Viel wurde in diesen Tagen orakelt, ob Filmfestivals in Zeiten von Downloads, Netflix und Videopiraterie überhaupt noch eine Zukunft haben. Die 65. Berlinale, die am Sonntag mit dem Publikumstag zu Ende geht, hat die Frage beantwortet. Der Publikumsansturm war einmal mehr enorm. Die letzten Tickets waren bis Redaktionsschluss noch nicht verkauft, aber es zeichnet sich ab, dass das Rekordergebnis vom Vorjahr mit 330.000 Karten noch einmal übertroffen werden wird. Ja, das Fachpublikum, aber vor allem auch die Berliner, die ganz normalen Kinogänger, sie brennen für das Kino. Die wollen keine Filme auf der Armbanduhr sehen, wie es Festivalchef Dieter Kosslick gern so bildhaft darstellt. Die brennen für die große Leinwand, das gemeinschaftliche Erlebnis. Und interessieren sich nicht etwa nur für Mainstream und Stars am roten Teppich, sondern gerade auch für die kleineren unbekannten Filme, von denen man nie weiß, ob sie je einmal regulär in unseren Kinos laufen werden.

Zehn Tage lang war Berlin wieder im Ausnahmezustand, zehn Tage der Potsdamer Platz eine Art Paralleluniversum. Das beweist: Das Kino zieht. Und Berlin als Standort auch. Mögen andere Großereignisse aufgeben oder abwandern, wie Bread & Butter, die Popkomm oder Großkongresse: Die Berlinale läuft wie geschmiert. Und bringt nicht nur das restliche Kulturleben, sondern weitestgehend das ganze Gesellschaftsleben zum Erliegen. Die Berlinale ist und bleibt das wichtigste Stadt-Event des Jahres.

TV-Serien und „Fifty Shades of Grey“

Es wurde auch orakelt, ob Dieter Kosslick noch ein Zukunftsmodell ist. Er hat seinen Vertrag ja noch mal um drei Jahre verlängert. Und dafür von einigen Seiten hämische Kommentare ob seines Alters geerntet. Aber auch da haben die vergangenen zehn Tage bewiesen: Jawohl, er kann’s noch. Kosslick hat seine Ägide damit begonnen, nicht nur die Filmwelt, sondern auch alle anderen Künste, bis hin zu den Kochkünsten, an die Berlinale zu binden. Er hat das Film- zu einem Stadtfestival erweitert. Gut möglich, dass die diesjährige Ausgabe nun als die Fernseh-Berlinale in die Annalen eingehen wird, weil er das Festival auch für einen vermeintlichen Großkonkurrenten geöffnet hat.

Gut möglich, dass viele auch nur an eine Sex-Berlinale, also an „Fifty Shades of Grey“ denken werden. Aber so ein bisschen Festival-Viagra kann auch nicht schaden. Kosslick versteht es, Kunst und Mainstream auf einen Teppich zu bringen. Die Stimmung war einmal mehr prima. So darf das gerne weitergehen.