Nur wenige Minuten Verspätung zeigte die Deutsche Bahn für den ICE an, der die deutschen Handball-Nationalspielerinnen von Stuttgart nach Dortmund bringen sollte. Nahezu pünktlich fuhr er im Ruhrgebiet ein. Bei dem, was auf den Schienen der Republik sonst los ist, war dies eine gute Nachricht. Sie passte zur positiven Grundstimmung im Team von Bundestrainer Markus Gaugisch, das nach der 31:20-Gala am Sonntagabend gegen Serbien die Vorrunde des Heimturniers als Gruppensieger abgeschlossen hatte und an diesem Dienstag (20.30 Uhr/sportreurope.tv) mit vier Punkten gegen WM-Neuling Färöer in die Hauptrunde startet.
Spielort ist dann nicht mehr die Porsche-Arena in Stuttgart, sondern die Westfalenhalle in Dortmund. Ein Ort, der im deutschen Handball viele Namen hat: Westfalenhölle, Mekka, Tempel, Mythos Westfalenhalle. Schon 1961 sowie 1982 wurden hier WM-Endspiele ausgetragen. Der VfL Gummersbach um Heiner Brand zog für seine internationalen Spiele aus dem Bergischen in die größere Halle. Legendäre Handballabende folgten. Torwart Andreas Thiel, Spitzname Hexer, sagte einmal: „Wenn man aus dieser Rampe rausgekommen ist und die Zuschauerwand gesehen hat, war das ein gutes Gefühl.“
Westfalenhalle: Handball-Historie nicht nur bei den Männern
1986 sorgten der OSC Dortmund und Tusem Essen mit 10.350 Besuchern für einen Bundesliga-Zuschauerrekord. 1987 gewann Deutschland den renommierten Supercup im Dortmunder Hexenkessel. Bei der Heim-WM 2007 besiegte das Team des Deutschen Handball-Bundes (DHB) auf dem Weg zum Titel in der Hauptrunde Frankreich. „Dortmund ist und bleibt etwas Besonderes“, sagte Weltmeistertrainer Heiner Brand später.
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Gewiss, der Mythos gründet vor allem auf großen Spielen der Männer. Doch derzeit ist Handball – das hat der DHB als Losung ausgegeben – Frauensache. Und auch für sie hat die Westfalenhalle bereits Historie. Erst im Februar spielten die BVB-Frauen dort eine Partie der European League. Und schon 1997 stellten die Dortmunderinnen hier einen Zuschauerrekord auf, den sie 2023 noch einmal ausbauten. „Ehrenhaft“ nennt Clara Woltering, WM-Botschafterin sowie Trainerin der BVB-Torhüterinnen, die Westfalenhalle.
Am 9. Dezember soll es im Viertelfinale knallen
Die 222-malige Nationaltorhüterin erinnerte sich jüngst an eine „spezielle Atmosphäre“: „Das Geile ist einfach, dass die Stimmung eins zu eins aufs Spielfeld übertragen wird. Dass, wenn die Ränge voll sind, so eine drückende Art und Weise herrscht – aber positiv.“ Für die deutsche Mannschaft, da ist die 42-Jährige sich sicher, kann das heimische Publikum einen Push geben. „Und dann kann es in Dortmund weit nach vorne gehen.“

Das Ziel ist es, die drei Hauptrundenspiele gegen WM-Überraschung Färöer am Dienstag sowie anschließend gegen Montenegro (Donnerstag, 18 Uhr) und Spanien (Samstag, 18 Uhr/alle sporteurope.tv) zu meistern, um dann im Viertelfinale am Dienstag, 9. Dezember, um den Einzug ins Halbfinale zu spielen. Dick angestrichen haben die DHB-Spielerinnen um Kapitänin Antje Döll sich dieses Datum im Kalender. Ein Duell mit einer Topmannschaft wie Schweden ist so gut wie sicher. Für Bundestrainer Markus Gaugisch ist alles auf diese eine Partie ausgerichtet: „Es wird dieses eine Spiel sein: das Viertelfinale. Wenn wir da mit der Lockerheit reingehen, mit der Coolness, mit diesem Gefühl der eigenen Stärke – dann werden wir uns zerfetzen auf dem Feld. Alles andere interessiert mich gerade nicht.“
Kapitänin Döll, die beim dritten Sieg im dritten WM-Spiel mit acht Toren erfolgreichste deutsche Schützin war und zur Spielerin des Spiels gegen Serbien gekürt wurde, setzt ganz stark auf den Faktor Publikum: „In Dortmund kann eine hitzige Stimmung entstehen – und die brauchen wir auch. Natürlich spürt man als Spielerin irgendwann auch den Druck. Wenn man dann vor voller Halle spielt, kann einen das Publikum tragen und uns helfen. Das bringt ganz, ganz viel.“ Gesehen habe man dies bei der vergangenen EM. Getragen von einem enthusiastischen Heimpublikum gewann Co-Gastgeber Ungarn die Bronzemedaille.
Spielerinnen schwärmen von WM-Atmosphäre
Durch die Bank schwärmen die Spielerinnen von der bisherigen WM-Atmosphäre. „Stuttgart hat sehr gut vorgelegt, da muss Dortmund nachziehen“, sagte Emily Vogel. Und Viola Leuchter befand: „Wir haben super Rückenwind durch die Fans und fühlen uns momentan sehr gut. Jetzt geht es darum, diese Welle mit nach Dortmund zu nehmen. Dann können wir viel reißen.“
In Stuttgart waren alle deutschen Spiele ausverkauft. Jedoch: In die Westfalenhalle passen mit 11.000 Plätzen doppelt so viele Zuschauer. Ausverkauft sind die Partien noch nicht. Rund 6000 Tickets sind für das Färöer-Spiel abgesetzt. Emily Vogel appellierte daher: „Kommt in die Halle und unterstützt uns. Ich denke, dass wir geilen Handball zeigen und die Leute begeistern können.“
Besonderes Heimspiel für drei BVB-Spielerinnen
Einen ersten Eindruck davon, wie es werden kann, erhielt die Nationalmannschaft im vergangenen Jahr. In der Olympia-Vorbereitung ging es in der Westfalenhalle gegen Brasilien. Spielmacherin Alina Grijseels, von Bundestrainer Gaugisch als „Handball-Brain“ geadelt, spürt noch die Gänsehaut, wenn sie an das Einlaufen denkt: „Ich glaube, es wird auch bei der Hymne besonders. Wenn 11.000 mitsingen, macht das was mit einem.“
Die 29-Jährige ist eine von drei Spielerinnen im DHB-Kader, die bei Borussia Dortmund unter Vertrag stehen. Für sie, Kreisläuferin Lisa Antl und Torhüterin Sarah Wachter stehen daher besondere Heimspiele an. „Dortmund ist mein Zuhause“, sagt Leistungsträgerin Grijseels. Neun Jahre hatte sie für den BVB gespielt, ehe sie 2023 für zwei Jahre ins Ausland nach Metz und Bukarest wechselte. In diesem Sommer kehrte sie zurück. Alina Grijseels erwartet viele bekannte Gesichter auf den Rängen. Nun gilt es abzuliefern. Dann kann der Mythos Westfalenhalle weiterleben.




