Wunderkicker

Streitfigur - Warum wir Ronaldo hassen und lieben

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Hajo Schumacher
Lustige Posen, aalglattes Aussehen und furioser Fußball - das ist Cristiano Ronaldo

Lustige Posen, aalglattes Aussehen und furioser Fußball - das ist Cristiano Ronaldo

Foto: Srdjan Suki / dpa

Im Finale der EM begegnen sich heute Frankreich und Portugal. Der portugiesische Wunderkicker Ronaldo wird wieder provozieren.

Früher auf dem Schulhof wäre einer wie Cristiano Ronaldo präventiv vermöbelt worden. Zu affig, zu gelackt, eben dieses Cristianoronaldohafte. Manche Mädchen hätten ihn toll gefunden, weil er auch nach den Bundesjugendspielen ausgesehen hätte, als käme er gerade vom Augenbrauenzupfen. Auch deswegen hätten wir ihn verhauen – wenn wir ihn gekriegt hätten. Leider wäre er elegant ausgebüxt. Oder er hätte mit einem sauberen linken Haken gekontert. Dafür hätten wir ihn noch mehr verabscheut.

Warum zieht der portugiesische Wunderkicker so viel Hass auf sich? Keiner spielt besser als er, seit Jahren liefert er zwei-, dreimal die Woche Weltklasse. Diese flachen, schnellen Schritte, dieser Kopfball gegen Wales in 2,52 Meter Höhe, diese ewige Hetzjagd, die ihn zum meistgefoulten Spieler dieser Europameisterschaft macht. Wir werden unseren Enkeln erzählen von diesem Virtuosen, der mit dem Ball so gut umgehen kann wie mit unvorstellbarem Dauerdruck, an dem so viele Talente zerbrechen.

Leben unter Druck hat er gelernt: Vater alkoholkrank, mit 15 Jahren Herz-Operation, heute alleinerziehender Vater, der sich – branchenun­typisch – nie tätowieren ließ, weil das Blutspenden dann riskanter wird. Seine Mitspieler schätzen seine Vorlagen, seine Trainer den Fleiß, viele Menschen seine Spenden. Dass er das Mikrofon eines nervigen Reporters ins Wasser warf, ist nicht höflich, aber nachvollziehbar. Arroganz, so lautet der Standardvorwurf. Aber genau dieses breitbeinige Anmarschieren zum Freistoß, das hahnenstolze Vorzeigen seiner in der Tat beeindruckenden Bauchmuskeln, das ganze gorillahafte macht seine Stärke aus. Da hat einer den Schneid, der ganzen Welt entgegenzubrüllen: Ich will! Ich kann! Und dann trifft er tatsächlich, meistens. Es braucht Mut, Verwegenheit und Genie, um Cristiano Ronaldo zu sein.

Ja, dieser Kicker-Typus provoziert deutlich heftiger als der geduckte Rackerer, den die Deutschen so schätzen. Und es wäre eine anstrengende Welt, wenn wir alle Cristiano Ronaldo wären. Aber wie langweilig wäre es ohne diesen einen. Respekt. Seite 21