Ausländische Unternehmen

Berlins Wirtschaft profitiert von Krisen

Immer mehr Unternehmen aus England und der Türkei informieren sich über einen Umzug in die Hauptstadt.

Berlin.  Die Anziehungskraft Berlins für neue Unternehmen ist ungebrochen. Nach der großen Nachfrage von britischen Unternehmen, die sich nach der Brexit-Entscheidung der Briten für Büroflächen in Berlin interessierten, informieren sich jetzt auch immer mehr türkische Firmen über einen Wechsel in die deutsche Hauptstadt.

„Uns haben aus der Türkei mehr Anrufe und E-Mails als nach dem Referendum zum Brexit erreicht“, sagte der Sprecher der Geschäftsführung der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner, Stefan Franzke, der Berliner Morgenpost. „Im Gegensatz zu den Briten, die nun zunächst die weiteren Entwicklungen abwarten, sind die Anfragen zudem dringlicher und konkreter.“ Investoren berichteten von der Unsicherheit ihrer internationalen Mitarbeiterteams zum Beispiel in Istanbul und fragten sich, ob sie in der Stadt noch richtig aufgehoben seien. „Bereits in dieser Woche sind wir mit einem Unternehmen aus Istanbul zur Locationsuche in Berlin unterwegs, das sich nach einem alternativen Standort umsieht“, so Franzke.

Insgesamt 100 Unternehmen haben sich gemeldet

Nach dem Brexit, dem Austritt aus der Europäischen Union (EU), hatten sich insgesamt rund 100 Unternehmen bei Berlin Partner gemeldet und sich nach Möglichkeiten erkundigt, ihr Geschäft von Berlin aus zu betreiben, darunter zehn aus Großbritannien. Bei zehn Firmen sind die Anfragen inzwischen konkret. Andere wollen auf mögliche Entwicklungen in England vorbereitet sein und sehen sich unter anderem in der Hauptstadt nach einem alternativen Standort um. Vor allem für Unternehmen aus dem Fintech-Bereich ist die Anbindung an die EU wichtig. Hier gibt es auch bereits konkrete Gespräche für einen Umzug.

Berlin wird damit voraussichtlich von den politischen Krisen in anderen Ländern wirtschaftlich profitieren. Im vergangenen Jahr sind bereits 99 Unternehmen neu nach Berlin gezogen (2014: 58). Sie investierten mehr als 700 Millionen Euro und schufen 6650 neue Arbeitsplätze in der Stadt.

Türkei als Hochrisikoland

Die angespannte politische Lage in der Türkei wirkt sich nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) bereits jetzt auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder aus. Entgegen der ursprünglichen Prognose von einem zehnprozentigen Wachstum des deutsch-türkischen Handels geht die Kammer inzwischen von einer Stagnation aus. Die Ratingagentur Standard & Poor’s sieht die Türkei mittlerweile als Hochrisikoland an – was den Rückzug ausländischen Kapitals weiter beschleunigen wird. Experten rechnen mit einem Wegzug vor allem von Start-ups, weil sie auf das Geld internationaler Investoren angewiesen sind.

Erol Özkaraca, der für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, befand sich während des Putsches aus beruflichen Gründen in Istanbul. Der Anwalt befürchtet einen nachhaltigen Schaden für die türkische Wirtschaft durch den Wegzug von Experten und Firmen. „Wir hatten in den vergangenen Jahren eine hohe Abwanderung von hoch qualifizierten türkischstämmigen Deutschen in die Türkei. Das wird sich jetzt umkehren“, so Özkaraca. Er selbst berate gerade eine Frau, die ihre Wohnung in Istanbul auflösen will, um in Berlin zu bleiben. „Viele Geschäftsleute werden sich jetzt mindestens ein zweites Standbein in Berlin aufbauen“, sagt Özkaraca.