Schon vor dem Auftakt des Bündnisses für Ausbildung hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) mit dem Scheitern gedroht. „Das Bündnis ist sinnvoll“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder bei der Vorstellung der Ausbildungsbilanz der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. „Mit dem Ziel, 2000 zusätzliche Ausbildungsplätze zu besetzen, hat es sich viel vorgenommen.“
Gleichzeitig forderte Eder aber von allen Beteiligten Initiativen, das Ziel auch zu erreichen. „Wenn sich nicht alle Beteiligten bewegen, werden wir das Bündnis wieder verlassen“, drohte Eder. Im Bündnis wollen die Arbeits-, Wirtschafts- und Bildungsverwaltung, IHK und Handwerkskammer, sowie die Agentur für Arbeit und Gewerkschaften nach Möglichkeiten suchen, die Ausbildungsquote in Berlin zu erhöhen. Im Vergleich zu allen anderen Bundesländern werden in Berlin jährlich durchschnittlich weniger Ausbildungsplätze angeboten.
Aus Sicht der IHK unternimmt die Wirtschaft bereits zahlreiche Initiativen, um die Situation auf dem Ausbildungsmarkt zu verbessern. Jedes dritte Unternehmen biete Schülerpraktika zur besseren Berufsorientierung an, 40 Prozent der Unternehmen würden sich auch um lernschwächere Schulabgänger zur Besetzung von Ausbildungsplätzen bemühen, die IHK biete zudem Bewerbungstraining an und beschäftige 62 Ausbildungsbotschafter, die sich um die Schaffung zusätzlicher Lehrstellen und eine zielgerichtete Berufswahl von Schülerinnen und Schülern bemühten, sagte Eder.
Das Bündnis für Ausbildung startet am 4. Dezember
Das Bündnis ist von der Senatskanzlei und dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ins Leben gerufen worden und soll am 4. Dezember zum ersten Mal tagen. „Wir wollen gemeinsam Potenziale ausschöpfen, der Bedarf ist da“, sagte Arbeitssenatotrin Cansel Kiziltepe (SPD). „Die duale Ausbildung ist eine tragende Säule der Wirtschaft und sichert unseren Wohlstand.“
Kiziltepe verwies dabei auf die 3707 jungen Menschen, die in diesem Jahr keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. „Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Berlin mit 8,7 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 5,1 Prozent“, sagte die Arbeitssenatorin. „Und das in einem Umfeld, in dem Fachkräfte dringend gesucht werden.“
2023 standen 21.000 Bewerbern 16.000 Ausbildungsplätze gegenüber
Insgesamt standen laut Arbeitsagentur in diesem Jahr 21.176 Bewerbern 15.832 duale Ausbildungsplätze gegenüber. Das entspricht fast 300 mehr Plätzen als im Vorjahr, allerdings stieg auch die Zahl der Bewerber um 800. Etwa die Hälfte der Bewerber hat gerade die Schule verlassen, die andere Hälfte sind junge Menschen, die bereits länger nach einer Ausbildungsstelle suchen, oder Lehre oder Studium abgebrochen haben.
Bei den beliebtesten Ausbildungen stehen laut dem aktuellen Bericht des Statistischen Landesamtes weiter die klassischen Berufe im Vordergrund. Bei jungen Männern sind das Einzelhandelskaufmann und KfZ-Mechatroniker, bei jungen Frauen medizinische und zahnarztmedizinische Fachangestellte. Allerdings haben bei den männlichen Bewerbern inzwischen Berufe wie Anlagenmechaniker für Klimatechnik und Informatiker an Bedeutung gewonnen. Sie belegen die Plätze drei und vier.

Bei weiblichen Bewerbern sind weiter soziale Berufe beliebt. Allerdings sind diese kaum in der Statistik der Arbeitsagentur enthalten, da es sich in der Regel, wie in der Pflege, um schulische und nicht betriebliche Ausbildungen handelt. „Wir haben in Berlin weiter ein Ungleichgewicht am Ausbildungsmarkt“, sagte die Chefin der Berliner Regionaldirektion, Ramona Schröder, bei der Vorstellung der Zahlen. Die Bewerberzahlen für beliebte Berufe übersteigen das Angebot, andere Berufsfelder leiden unter einem Bewerbermangel. „Das ist unter anderem auch ein Grund, warum wir zum Abschluss des Ausbildungsjahres noch viele junge Menschen unversorgt sehen“, sagte Schröder.
Aus Sicht Schröders müsse einerseits die Berufsorientierung mehr darauf abzielen, jungen Menschen auch alternative Berufsfelder nahe zu bringen. „Es muss uns besser gelingen, alternative Zielberufe für die jungen Menschen zu finden“, sagte Schröder. Andererseits müsste auch das Angebot der Ausbildungsberufe vielfältiger werden, um junge Leute anzusprechen.
Auch der öffentliche Dienst bildet immer weniger aus
Zu den Ausbildungsfeldern, die nicht von der Arbeitsagentur erfasst werden, gehören auch die Ausbildungsplätze in der öffentlichen Verwaltung. Während die Arbeits- und die Wirtschaftssenatorinnen die Wirtschaft regelmäßig auffordern, mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen, bildet das Land selbst immer weniger aus. Bildete der öffentliche Dienst 2019 noch 2446 junge Menschen aus, waren es zuletzt nur noch 2085. Arbeitssenatorin Kiziltepe räumte am Donnerstag einen Nachholbedarf auch für das Land Berlin ein. „Fachkräftemangel herrscht auch im öffentlichen Dient“, sagte Kiziltepe. Besserung erhofft sich die Senatorin vor allem durch eine Beschleunigung der Einstellungsverfahren. „Einstellungen dauern durchschnittlich acht Monate, da müssen wir besser werden“, sagte Kiziltepe. „Junge Leute warten nicht acht Monate lang auf eine Zusage.“
Insgesamt hat sich der Ausbildungsmarkt in den vergangenen Jahren nach den Erkenntnissen der Arbeitsagentur gewandelt. Während sich vor Jahren viele junge Menschen um einen Ausbildungsplatz rangelten, können sie mittlerweile wegen des Fachkräftemangels aus verschiedenen Angeboten wählen. Dabei seien diejenigen im Vorteil, die rechtzeitig aktiv würden, so Schröder. Sie könnten noch aus einem großen Reservoir an Plätzen wählen. Diejenigen, die sich erst später kümmerten, müssten dann mit den noch offenen Ausbildungsplätzen Vorlieb nehmen.



