EM-Finale

Ronaldo und Griezmann: Die glorreichen Siebener

Das Endspiel in St. Denis zwischen Portugal und Frankreich wird zum ultimativen Duell der beiden besten Turnierspieler

Star-Auflauf: Cristiano Ronaldo (l.) bestreitet im EM-Finale sein 133. Länderspiel. Herausforderer Antoine Griezmann absolviert sein 33. Länderspiel für Frankreich

Star-Auflauf: Cristiano Ronaldo (l.) bestreitet im EM-Finale sein 133. Länderspiel. Herausforderer Antoine Griezmann absolviert sein 33. Länderspiel für Frankreich

Foto: Getty Images

Paris.  Die Geschichte wird zeigen, ob der neue Modus verantwortlich ist, die berühmte Intensität oder die noch berühmtere Globalisierung. Fest steht, dass von dieser EM der Trend ausgeht, dass jedes Spiel auch anders enden kann. Der Endspiel-Paarung zwischen Frankreich und Portugal haftet etwas Beliebiges an (21 Uhr, ARD). ­Würden im Stade de France heute Wales und Island aufeinandertreffen und Will Griggs erhielte danach die Auszeichnung zum Spieler des Turniers – es ­hätte wohl niemanden gewundert.

Oder doch? Eine Figur erhob sich zuletzt über den Rest. Es lässt sich sogar sagen, dass ihr gelang, was im heutigen Fußball eigentlich für unmöglich gehalten wird – als bester Spieler ein besseres Team zu schlagen. Die Rede ist von Antoine Griezmann und seiner epochalen Total-Football-Darbietung gegen Deutschland. Balleroberungen am eigenen Strafraum, furiose Antritte durch das Mittelfeld, coole Abschlüsse zu beiden Toren, seinen Turnier­treffern fünf und sechs. Das ist schon jetzt die produktivste Marke seit Michel Platinis neun Treffern bei Frankreichs letzter Heim-EM 1984. Die Wahl zum besten Spieler des Championats kann also nur auf Griezmann fallen – wenn ihm heute nicht noch Cristiano Ronaldo dazwischenfunkt.

Ronaldo hat alle 600 Turnier-Minuten gespielt

Auf individueller Ebene endet die EM also sehr schlüssig: mit einem Showdown der beiden ­aktuell besten Fußballer des Kontinents. Neu ist das Duell nicht. Beide kicken in Madrid, Griezmann (25) bei Atlético Madrid, Ronaldo (31) beim Ortsrivalen Real. In der spanischen Hauptstadt kann es immer nur einen geben. Diese Weisheit wurde zuletzt im Champions-League-Finale erprobt, das Real in einem Elfmeterschießen gewann, in dem beide trafen; wobei Griezmann in der regulären Spielzeit einen Strafstoß an die Latte setzte.

Schon fast vergessen, eine Ewigkeit her. Aber insofern noch mal erinnerungswürdig, als beide danach nicht in die übliche Turnierdepression bis zuletzt (über-)beanspruchter Spieler fielen. Gerade Ronaldo hatte sich für dieses Phänomen früher stets anfällig gezeigt. Und so schwerfällig, wie er sich im Champions-League Finale gegen Atlético über den Platz schleppte, stand für Portugal auch diesmal das Schlimmste zu befürchten. Doch eine Woche Kurzurlaub auf Ibiza und die Aufnahme seines persönlichen Physiotherapeuten in die Teamdelegation wirkten offenbar Wunder. Ronaldo hat alle 600 Turnier-Minuten von Portugal absolviert und platzt dennoch vor Energie, wie sein monströser Kopfballsprung zum 1:0 im Halbfinale gegen Wales belegte. Es war sein dritter Turniertreffer – beim 45. Torabschluss.

Lässig wie der frühe Leonardo Di Caprio

Griezmann ist frappierend effizienter. Der Franzose hat bei der ­Defensivmannschaft Atlético gelernt, aus wenig viel zu machen. Für seine sechs Tore brauchte er nur 24 Tor­abschlüsse und 434 Spielminuten. Nach der langen Saison und dem emotionalen Loch des Finales der Königsklasse hatte er mit Nationaltrainer Didier Deschamps eine langsame Integration in die Mannschaft vereinbart. Seine Explosion kam in der zweiten Hälfte des Achtelfinals gegen Irland, als er vom rechten Flügel als hängende Spitze in die Mitte wechselte und en passant Frankreichs Turniertaktik änderte. Von 4-3-3 zu 4-2-3-1. Lex Antoine. „Er macht alle um sich herum besser“, lobt Deschamps.

Mit ihm verneigt sich das ganze Land vor einem, den es noch vor der WM 2014, seinem ersten Turnier, kaum kannte, weil der von französischen Jugendtrainern ausgemusterte Griezmann in Spanien bei Real Sociedad zum Profi wurde. Nicht nur seine Tore verzaubern. Auch seine Augen, dieses ständige Lächeln, sein Spaß am Spiel, die Jugend, die Nonchalance, die Lässigkeit. Griezmann kommt daher wie der frühe Leonardo Di Caprio, gegen den Ronaldo schon fast wie eine alternde Diva wirkt, die für ihr gutes ­Aussehen jede Pore ihres Körpers ­pflegen muss.

Griezmann ist Familienmensch

Es gibt Dinge, die beide verbinden: die Rückennummer 7 etwa und die Jugend fernab der Familie. Ronaldo verließ seine Heimatinsel Madeira mit zwölf für die Akademie von Sporting Lissabon, Griezmann zog mit dreizehn aus dem Burgund ins Baskenland. Aber da enden die Parallelen auch.

Der Franzose reist so oft es geht nach Hause. „Wenn man aufwächst wie ich, will man das Verpasste nachholen“, und dann in eine intakte Familie; nur sein – portugiesischer – Großvater starb schon, als er ein Jahr alt war. Ronaldo hingegen konnte sich nie irgendwo fallen lassen. Der Vater war Alkoholiker und ist inzwischen verstorben, den Bruder holte er aus dem Drogensumpf, auch der Mutter ermöglichte erst er ein würdiges Leben.

Ronaldo und der Panzer aus Ruhm und Geld

Diese Umstände mögen den Panzer aus Ruhm und Geld erklären, den er um sich gebaut hat, seine Model­freundinnen, die Künstlichkeit seines Lebens, die sich in dem eigenbeauftragten Dokumentarstreifen „Ronaldo – der Film“ offenbart. In einer Szene muss sein Sohn raten, welche Luxuskarosse in der Garage fehlt. Von Griezmann wissen nur die wenigsten, dass er eine Lebensgefährtin und eine kleine Tochter hat. Um dieser kein falsches Beispiel zu geben, blondiert er sich jetzt nicht mehr wie früher die Haare oder rasiert sich die Schläfen aus.

Zwei Stars und ein Kontrast, mit dem sie für ihre Mannschaften stehen: Hier die ungestüme Euphorie der Franzosen, da die kühle Professionalität der Portugiesen. Heute fällt die Entscheidung. AG7 gegen CR7, und wie immer kann es nur einen ­geben.