„Friedensweihnacht 1945“, so heißt es damals – das erste Weihnachten ohne Krieg seit sechs Jahren. Ohne Fliegeralarm, ohne Bunker, ohne Bomben. „Gewiss, uns zittert noch die Erinnerung an die letzten Heiligabende nach, in denen die rauchenden Trümmer unserer Stadt gen Himmel ragten und Tausende und Abertausende ohne Habe und Bleibe dastanden“, schreibt der evangelische Probst Grüber im Dezember 1945. Und fragt: „Ist nun das Friedensweihnacht gekommen, das wir uns ersehnt und erträumt haben?“

Ja und nein. Die Stadt liegt in Trümmern, das geliebte Berlin ist kaum mehr wiederzuerkennen. Es fehlt an Essen, an Kleidung, an Brennmaterial. Über Schuld will jetzt niemand reden; man hat genug damit zu tun, über den Winter zu kommen. Nur die Bischöfe sprechen das Thema in ihren Weihnachtspredigten an. Von „verhängnisvollen Taten“ und „schweren Verfehlungen“ spricht der katholische Bischof. „Wirklicher Frieden auf Erden kann nur von innen her wachsen, nämlich aus den Herzen der Menschen, die nicht mehr an der Gewalt Freude haben, sondern an der Liebe“, mahnt der evangelische Bischof. Vergeben und sich vergeben lassen.

Raumtemperaturen um den Gefrierpunkt

Die haben gut reden, die Bischöfe, die hungern und frieren ja nicht. „Wenn ich an Weihnachten 1945 denke, so denke ich an Hunger und Kälte; ich war mit meiner Mutter zusammen. Unser einziger Raum – ein großes Zimmer – hatte eine Temperatur zwischen plus ein bis drei Grad Celsius. Die Fenster waren mit Pappe vernagelt. Wir hielten uns meist im Bett auf. Das war auch nicht warm. Daher lagen wir meistens angezogen im Bett.“ So erinnert sich viel später Charlotte Heinze. 1945 war sie 16 Jahre alt. Für große Gedanken fehlt die Kraft.

Noch leben alle auf Lebensmittelkarten, doch was an die Bevölkerung ausgegeben wird, reicht kaum, um satt zu werden. Dabei gibt sich der Ernährungsbeirat von Berlin alle Mühe, die Stadt zu versorgen. Doch was tun, wenn einfach zu wenig ankommt? 300.000 Eier aus Brandenburg sind für Berlin im Quartal eingeplant, nur 23.890 wurden geliefert. „Unerfüllbar“ sei die Vorgabe, behaupten die Landräte Brandenburgs im Dezember 1945. Aber auf den vielen Berliner Schwarzmärkten, da landen plötzlich Eier. Razzien und Verhaftungen bringen wenig, die „Herrschaften“ sammeln sich dann auf einem anderen Platz. Schieber und Spekulanten.

Geschwollene Leiber, verdickte Gelenke

Die Not ist groß – gerade unter den Kindern. „Waisen“ werden „auf den Eisenbahnen und Straßen aufgefunden“, ihr Zustand ist erbärmlich. Monatelang waren sie auf der Flucht, sind „über die Landstraßen gezogen“, haben irgendwo auf dem Weg nach Westen ihre Angehörigen verloren. Gegessen haben sie nur unregelmäßig – „diese Kinder zeigen krankhafte körperliche Veränderungen (geschwollene Leiber, verdickte Gelenke)“. Oft könnten sie sich kaum noch bewegen, mussten das Bett hüten. „Die Kinder sind teilweise so schwach, dass sie nicht in den Betten sitzen können.“ In „Päppelheimen“ wie dem in Pankow sollen sie mit Extrarationen Milch, Zucker und Kartoffeln aufgepäppelt werden.

Diese Not-Weihnacht 1945 will man besonders schön feiern. Nicht nur für die Waisen – für alle Berliner Kinder. „Der Frauenausschuss und der Ernährungsausschuss haben um Mehl zum Backen von Keksen für die Kinder zu Weihnachten gebeten“, heißt es Ende November. Aber werden die Alliierten das auch genehmigen? Erst im Oktober ist der Ernährungsbeirat mit einem Antrag für eine „Sonderzuteilung“ zu Weihnachten gescheitert. Der „Berliner Bevölkerung“ wollte man allerlei bieten: „Mehl, Zucker, Fett, Kaffee und Spirituosen.“ Das fanden die Siegermächte dann wohl doch zu üppig. „Dieser Antrag ist von den Alliierten abschlägig beschieden worden“, heißt es schmallippig. Jetzt bittet man nur noch um etwas Mehl, Zucker und Fett, um zu backen. Für die Kinder. Die Ausstechformen werden aus Wehrmachtsdosen gemacht.

Christbaumdiebe inflagranti erwischt

Ja, es weihnachtet 1945, vielleicht nicht sehr, aber doch spürbar. Es gibt Filmaufnahmen eines schlichten Berliner Weihnachtsmarktes in den Trümmern. Tannenbäume stehen hoch im Kurs. „Christbaumdiebe wurden gestern in den nördlichen Vororten Berlins gestellt“, berichtet der Tagesspiegel vom 24. 12. 1945. Man musste die Legalität seines Tannenbaumes nachweisen – aber das konnte kaum einer. Entweder waren sie aus dem Wald geklaut oder aus einem Park oder gleich aus einem Vorgarten. Es ist die Stunde des Not-Tannenbaums: Löcher werden in einen Besenstiel gebohrt, in die steckt man Tannenzweige hinein. Manche erleben ein kleines Weihnachtswunder – ihr Tannenbaumschmuck hat im Keller die Bomben heil überstanden. Sogar die zarten Kugeln.

Es ist ein glückliches und ein trauriges Fest. Es ist Frieden, aber die Männer fehlen. Viele sind noch in Gefangenschaft. Ein Jahr zuvor regnete es noch Flugblätter in die Schützengräben: „FROHE WEIHNACHTEN!“ Und darunter stand: „Landser – gebt Euch gefangen! Dadurch rettet Ihr Euer Leben und helft den Krieg zu beenden – dann gibt es für Euch und für die Heimat wieder eine wirklich FRÖHLICHE WEIHNACHT!“ Briten, Amerikaner und Sowjets appellieren an das Heimweh der deutschen Soldaten.

Die Männer waren nicht da

„Wir feierten Weihnachten“, heißt es im Dezember 1944 in einem sowjetischen Flugblatt, zu sehen sind drei Fotos aus einem russischen Kriegsgefangenenlager: Ein internierter deutscher Soldat schneidet eine Gans an, ein anderer liest gepflegt vor dem geschmückten Baum, der Weihnachtsmann schaut auch vorbei. Die „Schrecken der Russischen Kriegsgefangenschaft“, steht da, die seien „nichts weiter als alte Weibermärchen.“ Ein potemkinsches Kriegsgefangenenlager für die Frontpropaganda. Schon 1944 glaubte ihr keiner. 1945 erst recht nicht. Die Männer werden noch lange nicht heimkehren.

Doch nun ist Heiligabend 45, eine kurze Atempause. „Ich erinnere mich an eine Puppenstube aus einer Apfelsinenkiste. Sie war mit Tapeten beklebt, mit einem Stück Linoleum auf dem Fußboden. Kleine Dinge wie Parfümfläschchen waren eine Vase. Diese Puppenkiste stand auf einer Kohlenkiste.“ Hannelore Radke ist damals acht Jahre alt. Die Erwachsenen geben sich alle Mühe, den Kindern ein schönes Fest zu bereiten.

Ausgangssperre aufgehoben

Und die Alliierten? Die schenken am Ende auch. „Festfreuden für die Bevölkerung“, meldet die Berliner Zeitung am 15. Dezember. Es gibt tatsächlich eine Sonderzuteilung von Lebensmitteln. Aber das ist nicht das einzige Geschenk. Ein viel größeres wartet noch. Am 24. Dezember 1945 heben die Siegermächte in Berlin die Ausgangsperre auf. Man darf auch nach 23 Uhr unterwegs sein. Das Leben in der Stadt wird wieder ein Stückchen normaler. Ein „Ausdruck des Vertrauens der Alliierten gegenüber der Berliner Bevölkerung“. Ab jetzt sind Kreuzberger Nächte wieder lang.

Es ist Frieden. Endlich.

Dank an das Landesarchiv und an die Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek (Haus Potsdamer Straße)

Alle Erinnerungen stammen aus dem Buch: „Bruchstücke. Friedensweihnacht 1945“, hrsg. v. Gretel Bouchette (nur noch antiquarisch)