Gourmetspitzen

Fein französisch im Kreuzberger "Richard"

| Lesedauer: 5 Minuten
Heinz Horrmann
Das Team des „Richard“ an der Köpenicker Straße: Küchenchef Till Bühlmann (r.) und Inhaber und Maler Hans Richard

Das Team des „Richard“ an der Köpenicker Straße: Küchenchef Till Bühlmann (r.) und Inhaber und Maler Hans Richard

Foto: Ricarda Spiegel

Heinz Horrmann hat Berlins neues Sternerestaurant "Richard" in Kreuzberg besucht.

Eines der neuen Sternerestaurants in der Metropole, die diese Auszeichnung verdient haben, ist das Restaurant „Richard“ an der Köpenicker Straße in Kreuzberg. Ich fand es amüsant, wie daraus unbedingt ein französisch klingender Name geschaffen werden sollte. Dabei ist das Restaurant nach dem Patron Hans Richard benannt. Er ist ein deutschsprachiger Schweizer, aber hat mit seinem Landsmann Till Bühlmann als Küchenchef ein klassisches, französisches Küchenkonzept gezaubert. Auch das ganze Ambiente vermittelt die Atmosphäre einer Pariser Edel-Brasserie: aufwendige Decken, Designerleuchten und Kunst an den Wänden, die zwar nicht jedem gefällt, aber das ist Geschmackssache.

Hans Richard ist ein engagierter Maler und er liebt die französische Küche über alles. Ab und zu sind in der Speisekarte und damit in der Zubereitung jedoch ein paar Schweizer Akzente erlaubt. Vorbild ist die Küche von Alain Ducasse. Mich faszinierte, wie kundenfreundlich die Menüs kalkuliert sind. Ich bin kein großer Vegetarier-Freund, aber zwei Gänge dieser Kategorie fand ich ganz exzellent. Einmal Sellerie in der Salzkruste gegart mit großzügig gespänten schwarzem Trüffel sowie kandierter junger Fenchel, aromatisiert mit Senf-Espuma. Erstklassig allerdings auch der im Haus marinierte Label Rouge Lachs mit fermentiertem Weißkohl. Und das Entrecôte, nicht vom Wagyu oder Kobe, sondern ganz deutsch vom Husumer Rind mit Rosenkohl und Topinambur-Jus.

Langweilig dagegen die gedämpfte Forelle mit Kapern-Beurre blanc und Dill. Auch wenn ich kein leidenschaftlicher Dessert-Freund bin, hat mich der süße Abschluss vom karamellisierten Apfel mit Trauben, Zimt und Vanilleeis begeistert. Für vier Gänge aus einer weiteren langen Liste, unter anderem Muschel-Sauté oder Reh in Shabu-Shabu-Form, dünne Scheiben in Limetten-Olivenöl-Marinade und Avocado, stehen mit 58 Euro auf der Rechnung. Beim vegetarischen Menü sind es für diesen Preis sogar fünf Gänge, die serviert werden. Da kommen dann einige südfranzösische Köstlichkeiten wie gebratene Schwarzwurzel mit saurem Zwiebelpüree und Vanille-Jus oder auch gebratener Kürbis mit Burrata und Gartenkresse auf den Tisch.

Ganz ungewöhnliche Aromakombinationen

Was ist nun so außergewöhnlich, dass für das Küchenprogramm ein Stern berechtigt ist? Da sind erst einmal ganz ungewöhnliche Aromakombinationen, die vorzüglich abgestimmt sind. Dann findet man seltenen Genuss, wie beispielsweise die angesprochene gebratene Schwarzwurzel mit dem Duft von Vanille-Jus oder auch Radicchio-Ravioli mit köstlicher Kräutersauce. In die Kategorie gehören allerdings auch die bereits erwähnten Gerichte wie kandierter junger Fenchel, Sellerie in der Salzkruste oder Muschel-Sauté mit Kartoffelgnocchi und Safran. Das vegetarische Menü ist, wie gesagt, besonders günstig kalkuliert, vier Gänge für 48 Euro, fünf für 58 Euro. Angesichts des Wareneinsatzes nur verständlich, dass die französischen Köstlichkeiten mit „Fleischeslust“ und „Feines aus dem Meer“ zehn Euro mehr kosten, aber immer noch sehr günstig sind.

Auch die Weinkarte ist etwas Besonderes. Selbst die teuren wie den Saint Émilion Grand Cru Château tour de Pressac gibt es glasweise oder als Flaschen-Offerte. Die offenen Weine liegen zwischen fünf und neun Euro. Ähnlich wie bei den Speisen zeigt Richard Mut zum Außergewöhnlichen. Der Champagner als Aperitif ist ein Bouzy Grand Cru, den ich nicht kannte, und als Süßwein zum Dessert wird eine Rieslaner Spätlese eingeschenkt (für sieben Euro das Glas).

Beim Service gibt es unterschiedliche Bewertungen. Bei meinem Besuch war ich hochzufrieden. Der Service lief reibungslos, ohne Aufhebens, ohne Theater, schlicht perfekt. Und das galt für alle Tische. Andere Gäste bezeichneten die Bedienung als etwas kopflos und unkonzentriert. Es ist halt nicht jeder Tag wie der andere.

Interessant ist die Entwicklung dieses Restaurants. In den 40er-Jahren hieß das Lokal noch „Köpenicker Hof“. Das Folgekonzept nach der Schließung hieß „Florida Bar“ und war alles andere als erfolgreich. In den 70er-Jahren bekam es den Namen „Tarantel“ und war Sitz der linken Szene.

Das ist alles Schnee von gestern, weil der Schweizer Künstler und Koch Hans Richard ein echtes Sternerestaurant bastelte. Alles ist wunderschön weiß eingedeckt, die Gesamtatmosphäre ist großartig. Die Bilder an den Wänden muss man nicht mögen, da konzentriert man sich lieber auf das, was auf den Tisch kommt.

Auch bei größter Zurückhaltung kann ich dieses Restaurant nur empfehlen, vor allem Genießern, die die französische Küche lieben und gerne neue Aromakombinationen ausprobieren möchten.

Das Restaurant

Kontakt: Restaurant „Richard“, Köpenicker Straße 174, Kreuzberg, Di.–Sbd. 19–24 Uhr, Tel.: 492 072 42, www.restaurant-richard.de

Küche: Im „Richard“ gibt es eine klassische französische Küche, modern interpretiert, exzellenter Wareneinsatz, gute Zubereitung.

Service: Bei meinem Besuch war nicht nur ich hochzufrieden, sondern auch die Gäste an den anderen Tischen.

Ambiente: Ein feines Gourmetrestaurant, ganz ohne spektakuläre Ambiente-Attraktionen.

Das Besondere: Auf­fallend sind die langen Öffnungszeiten und eine Küche, die immer im Einsatz ist.