Wenn Leonhard Müller als Kind bei Oma Margarethe und Opa Josef in Berchtesgaden war, wurde er verwöhnt. „Dort durfte ich Wiener Würstchen essen und dazu Almdudler trinken.“ Limo gab es zu Hause in Pforzheim nie. „Ich habe die schönste Zeit meiner Kindheit bei den Großeltern in Berchtesgaden verbracht. Mein Großvater war der zweite Mann meiner Großmutter und Metzgermeister. Die hatten ein Feinkosthaus und eine Metzgerei.“
An das Verwöhnprogramm bei Oma und Opa denkt der Vorstand der Askania AG manchmal, wenn er in seinem Büro am Schreibtisch sitzt. Dann schaut er nämlich auf ein Gemälde mit einem Watzmann-Panorama, dem Ausblick seiner Kindheit auf Besuch bei Oma und Opa.
Als Leonhard 13 Jahre alt war, starb Opa Karl, sein Großvater väterlicherseits. In diesem Zustand wollte der Enkel ihn auf keinen Fall sehen. „Meine Eltern haben gesagt: ‚Der Opa liegt in der Aussegnungshalle neben dem Krematorium, heute Mittag gehen wir hin und verabschieden uns von ihm.’ Auf meine Frage: ‚Muss ich da mit? Ich würde ihn gern so in Erinnerung behalten, wie ich ihn lebend kenne.’ hat mein Vater geantwortet: ‚Das kann ich gut verstehen, aber zum Leben gehört auch der Tod. Sei bitte so gut und geh mit, verabschiede dich.’ Opa lag da im Anzug mit Krawatte und weißem Hemd und sah aus, als ob er tief schlafen würde.“
Biologie findet er auch heute noch völlig nebensächlich

Biologisch gesehen war Opa Karl gar nicht Leonhards Großvater, aber die Biologie findet der Enkel auch heute noch völlig nebensächlich, wenn es darum geht, welchen Menschen er sich zugehörig fühlt. Seine Mutter hatte nach mehreren Fehlgeburten die Hoffnung auf ein Kind schon aufgegeben, da bot sich die Möglichkeit, einem kleinen Menschen, dessen Mutter bei der Geburt gestorben war, die Familie zu ersetzen. „Meine Eltern haben mich adoptiert, so bin ich in diese Familie nach Pforzheim gekommen.“
Und wie das so ist, immer wieder hörte die Mutter den Satz: „Der Leonhard ist Dir wie aus dem Gesicht geschnitten!“ Wenn es im Film so idyllisch läuft, passiert etwas, das die Idylle in Gefahr bringt. Bei Leonhard war das im Alter von zwölf Jahren der Nachbarsjunge, der ihm beim Spielen diesen Satz an den Kopf warf: „Weißt Du eigentlich, dass Du eine böse Stiefmutter hast?“ Er lief weinend zu seiner Mutter: „Stell Dir mal vor, was der gesagt hat!“ Sie begann ihre Erklärung zum Thema Adoption so: „Das mit der bösen Stiefmutter lassen wir mal auf der Seite. Eigentlich wollten wir Dir das erst sagen, wenn Du konfirmiert bist…“
Außerhalb seiner Adoptivfamilie kennt Leonhard Müller keine Verwandten
Es gibt unterschiedliche Arten, mit der Information über die eigene Adoption umzugehen. Mancher wird plötzlich zum engagierten Ahnenforscher in eigener Sache. Ganz anders Leonhard Müller: „Ich habe nie nach meinen Vorfahren geforscht. Ich kenne niemanden außer meiner Adoptivfamilie und die waren für mich Mutter, Vater, Opa, Oma. Ich habe mich in dieser Familie sehr wohlgefühlt.“
Eine wichtige Erinnerung verbindet Leonhard Müller mit dem Friedhof in Berchtesgaden: „Ich habe dort mit meiner Oma als Kind jedes Jahr zu Weihnachten einen Christbaum aufs Grab ihres verstorbenen Mannes geschleppt und die Kerzen angezündet. Das ist in dieser Gegend so üblich. Diese Tradition setze ich fort. Seit meine Großeltern und die Schwester meiner Oma tot sind, bin ich jedes Jahr zu Weihnachten am Grab, stelle einen Christbaum drauf und zünde die Kerzen an.“
Zu diesem Ort zieht es ihn: „Wenn ich ehrlich bin, würde ich am liebsten in Berchtesgaden beerdigt werden. Aber in Pforzheim ist das Familiengrab meiner Eltern und es regt sich bei mir ein schlechtes Gewissen, weil ich dann nicht bei ihnen liegen würde.“ Auch ein Grab in Berlin wäre eine Option. Hier hat er die Traditionsfirma Askania reanimiert, in deren Manufaktur Uhren entstehen. Die Familie redet ihm, was das Grab in hoffentlich ferner Zukunft anbelangt, nicht hinein: „Meine Kinder und meine Lebensgefährtin sagen: Wir sind mit allem einverstanden, was Du willst.“ Das macht die Entscheidung nicht einfacher.
Der Glaube gibt ihm Kraft
Ein guter Freund von Leonhard Müller ist in der DDR aufgewachsen: „Ein intelligenter Mensch, der arbeitet im Bildungsministerium. Der glaubt an gar nichts. Das finde ich etwas schade, weil der Glaube mir hilft. Manchmal bete ich in meiner Verzweiflung über ein Problem: ‚Lieber Gott, lieber Jesus Christus, lieber heiliger Geist! Lass mich bitte das Richtige tun, dass ich diese Herausforderung mit Deiner Hilfe bewältigen kann.‘ Das gibt mir Kraft.“
Leonhard Müller sieht das auch praktisch: „Es ist eigentlich egal, woran einer glaubt. Aber es ist gut, wenn einer ein schlechtes Gewissen hat, weil er glaubt und denkt: So hätte ich mich jetzt nicht verhalten dürfen. Wenn der das da oben mitkriegt, wird er sauer auf mich sein.“
Müller erinnert sich an eine Trauerfeier: „Der Mann, der beerdigt wurde, hatte einen sehr begabten Fußballer als Sohn. Der galt schon als großes Talent für den SC Freiburg. Und jeder hat gewusst, wenn der mal ins richtige Alter kommt, wird das eine riesige Verstärkung für die Mannschaft. Und dann ist der Junge tödlich verunglückt. Die Pfarrerin sagte bei der Trauerfeier für den Vater: ‚Jetzt kann er endlich mit seinem Sohn gemeinsam die Spiele vom SC Freiburg ansehen.‘ So denke ich auch.“
Gottes Haus hat viele Wohnungen
Das sind Gedanken, keine Gewissheiten, mit denen sich Leonhard Müller beschäftigt: „Gibt es eine zweite Welt, wo man ähnlich lebt wie hier? Und du sitzt dann mit deinen Eltern auf dem Sofa und guckst Fernsehen. Dabei kannst du ein Programm einschalten, wo man die sieht, die noch leben. Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Gottes Haus hat viele Wohnungen.‘
Damit meinte sie die vielen Planeten. Und dass wir doch nur ein winziges Sandkorn im Universum sind. Irgendwo wird es genügend Platz geben, wo sich die Verstorbenen treffen.“ Leonhard Müller gefällt diese Vorstellung: „Also ich habe keine Angst vor dem Tod.“


