Das The Grand ist nicht nur ein sehr ordentliches Mittelklasse-Restaurant mit deutsch-französischer Küche, sondern verwandelt sich am späten Abend in Club und Tanzlokal. Der Berlin-Kenner erinnert sich: Das hatten wir doch schon mal? Richtig, Martin Hötzl, einst Betreiber des Rodeo im Alten Postfuhramt an der Oranienburger Straße, transportierte die Idee in Eigenregie an die Hirtenstraße. Seinen Koch, Tilo Roth, nahm er einfach mit. Der dritte im Bunde und auch ein bekanntes Gesicht in der Branche ist Rainer Möckel (ehemals Restaurantleiter des Borchardt), von der Berlin Partner-Jury schon zum "Maître des Jahres" gekürt.
Das Aroma einfach phänomenal
Ich habe das The Grand zum ersten Mal genossen. Angetan war ich von der Optik der sehr dezenten alten Wände mit Bröckelputz, auch von der funktionellen Einrichtung, allerdings mit schöner Tischwäsche und großen, gestärkten Servietten aufgewertet. Das Küchenangebot für die Gäste ist ein Spagat. Ein kompletter Grill mit Charolais Fleisch aus Freilandzucht mit Filet und Entrecôte vom Irish Hereford Weideochsen. Vier Wochen am Knochen gereift, alles im Southbend-Grill bei Temperaturen um 800 Grad zubereitet - und geschmacklich eine Köstlichkeit. Von der zarten Fleischqualität ist mir American Prime Beef oder Wagyu lieber, doch das Aroma ist, wie gesagt, phänomenal. Neben den Grillspezialitäten gibt es eine zweite, komplette Speisekarte mit sechs Vorspeisen, vier Hauptgängen und zusätzlich Gerichten aus dem Meer. Der Küchenchef hat keine Sterne im Blick, aber er arbeitet mit Sorgfalt und Kreativität.
Ein feiner Einstieg ohne große Kochkunst, aber appetitlich angerichtet, war für mich die ganze Artischocke, gefüllt mit Caponata (Auberginengemüse). Dazu gab es drei exzellente Dips. Das Boeuf Tatar als Vorspeise (mit 90 Gramm die richtige Größe) war eine durchaus interessante Variation gegenüber dem sonst üblich angemachten Tatar vom Rinderfilet. Mutig, aber passend die Verbindung mit Garnele und Algensalat. Ein Kompliment machte ich dem Koch für die Foie gras-Variationen (Gänseleber). Die Terrine war perfekt abgeschmeckt. Und die frische Scheibe Leber, kurz gebraten, außen kross, innen butterzart - einfach ein Genuss. Die feine Säure der Apfelwürfel nahm dem Gericht die Wucht.
Ausgewogene Weinkarte
Von den servierten Salaten steht der Wildkräutersalat nicht auf der Beilagen-Karte - er wurde aber problemlos angerichtet, fein abgeschmeckt und an den Tisch gebracht. Ein Bestseller ist "The Grand Ceaser Salad", Römersalatherzen mit confierten Tomaten, Parmesan und Crostini. Sowohl als Zwischengang als auch als Hauptgericht können die Früchte des Meeres, ein halber Hummer, aromatisiert mit Krustentierdip, eine Bouillabaisse, die mit zwei Edelfischfilets, Jacobsmuscheln und Garnelen angereichert ist, bestellt werden.
Oder, wenn es doch Kaviar sein muss, Osietra (mild gesalzen) mit klassischer Garnitur, Toast, Crème Fraîche und Schalotten. Gäste, die ausschließlich auf den Genuss der Früchte der Ozeane setzen, können die Meeres-Etagere für Zwei mit Austern, Krevetten, Lachs, Heilbutt und Hummer ordern.
Ich bin überhaupt kein Freund des amerikanischen "Surf and turf", also Fisch und Fleisch in einer Kombination. Das ist für mich "nicht Fisch, nicht Fleisch". Das sieht der Küchenchef anders, er befindet die eher merkwürdige Verbindung von Langustenschwanz und einem Ragout von Kalbsnieren für durchaus passend.
Große Zustimmung löste bei meiner Begleitung das Sommertrüffel-Risotto mit frischen, gut gesäuberten Pfifferlingen aus. Kein Sandkorn knirschte zwischen den Zähnen. Überhaupt ist alles, was aus der Küche kommt, sehr appetitlich: Gute Grundprodukte und handwerklich sauber gemacht. Nur um eine Kritik kommt man nicht herum: Allen Speisen fehlt Salz. Gemeinhin sagt man ja, dass verliebte Köche gerne das Essen versalzen. Ja, dann muss Koch Tilo Roth wohl an totalem Liebesentzug leiden. Die Desserts sind Standards wie Crème Brûlée (wobei die Karamellkruste knuspriger sein könnte), Sorbet und Variationen von der Schokolade. Keine Kritik, aber auch nicht sonderlich erwähnenswert.
Das ist bei der Bewertung der Weinkarte ganz anders. Sehr ausgewogen ist das Angebot von kleinen deutschen Lagen bis zu edlen Kreszenzen, die dementsprechend kalkuliert sind. So der Haut-Bailly Jahrgang 2006, noch recht jung, für stattliche 160 Euro. Die Weinpflege besticht, der Champagner Ruinart Rosé kam perfekt gekühlt und der rote Bordeaux wurde sofort dekantiert.
Volle Punktzahl für den Service
Dem Service war nichts zu viel. Es wurde sehr aufmerksam agiert und zusätzlich hatten wir das Glück, das sich Restaurantchef Möckel auch noch persönlich kümmerte. Dafür gab es die höchste Punktezahl. Interessant sind auch die Detailinformationen für die Gäste, dass das denkmalgeschützte Haus von 1842 mit Pfiff restauriert wurde.
Eine Pop-Art-Bar beispielsweise im alten Gemäuer. Und von der Decke des ersten Stocks hängt ein extra angefertigter Kronleuchter bis ins Erdgeschoss. Das ganze Ambiente, so Möckel, sei ein Spiel zwischen Neu und Alt. Recht hat er. Übrigens ist die Terrasse zum Innenhof in diesen Sommertagen ein ideales Plätzchen zum Genießen und Verweilen.
Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
The Grand Hirtenstraße 4, Mitte, täglich ab 18 Uhr, ab September auch zum Lunch, Tel. 27 89 09 95 55, www.the-grand-berlin.com


