Wir werden täglich während der Corona-Pandemie und der Klimakrise mit so vielen Fremdwörtern bombardiert, dass wir stets mit einem Wörterbuch unter dem Arm herumlaufen müssten. Sogar der Ausdruck „Triage“ (Selektion, Auswahl der Kranken) wird uns jetzt in den Medien wie selbstverständlich ohne Übersetzung angeboten. In diesem Fremdworthagel wage ich es als Kolumnist kaum mehr, meinerseits auch einmal ein paar Fachbegriffe der Linguistik (Sprachwissenschaft) zu präsentieren. Es geht nicht darum, die Augenhöhe der Unverständlichkeit zu wahren, sondern darum, die sprachlichen Zweifelsfälle der Grammatik, Orthografie (Rechtschreibung) und Interpunktion (Zeichensetzung) erst einmal fachlich zu benennen, bevor ich sie – so hoffe ich doch! – verständlich erkläre.

Vor einer Woche wurde ich durch den Brief einer Leserin auf den Begriff „Konnotat“ geführt, wobei ich unter Umständen die Grenze des Zumutbaren berührt habe. Es hat sich aber niemand beschwert. Es ging darum, dass der Bedeutungskern eines Wortes nicht in den (konnotativen) Sinn der Aussage passte. Die Voraussage von Eis, Schneematsch, Sturm und Starkregen für das Wochenende beinhaltet ja keine „Chance“ (Glücksfall), sondern eine Wahrscheinlichkeit. Vor 14 Tagen deutete ich an, dass ich die festen Verben („ich bergsteige“) und die unfesten Verben („ich schätze wert“) wohl noch etwas genauer erklären müsse. Auch dafür gibt es ein seltenes Fremdwort, nämlich die Tmesis. Wie jeder richtige Fachbegriff der Linguistik ist auch die Tmesis griechischen Ursprungs und bedeutet eigentlich „das Abtrennen, Schneiden, Zerteilen“, auf Deutsch die Trennung zusammengehörender Wortteile.

Es gibt Wörter, deren Einzelteile flüchtig sind

Wie man in der Sprache ähnlich wie in der Chemie Elemente zusammenfügen kann, so kann man hier wie dort das Zusammengefügte auch wieder in seine Bestandteile zerlegen. Es gibt Wörter, die halten nicht fest zusammen, sondern deren Einzelteile sind bei entsprechender Syntax (Satzbau) flüchtig. Sie laufen auseinander und reihen sich an verschiedenen Stellen wieder in den Satz ein. Wir sprechen von der Tmesis. Wenn ich fortfahre, so kann ich im Infinitiv (in der Grundform) „fortfahren“, ich kann aber auch sagen: Ich „fahre“ im Text „fort“ – und schon habe ich das eine Verb in zwei Teile zerlegt.

Bei vielen Verben steht vor der Infinitivendung -en oder -n nur der Stamm: fall-en, setz-en, arbeit-en, bring-en. Dabei handelt es sich um die sogenannten einfachen Verben, die wir nicht weiter zerteilen können. Wozu auch? Daneben gibt es Verben, die ein Präfix enthalten. Präfixe sind kleinste bedeutungstragende Bestandteile wie be-, ver-, ent- oder un-, die einem Wortstamm vorangehen und so einen neuen Wortstamm bilden, der dann immer fest zusammenbleibt. Deshalb spricht man in diesem Fall von untrennbaren Verben: Ich „ersetze“ die Batterie. Ich „setze“ die Batterie „er“ wäre Blödsinn.

Anders jedoch, wenn wir es mit Partikelverben zu tun haben, denen ein Verbzusatz vorangeht, der der Form nach wie ein Adjektiv, Adverb oder eine Präposition aussehen kann, bei dem es sich jedoch um nichts anderes als ein Präfix handelt, das bei entsprechender Syntax wandern muss: Otto will das Buch „zurückbringen“. Otto „bringt“ das Buch „zurück“.

Das gilt auch für das Verb „eislaufen“, das eine Tätigkeit beschreibt, bei der ich auf dem „Eis laufe“, das gilt jedoch nicht für „Eis schlecken“. Kompliziert wird es, wenn es heißt: Auf dem Eis laufe ich gern eis und schlecke dabei Eis.

Es trifft allen Gerüchten zum Trotz nicht zu, dass die Rechtschreibreformer 1996 im Vorgriff auf Ampel und Rot-Grün-Rot das Fahrrad dem bösen Auto gleichgestellt und großgeschrieben haben. Vorher hieß es „radfahren“, aber „Auto fahren“. Jetzt fahren die Radfahrer Rad, was angesichts von Sturm aus Nordost, Glatteis und Minustemperaturen auch in Berlin dem Autofahren zweifelsohne vorzuziehen ist. Wer’s nicht glaubt, der frage Cem Özdemir!