Berliner Schätze

Warum Erich Maria Remarque in den Schnaps verliebt war

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Foto: ASb / Roger Viollet/Getty Images

Mit seinem Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ landete Erich Maria Remarque Ende der 20er-Jahre einen Überraschungserfolg. Seine Gegner versuchten ihn ins Lächerliche zu ziehen.

Ein Jubiläumsjahr steht uns jetzt bevor: 1914 – 2014. Der Beginn des Ersten Weltkrieges jährt sich zum hundertsten Mal, ein Krieg, der die nationalen Grenzen sprengte, der weit über Europa hinaus die Welt erschütterte und viele, viele Millionen Menschen das Leben kostete. Wer heute die Erschütterung von damals erahnen will und was es heißt, in einem modernen Krieg gefangen zu sein, wo Waffen ganz neue Reichweiten erreichen, in dem Flieger beginnen, Soldaten und Zivilisten aus der Luft wie Hasen abzuschießen und junge Männer sich zusammen mit Ratten verzweifelt tief in die Erde der Schlachtfelder eingraben, um zu überleben, der muss nur ein Buch lesen: „Im Westen nichts Neues“.

Es liest sich heute so intensiv wie damals. Die Sprache ist seltsam heutig, so einfach und direkt. Das Buch hat einen Ton, der immer jugendlich ist. Paul Bäumer, die Hauptfigur des Buches, der junge Kriegsfreiwillige, der mit Klassenkameraden von der Schulbank direkt zur Front kommt, erzählt ähnlich locker wie Jahre später Holden Caulfield im „Fänger im Roggen“. Wie hat der Autor Erich Maria Remarque das 1927 hingekriegt, diese Klangfarbe zu treffen? Wer war er überhaupt?

Schnaps ist Essenz. Er konzentriert und macht schweigsam. Er ist kein Getränk, sondern ein Trank.

Niemand hatte Erich Maria Remarque auf dem Zettel gehabt. Er war irgendein Journalist in Berlin, einer von vielen. Redakteur bei „Sport im Bild“, seine Spezialität waren Autorennen auf der Avus. Vorher hatte er in Hannover für die Betriebszeitung eines Reifenherstellers gearbeitet und nebenher frei geschrieben. Er verkaufte seine Artikel wie heute freiberufliche Journalisten – man ist nicht allzu wählerisch mit seinen Auftraggebern und seinen Aufträgen. Und so entstand ein wildes Sammelsurium von Einzeltexten vor seinem großen Erfolg, plus drei unterhaltsame Romane, von denen keiner richtig einschlug. 1928, das Jahr, in dem „Im Westen nicht Neues“ einschlägt, wird Remarque dreißig.

Es ist leichter, eine Psychologie der Frau zu schreiben, als einen Schnaps zu verstehen; Schnaps hat Seele.

Ein Blatt mit barbusigen Frauen

Der Artikel „Über das Mixen kostbarer Schnäpse“ erscheint 1924 in einer Zeitschrift in Hannover und wenig später unter dem Titel „Mixen“ in der Berliner Illustrierten „Der Junggeselle“. Jeden Donnerstag erscheint das Blatt mit den vielen barbusigen Frauen – damals noch alles gezeichnet und nicht fotografiert. Eine Menge verrutschter Blusen, heruntergefallener Negligéträger sind dort zu sehen, samt schlüpfriger Geschichten. Dazu Modetipps für den Herren von Welt: „Der Ulster von 1925“ oder „Vergleichende Sakkostudien“. Freiherr von Eelking diktiert seine Garderoben-Gesetze. „Der Junggeselle“ ist der Playboy der Weimarer Zeit, kultivierte Erotik für 1.25 Goldmark.

Jeder einzelne Schnaps ist eine Komposition; es gibt solche in C-Dur; kann man sie sich ohne Kognak denken? Oder einen Likör in As-Moll ohne Ananas? Ist ein Impromptu in Es-Dur möglich ohne Vanille und Cordial-Medoc?

Der Schnaps-Artikel von Remarque wird noch oft höhnisch zitiert werden. Denn als die Auflagen von „Im Westen nichts Neues“ in die Höhe schnellen (640.000 Bücher verkauft der Verlag Ullstein in den ersten drei Monaten, bald ist die Millionengrenze gesprengt), rüsten sich die Gegner. Alles erfunden, nichts erlebt lautet ein Vorwurf. Diese Schnapsdrossel. Es tauchen sonderbare Fotos von Remarque auf – 1919 martialisch blickend, breitbeinig stehend in Leutnantsuniform mit Schäferhund an kurzer Leine neben sich. EK1 auf der Brust. Den Orden trägt er berechtigt, doch Leutnant war er nie. Und hat er sich nicht in den 20ern einen Adelstitel von einem verarmten Adligen gekauft und auf seine Visitenkarte drucken lassen? Eine Weile trägt er auch Monokel. „Fatzke“, nennen ihn die Kollegen der anderen Sportteile abfällig. Vor seinem Erfolg.

Die Kollegen nennen ihn „Fatzke“

Man kann in der Dämmerung nicht denselben Schnaps trinken wie spät abends; ebensowenig wie man zur Abendgesellschaft braune Schuhe wählt.

Dann wird er plötzlich zum Star, international. Er prägt nun das Bild Deutschlands. 1928 – die Aufrüstung Deutschlands kommt wieder in Gang. Die Schmach des verlorenen Krieges, die Demütigung des Versailler Vertrages, die Wut darüber, von den anderen Nationen zum einzigen aggressiven Kriegsantreiber gestempelt worden zu sein, sitzt bei manchen tief. Die Deutschnationalen wollen wieder wer sein. Das Buch kommt ihnen dabei allerdings in die Quere. Wie will man die Jugend mit solcher Lektüre für das Militär begeistern? In Thüringen wird das Buch aus Schul- und Universitätsbibliotheken entfernt. Und es wird versucht, Rufmord an Remarque zu begehen. Nicht nur der Cocktailartikel existiert, nein, man munkelt sogar über ein ganzes Cocktailbuch. So ein banaler Autor!

Mixen ohne Kenntnis der Schnapseinheiten ist Tappen im Ungewissen. Die trübe Panscherei in den Bars hat mit Mixen nichts zu tun. Ein Schnapsmenger ist kein Mixer.

Remarque hält sich die ganze Zeit zurück, gibt kaum Interviews, kommentiert wenig. Ein „unpolitisches Buch“ habe er mit seinem Kriegsroman geschrieben, wiederholt er gebetsmühlenartig. Und wenn das Werk fertig sei, habe der Autor nichts mehr zu sagen. Entweder es sei gelungen oder nicht. Und was sagt er über sich selbst? „Man ist ja sogar so absurd gewesen, es mir zum Vorwurf zu machen, dass ich früher schlechter geschrieben habe als heute“, heißt es 1929 in einem seiner wenigen Interviews mit der „Literarischen Welt“. Ja, er wisse, man „fable“ über ein Cocktailbuch. Dabei handele es sich doch nur um einen klitzekleinen Artikel. „Ich könnte den Leuten in dieser Richtung noch ganz anderes ‚Material‘ gegen mich geben, denn ich habe viele Artikel über Gummireifen, Autos, Faltboote, Motoren und was weiß ich alles geschrieben, ganz einfach, weil ich davon leben musste.“

„Der Schnaps will behandelt werden.“

Man sollte nicht mit weniger als dreißig verschiedenen Schnapseinheiten beginnen. Training ist erforderlich. Eine ungeschickte Handbewegung kann alles zerstören. Der Schnaps will behandelt werden.

Der Artikel über das Mixen ist ein wunderbarer Artikel, streckenweise sehr poetisch, verfasst von einem Mann, der offensichtlich gerne trinkt. Und der schreiben kann. Dass er kein großes Problem damit hat, sich zu verkaufen, zu bewerben, sich für eine Sache zu begeistern, wenn der Auftraggeber es verlangt – so ist der moderne Mensch, der moderne Lohnschreiber. Remarque hat auch später nie den großen Literaten gespielt, nie den beseelten Idealisten gegeben. Dafür war er zu realistisch, die Kriegserfahrung hatte ihm jede Illusion weggebombt. Er ist manchmal wie sein alter Ego Paul Bäumer sich und seine Kameraden beschreibt: „Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute, wir sind roh und traurig und oberflächlich – ich glaube, wir sind verloren.“

So einer kann Werbetexter werden. Oder ein großer Autor.

Dank an die Staatsbibliothek Unter den Linden. Nächste Woche erscheint der 2. Teil zu Erich Maria Remarque – über die erste Hollywood-Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“ und den verzweifelten Versuch der Berliner Politik, 1929/30 auf die fernen Filmarbeiten Einfluss zu nehmen.