Deutschstunde

Saure Gurken und ein überflüssiges Jubiläum

Vor 20 Jahren versuchten wir uns erstmals an der neuen Rechtschreibung – kein Grund für alte Vorurteile, meint Peter Schmachthagen.

Peter Schmachthagen schreibt wöchentlich über die deutsche Sprache

Peter Schmachthagen schreibt wöchentlich über die deutsche Sprache

Foto: Federico Gambarini / dpa

Als ich einmal eine der vielen Besuchergruppen durch das Springer-Haus führte, meinte eine alte Dame – und sie meinte es ernst –, sie könne sich nicht erklären, warum täglich in der Welt immer genauso viel passiere, dass die Zeitung exakt bis zur letzten Zeile voll werde. Ich verrate keine Interna, wenn ich andeute, dass die Redaktion die Nachrichten dehnen oder eindampfen muss – je nach Angebot. Angeblich ist das Angebot im Sommer besonders dünn, und zwar in den Wochen, in denen früher die ersten sauren Gurken aus dem Spreewald auf die Berliner Märkte kamen. Diese Zeit nennen die Journalisten die Saure-Gurken-Zeit.

Auf der Suche nach Themen sind einige Kollegen beim Abgleichen der runden Jahrestage auf „20 Jahre Rechtschreibreform“ gestoßen. Auf dieses Jubiläum hätten wir gut verzichten können. Erstens wurde die neue Rechtschreibung in den meisten Ländern am 1. August 1998 nur probeweise eingeführt. Die Medien folgten erst am 1. August 1999 (fürs nächste Jahr vormerken!). Als die Rechtschreibreform mit einigen Verbesserungen im Juni 2004 von den Kultusministern endgültig in Kraft gesetzt worden war, leistete sich in Berlin das damals größte Zeitungs- und Zeitschriftenhaus eine Rolle rückwärts und beschloss, mithilfe seiner publizistischen Macht am Kiosk und auf dem Boulevard die neue Rechtschreibung zu kippen. Daraus entstand sowohl der Rat für deutsche Rechtschreibung in Mannheim, der in diesen Tagen gerade über den Gender-Stern grübelt, als auch am 1. August 2006 eine Reform der Reform, die zwar an der ersten Reform nichts änderte, uns aber eine Fülle von fakultativen (der eigenen Wahl überlassenen) Schreibweisen bescherte.

Seitdem ist der Duden wieder groß im Geschäft, vor allem wegen seiner gelb unterlegten Empfehlungen bei fakultativen Schreibweisen, damit wir wissen, dass wir kennen lernen zwar nach wie vor getrennt schreiben dürfen, es aber (gelb!) als kennenlernen zusammenschreiben sollen. Vor 2006 war nur kennen lernen möglich, und niemand brauchte ein Wörterbuch dazu.

Ich will trotz unzähliger orthografischer Einsätze und Artikel im Auftrag des oben erwähnten Konzerns nicht überheblich werden, aber mich beschleicht beim Lesen dieser 20-Jahre-Jubiläumsartikel der Verdacht, dass den Autoren/-innen die nötigen Kenntnisse über die Änderungen fehlen. Bei ihnen ist es dann eh egal, ob sie die alte oder die neue Rechtschreibung nicht beherrschen. Heike Schmoll schreibt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unter der Überschrift „20 Jahre Rechtschreibanarchie: Ein Unglück der Sprachgeschichte“: „Von Anfang an war klar, dass der Versuch, die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen, schiefgehen würde. Denn sie ist viel besser als ihr Ruf. […] Von einer Rücknahme der sinnentstellenden Regeln etwa bei der Groß- und Kleinschreibung ist man weit entfernt.“ Leider verwehrt uns Heike Schmoll die Beispiele für ihre Behauptungen, die natürlich völlig danebenliegen. Selbstverständlich hat die Rechtschreibreform entscheidende Vereinfachungen und Systematisierungen gebracht, selbstverständlich war die alte Rechtschreibung, die von 1955 bis 1996 dem sogenannten „Duden-Privileg“ unterlag, in Teilen chaotisch und reformreif.

Ich habe am Tag vor der Einführung der neuen Rechtschreibung in den Medien, am 31. Juli 1999, einen Test mit 40 Wörtern alter Schreibweise veröffentlicht, hinter denen jeweils zwei Kästchen standen, in denen die Leser „Richtig“ oder „Falsch“ ankreuzen sollten. Eine Leserin rief an und sagte, sie habe drei richtige Schreibweisen entdeckt, die übrigen 37 seien falsch. Eine pensionierte Kollegin schaffte immerhin acht Richtige. Das Dumme war nur, dass alle 40 Beispiele nach alter Norm richtig waren! Doch hat es niemand geglaubt, und niemand hat jemals vor 1996 ein Diktat mit allen Schwierigkeiten fehlerfrei geschrieben. So viel zum „Unglück der Sprachgeschichte“.

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