Am 3. Oktober feiern wir die Deutsche Einheit. Wir erinnern uns daran, dass Mauern fallen können, dass Freiheit stärker sein kann als Unfreiheit und aus Trennung wieder Gemeinsamkeit entstehen kann. Die Mauer stand 28 Jahre. Seit 36 Jahren sind wir wieder ein Land. Wir haben also inzwischen länger ohne sie gelebt als mit ihr. In Berlin erinnert vielerorts nur noch eine doppelte Reihe Pflastersteine daran, wo sie verlief. Viele gehen jeden Tag darüber hinweg, ohne es zu merken.
Neue Mauern aus Misstrauen
Und doch laufen wir Gefahr, dass neue Linien durch dieses Land gezogen werden. Nicht aus Beton, sondern aus Misstrauen. Sie verlaufen nicht mehr zwischen Ost und West, sondern quer durch Familien, Freundeskreise und Belegschaften. Man sieht sie nicht. Man bemerkt sie erst, wenn man mit dem Nachbarn, der Kollegin oder dem eigenen Schwager nicht mehr spricht. Wir leben in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft.
Politische Debatten sind immer häufiger von Demontage statt von Diskussion geprägt. Acht von zehn Menschen in Deutschland fällt es laut dem Edelman Trust Barometer 2026 schwer, jenen zu vertrauen, die anders denken oder andere Informationsquellen nutzen. Auch das Misstrauen in politische Institutionen und die Medien ist hoch.
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Der Tag der Deutschen Einheit ist daher mehr als ein Gedenktag. Er stellt uns eine Frage, die sich nicht mit Festreden beantworten lässt: Was hält uns Deutsche heute noch zusammen?
Was hält uns heute noch zusammen?
Die Antwort fiel schon einmal leichter. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin haben gezeigt, wie stark sich die politische Landschaft verschiebt. Alte Bindungen lösen sich, die Ränder wachsen, stabile Mehrheiten werden seltener, der Ton wird rauer. Die Spaltung findet längst nicht mehr nur in sozialen Netzwerken statt. Sie sitzt mit am Küchentisch.

Demokratie ist kein Lieferdienst
Wer jetzt nur auf die Politik wartet, macht es sich zu leicht. Demokratie ist kein Lieferdienst, bei dem man bestellt, wartet und sich hinterher beschwert. Auch die Mauer ist 1989 nicht von oben gefallen. Sie fiel, weil Menschen nicht länger warten wollten. Zusammenhalt entsteht jeden Tag neu: in Familien, in der Nachbarschaft, in Schulen und Vereinen. Und am Arbeitsplatz. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich zuständig fühlen. Unser Land zeigt es vielerorts eindrucksvoll.
Deutschland lebt vom Ehrenamt
Deutschland lebt vom Ehrenamt. Rund 27 Millionen Bürgerinnen und Bürger engagieren sich ehrenamtlich: in Sportvereinen, bei der Freiwilligen Feuerwehr, in der Nachbarschaftshilfe, in sozialen Initiativen und in der Kultur. Sie übernehmen Verantwortung, außerhalb ihrer Arbeit, aus freien Stücken. Auch im internationalen Vergleich belegt Deutschland einen der Spitzenplätze bei sozialem Engagement.
Verantwortung beginnt am Arbeitsplatz
Doch auch den Unternehmen kommt eine zentrale Rolle zu. Ob Konzern, Mittelständler oder Start-up: Gemeinsame Arbeit verlangt, unterschiedliche Ansichten auszuhalten, Konflikte fair auszutragen und sich aufeinander verlassen zu können. Am Arbeitsplatz werden Werte gelebt, Haltungen geformt und Umgangsformen eingeübt. Hier zeigt sich, ob Unterschiede als Bereicherung oder als Bedrohung erlebt werden. Ob Vertrauen wächst oder Misstrauen. Wer ein Unternehmen führt, prägt diese Kultur entscheidend mit.
Unternehmen investieren, bilden aus und schaffen Arbeitsplätze. Vor allem aber erleben wir in ihnen jeden Tag, dass sich Erfolg nur dann einstellt, wenn Menschen einander vertrauen und respektieren, auch wenn sie verschiedenen Ansichten folgen. Diese Erkenntnis sollten wir nicht für uns behalten.
Wie Unternehmen, Verbände und Vereine über ihren engeren Wirkungskreis hinaus Verantwortung übernehmen können, zeigen wir im Verein Berliner Kaufleute und Industrieller mit unseren zahlreichen Initiativen und Projekten in den Bereichen Bildung, Kultur und Sport. Die mehr als 2000 freiwillig engagierten Berliner Lesepaten eröffnen täglich Bildungschancen, wir stärken die junge Galerienszene der Stadt und sammeln mit unserer Auktionsgala demnächst wieder Mittel für den guten Zweck. Entscheidend ist dabei nicht, wer solche Initiativen trägt, sondern was sie für andere bewirken.
Getragen wird dieses Engagement von vielen Unternehmerinnen und Unternehmern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Kulturschaffenden und Fachleuten, die ehrenamtlich in den Ausschüssen des VBKI mitarbeiten. Niemand zwingt sie dazu. Sie tun es, weil sie sich für Berlin zuständig fühlen.
Zuständig fühlen – für dieses Land
Genau darauf kommt es an. Eine Demokratie ist nicht schon deshalb stabil, weil ihre Institutionen funktionieren. Sie braucht Menschen, die sich einmischen, auch wenn sie selbst nicht unmittelbar etwas davon haben.
Womit wir wieder beim Tag der Deutschen Einheit sind. Er erinnert daran, was möglich ist, wenn Menschen sich nicht mit den Verhältnissen abfinden. Heute müssen wir kein geteiltes Land mehr vereinen. Aber wir müssen verhindern, dass aus politischen, sozialen und kulturellen Unterschieden neue Mauern werden. Wir alle gestalten dieses Land mit: im Beruf, im Verein, in der Nachbarschaft – überall dort, wo wir Verantwortung übernehmen.
Einheit heißt nicht, dass alle gleich sind. Einheit heißt, Unterschiede auszuhalten und das Gemeinsame trotzdem zu schützen. Das ist keine Frage der Politik allein. Ganz im Gegenteil: Es entscheidet sich überall dort, wo Menschen sich zuständig fühlen. Fühlen wir uns zuständig: für unseren Betrieb, unseren Verein, unsere Nachbarschaft. Für dieses Land.
Harald Christ
Prof. Harald Christ ist Unternehmer, Investor, Aufsichtsrat und Gründer der Christ Capital, zudem Präsident des VBKI. Als Stifter engagiert er sich zudem gesellschaftlich und bringt seine wirtschaftspolitische Expertise als Autor und Speaker ein.



