Stadtflucht

Beschmierte U-Bahnen in Berlin - Muss man das verstehen?

Berlin ist bekannt für absurde Pannen. Aber immer öfter sorgt Vandalismus für Stau und Wartezeiten, ärgert sich Uta Keseling.

Graffiti-Schmierereien auf einer Berliner U-Bahn (Symbolbild).

Graffiti-Schmierereien auf einer Berliner U-Bahn (Symbolbild).

Foto: Sabine Gudath / imago/Sabine Gudath

Berlin. Es gibt Tage, die beginnen bei mir mit einem großen „Warum?“ Vor allem, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit bin, fällt es mir manchmal schwer, nicht zu viel darüber nachzudenken, was man alles sieht und was so passiert. Ich rede jetzt nicht von der Schranke des Flughafentunnels in Tegel, die am Montag im schönsten Berufsverkehr über Stunden geschlossen blieb.

Später hieß es: eine technische Panne, das Ding ging halt nicht mehr auf. Nach einer Stunde Stau fand ich eine Umleitung mit Aussicht entlang des Tegeler Sees und versuchte, mich von meinem Ärger mit dem Anblick der Segelboote abzulenken, die in der Sonne vorbeizogen. Ein friedliches Bild.

Wenn ich U-Bahn fahre, gibt es dagegen keine Sonne, keine schönen Bilder, keinen Frieden. Stattdessen: Sprüh-„Kunst“. Zumindest auf der U7 scheinen die Züge mittlerweile direkt aus der New Yorker Bronx der 80er-Jahre in unsere Bahnhöfe einzufahren – Zeitreisende des schlechten Geschmacks und der Zerstörung. Dabei mag ich bunte Street Art eigentlich sehr – solange sie da entsteht, wo sie hingehört. An verwahrlosten Hausfassaden und anderen verlassenen Orten. Ich weiß nicht, wie viele legale gesprühte „Berlin“-Liebeserklärungen es zum Beispiel entlang der Bahnstrecken durch Berlin gibt. An Garagen, Läden, Elektrohäuschen, Mauern: „Berlin, I love you“ überall, ich mag das. Oder die Bülowstraße in Schöneberg: Die Fassadenkunst rund um das Projekt „Urban Nation“ ist künstlerisch spannend und macht einfach gute Laune.

Warum aber Berlins BVG-Züge besprühen? Zumal mit ungelenkem, lieblosem Geschmiere, das einfach scheußlich aussieht? Ich verstehe es nicht.

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Graffiti an BVG-Bahnen - Ganz bestimmt kein Aufschrei benachteiligter Ghetto-Kids

Vielleicht hat sich einfach noch nicht herumgesprochen, dass große Teile der BVG-Bahnen heute liebevoll gepflegte Oldtimer sind, rollende Zeitzeugen, die eher Kultstatus genießen sollten, statt lieblos beschmiert zu werden. Eine politische Botschaft lässt sich dabei auch nicht erkennen. Die BVG steht weder für Bonzen, Miethaie, SUV-Fahrer oder andere Feindbilder, die in manchen Kreisen gerade wieder in Mode kommen. Als öffentliches Unternehmen gibt sie stattdessen mehr als vier Millionen Euro Steuergeld im Jahr aus, um die teuren Krakeleien wieder zu entfernen. Jeder Zug wird, statistisch gesehen, mittlerweile zweimal im Monat beschmiert, mehr als je zuvor. Würde man alle gleich reinigen, führe keine U-Bahn mehr. Und wer jetzt mit dem Aufschrei benachteiligter Ghetto-Kids kommt: Sprühfarben sind heute extrem teuer und gut gesichert vor Ladendieben. Wer heute „taggt“, zahlt das Material aus der eigenen Tasche. Warum? Tja.

Man wird es genauso wenig erfahren wie die tieferen Hintergründe der Täter, die am vergangenen Montag Kabel der S-Bahn zwischen Ostkreuz und Erkner anzündeten. Die Kurzfassung des Bekennerschreibens: Man habe das Feuer fürs Klima gelegt, also, irgendwie. Der Text klang ähnlich absurd wie beim Brandanschlag im März 2018, als Täter Kabel an der Mörschbrücke nahe dem Schloss Charlottenburg anzündeten. Auch damals sollte „die Wirtschaft“ getroffen werden, die „Herrschaft“, was weiß ich.

Statistisch gesehen verbringt jeder Mensch 44 Minuten am Tag mit dem Weg zur Arbeit, aber nach Anschlägen wie diesen ist es für die Betroffenen gern das Doppelte oder Dreifache. Egal mit welchem Verkehrsmittel – und, von wegen Wirtschaft, natürlich in der unbezahlten Freizeit. Fluchend und herumtelefonierend vergeudet man seine Zeit, während Kinder in Kitas warten, der Arzt, der Einkauf, die Arbeit. Und immer mit dieser einen, unbefriedigenden Frage im Kopf: Muss man das verstehen?