will, die unsere Kinder am digitalen Miteinander faszinieren, kommt nicht umhin, sich einfach mal daneben zu hocken.

Begleiten Sie mich auf meiner Expedition auf netzentdecker.de. Haben Sie Fragen rund um Internet und Digitalisierung? Dann schicken Sie eine E-Mail an fragen@netzentdecker.de. Das Projekt wird finanziert durch die Brost-Stiftung.