Seit 22 Jahren sammeln Sie nun. Sind Sie‘s nie leid?
Während einer so langen Zeit mit einem ständigen Auf und Ab gewöhnt man sich eine ordentliche Portion Demut an. Man braucht dazu eine nicht versiegende Begeisterung für das Projekt. Und die ist immer noch da!
Es muss doch Momente geben, wo Sie sich über Nichtspender ärgern.
Ich gehe nicht aggressiv an die Leute heran, also gibt es auch keinen Grund, sich zu ärgern. Ich habe sie nie direkt für eine bestimmte Spende angesprochen und Dinge gesagt wie „Hört mal, Ihr seid doch reich genug“. Der Weg für seriöse Spendensammlung geht anders: Man muss die Leute zunächst von der Idee überzeugen und begeistern. Das kann dauern – und dann erst sollte man ihnen unser Berliner Extrablatt in die Hand drücken und sagen: „Lesen Sie die letzte Seite bitte, wenn Sie möchten, die ist ganz wichtig für mich“. Dort steht nämlich alles über ein mögliches Engagement. Sehr häufig bekommen wir dann große Spenden. Manche Interessenten habe ich auf einer internen Liste stehen – die frage ich erst ganz zum Schluss. Von ihnen weiß ich, dass sie viel spenden könnten. Damit tröste ich mich. Bei der Summe, die noch gesammelt werden muss, beflügelt ein solches Wissen, die Arbeit durchzuhalten.
Über 45 Millionen Euro haben Sie aktuell beisammen – 80 müssen es noch werden.
Bis 2011 sammelten wir jährlich 2,3 Millionen, 2011 schon 4,2, weil dort im Sommer der Baubeginn bekannt gegeben wurde. 2012 waren es bereits 5,4, 2013 9,1 – und jetzt 2014, und das Jahr hat noch fast drei Monate, haben wir über zwölf Millionen Euro erreicht. Dass es eine solche Steigerung gibt, liegt an dem Vertrauensvorschuss, den wir uns über die Jahre erarbeitet haben – und am Baufortschritt.
Das muss stolz machen, wenn man die Faszination für das Schloss schon als junger Mann hatte.
Ja, seit 53 Jahren ist das Schloss erst mein Hobby gewesen und wurde dann zur Lebensaufgabe. 1961 bin ich als Schülerzeitungs-Redakteur aus Hamburg nach Berlin gereist. Wir wohnten nur 40 Kilometer von der Zonengrenze weg, wir waren ein sehr politisches Gymnasium. Und 1961, zum Mauerbau, hat man mir gesagt, „Junge, Du fährst nach Berlin und machst eine 24-Seiten-Zeitung vom Mauerbau in Berlin“. Also bin ich in den Herbstferien nach Berlin. Und habe beklemmende Szenen erlebt. Ein Brautpaar zum Beispiel, auf der westlichen Seite und zehn Meter entfernt standen die Eltern auf der östlichen Seite und weinten. Sie durften ihren Kindern nicht mal die Hand geben. So etwas prägt, wenn man 19 Jahre alt ist. Und dann will man entweder schnell zurück in den Westen – oder man verliebt sich. In die Stadt. In den Widerstand, Trotz und Zorn der Menschen. Das waren keine einfach nur meckernden Berliner, das waren Leute, die sich mit dem Mauerbau nicht abfinden wollten. In Ostberlin, am öden Aufmarschplatz mit der Tribüne fragte ich, was denn hier gewesen sei. Ab da faszinierte mich das dort gesprengte Berliner Schloss.
Ab wann kann so ein Hobby die Familie nerven?
Das muss man aushalten. Meine Frau sagte damals: „Mach mal, denn wenn ich Dir das verbiete, fällt Dir morgen etwas anderes ein.“ Wir sind jetzt 48 Jahre verheiratet und das Gute ist, dass Sie Unternehmer-Tochter ist. Ihr Vater war also auch nie zuhause. Und ich merke, wenn ich den Bogen überspanne und zu viel weg bin. Sie sagt dann einfach bei einem Telefonat; „Sie heißen Boddien? Kennen wir uns?“ Und dann weiß ich, dass es Zeit wird, auch mal wieder nach Hause zu kommen.
Gibt es da ein Beschwichtigungsangebot, was Sie bieten können?
Na, wir leben ja in Hamburg – und das sehr intensiv, wenn ich dort bin. Meine Frau ist zuhause gut ausgelastet, als „Omi fürs Grobe“ für unsere Kinder und Enkel. Sie hat reichlich zu tun, denn wir haben 13 Enkel. Unsere Kinder haben mich zum Beispiel bei unserer Silberhochzeit total durch den Kakao gezogen mit meinem Schloss. Als wir dann aber 1993 die Simulation in Berlin stehen hatten – da sagten sie: „Mensch, vielleicht hat der Papa ja doch recht.“
Wachen Sie mit dem Schloss auf und nehmen es abends mit in den Schlaf?
Ich kann gut abschalten. Ich wäre ja auch leicht borniert, wenn ich nur Schloss könnte. Dann hätten wir auch miteinander wenig Freude und Freunde. Und es gäbe kaum etwas, worüber ich mich mit meiner Frau noch unterhalten könnte.
Klingt nach einer großartigen Ehefrau.
Das ist sie. Wenn ich meiner Frau 1993 gesagt hätte, dass ich vor der Simulation 1993 der Bank eine selbstschuldnerische Bürgschaft von 300.000 Mark gegeben habe, die sofort vollstreckbar gewesen wäre, nur um die Handwerkerrechnungen zu bezahlen, denn der Verein bekam ja keinen Kredit, hätte sie sicher Nein gesagt. Also durfte ich ihr das nicht erzählen. Wir hatten drei Kinder im Studium und zwei vor dem Abitur, sie hätte dem nie zugestimmt.. Aber: Die Sache ist ja gut ausgegangen. Ich habe ihr, als alles gut abgewickelt war, den zurückerhaltenen Schuldschein gezeigt – und mich gewundert, warum sie das auch nachträglich überhaupt nicht amüsant fand. So etwas macht man sicherlich nur einmal im Leben.


