Zu den ritualisierten Regelwerken einer Zeit, die vergessliche Menschen die „gute, alte“ nennen, gehört das Jugendschutzgesetz, das die Altersfreigabe für Filme durch die Freiwillige Selbstkon­trolle (FSK) erledigen lässt.

Das ist ein putziges Verfahren, wenn spätestens Siebtklässler auf ihrem Smartphone so ziemlich jeden Schmutz sehen, der um den virtuellen Erdball geistert. Ähnlich realitätsfremd wirkt der Punkte-Plan der Kanzlerin, um Amok, Attentate oder Anschläge abzuwehren.

Das Internet ist wie eine Axt: nicht gut oder böse, sondern Werkzeug, für oder gegen Menschen. In jeder Gesellschaft verbergen sich potenzielle Killer: wütende, fehlgeleitete, kranke Menschen. In der analogen Ära fehlten diesen Zeitbomben Zutaten, Anleitungen, Vorbilder, Anstifter. Terror war kompliziert. So blieb es oft bei wirren Fantasien. Das Internet ermöglicht nun auch schlichtesten Gemütern, ihre irren Ideen umzusetzen.

Das weltweite Netz ist nicht die Ursache des Terrors, aber gerade seine dunklen Seiten ermöglichen, erleichtern, beschleunigen, verbreiten. Flatrate genügt. Was die Politik an hilflos FSKeskem wie Videoüberwachung und Schutzwesten serviert, zielt lediglich auf das Ende jedes teuflischen Plans, den Anschlag selbst. Ziel aber muss der Anfang sein, der Zugang zu Material oder Einpeitschern. Die Netz-Naiven, die gegen jegliche Kontrolle des Internets zetern, pflegen einen ähnlich kranken Freiheitsbegriff wie die Waffennarren in den USA: Das freie Ich tötet das freie Wir.

Wenn den Sicherheitskräften potenzielle Gefährder bekannt sind, muss ihr Zugang zum Netz überwacht oder auch eingeschränkt werden, mit einer Art digitaler Fußfessel. Zugleich müssen Chats und Sites der Terrorpaten stillzulegen sein, im Zweifel auch gewaltsam. Der Staat als Hacker, der digitale Drohnen und Schadsoftware abfeuert? Heikel, keine Frage, aber in engen juristischen Korridoren machbar, wie Abhören oder Hausdurchsuchung auch.

Das rechtsfreie Internet lässt den Hassern der freien Gesellschaft freie Hand. Jene Gemeinwesen handeln fahrlässig, die ihrer eigenen Zerstörung tatenlos zuschauen.