Gewaltbereite Schüler, überlastete Lehrer, ein hoher Krankenstand im Kollegium – mit einem Brandbrief haben sich Eltern der Hellersdorfer Mozart-Gemeinschaftsschule Ende Januar an die Öffentlichkeit gewandt. So könne es nicht weitergehen, schreiben sie. Nach Informationen der Berliner Morgenpost hatten etliche Lehrer der Schule sowie die Schulleiterin bereits Monate zuvor Überlastungsanzeigen gestellt, ohne Reaktion seitens der Schulaufsicht.
Zustände wie an der Rütli-Schule
Doch die Mozart-Schule ist kein Einzelfall. Gabriele Hiller, sport- und medienpolitische Sprecherin der Linkspartei, die ein Direktmandat in Hellersdorf hat, sagte der Berliner Morgenpost, dass auch andere Schulen im Bezirk große Probleme mit gewaltbereiten Schülern hätten. Sie nannte die Grundschule am Schleipfuhl, die Bücherwurm-Grundschule am Weiher, die Jean-Piaget-Sekundarschule. „Wir haben es dort mit Zuständen wie an der Rütli-Schule zu tun“, sagte sie. Ihre Forderung: „Die Klassen müssen kleiner werden, die Schulen brauchen deutlich mehr Personal und mehr Schulsozialarbeiter.“
Bei den genannten Schulen war am Freitag niemand zu erreichen. CDU-Bildungsexperte Stefan Schlede sprach von einem strukturellen Problem. Berlinweit seien gegenwärtig 19 Schulleiterposten und 70 Stellvertreterstellen nicht besetzt, sagte er der Berliner Morgenpost. Besetzungsverfahren seien kompliziert und dauerten viel zu lange.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) reagierte im Fall der Mozartschule und setzte einen neuen kommissarischen Schulleiter ein. Wie berichtet handelt es sich dabei um Gerald Miebs, 60, Schulleiter der Walter-Gropius-Gemeinschaftsschule Neukölln. „Bis zum 31. Juli bin ich drei Tage die Woche an der Mozart-Schule“, sagte Miebs der Berliner Morgenpost. Danach werde er aber wieder voll und ganz für seine Schule da sein.
Viele Lehrer sind krank, oft muss Unterricht ausfallen
Bereits am Donnerstagabend hat Miebs sich dem Kollegium der Mozart-Schule vorgestellt. Am Freitagvormittag sprach er mit dem Gesamtelternvertreter Francesco Malo. „Als Erstes muss ich die Lehrer motivieren, damit sie wieder Vertrauen in ihre Arbeit bekommen“, sagte Miebs, der seit mehr als 20 Jahren als Schulleiter tätig ist und auch im Ausland Schulen geleitet hat. Gegenwärtig gebe es 17 Krankmeldungen an der Mozart-Schule. Das zeige, wie es um das Kollegium von rund 80 Pädagogen stehe.
Ein Blick auf den Vertretungsplan der Schule, der auf ihrer Website veröffentlicht ist, illustriert, wovon Miebs berichtet. Sogar Sozialarbeiter der Arche sind auf dem Plan als Vertretungskräfte ausgewiesen. Viele Stunden müssen ausfallen.
Miebs geht davon aus, dass die Schule deutlich mehr Personal benötigt. Auf dem Papier sei sie zwar zu 100 Prozent ausgestattet, in der Realität seien aber viele Kollegen krank. Miebs will die Lage an der Schule zunächst genau analysieren und ein Papier zusammenstellen, das notwendige Veränderungsmaßnahmen auflistet. „Ich brauche jetzt erst einmal Zeit und Ruhe dazu“, sagte er. Nach Ostern soll das Papier vorliegen. Dann sollen alle Beteiligten endlich auch an einen Tisch – eine Runde, auf die die Eltern seit Wochen warten. Er werde sich bei seiner Arbeit an der Schule auf drei bis vier Probleme konzentrieren und versuchen, diese bis zum Sommer zu lösen, sagte Miebs. Das sei realistisch. Die Personalausstattung der Schule sei eines dieser Probleme.
Kaum eine Alternative für Eltern
Die Eltern sind froh, dass endlich etwas passiert. „Wir hätten es zwar begrüßt, wenn ein Schulleiter gefunden worden wäre, der nicht am Ende des Schuljahres wieder geht“, sagte Elternvertreter Francesco Malo der Berliner Morgenpost. Aber die kommissarische Besetzung des Postens mit Gerald Miebs sei ein Anfang. „Wir hoffen nun, dass sich die Situation an unserer Schule deutlich verbessern wird.“ Die Eltern hätten ansonsten kaum eine Alternative. „Es macht keinen Sinn, die Kinder an einer anderen Grundschule im Bezirk anzumelden. Alle Schulen haben Gewaltprobleme“, sagte Malo.
Als eine wesentliche Ursache dafür, dass bereits viele Grundschüler gewalttätig sind, nannte Gabriele Hiller von der Linkspartei die Tatsache, dass immer mehr Lehrer an den Grundschulen keine ausgebildeten Fachkräfte mehr sind. „Weil Grundschullehrer fehlen, werden Studienräte oder Quereinsteiger eingestellt, die nicht für den Umgang mit Grundschülern ausgebildet sind“, sagte sie der Berliner Morgenpost. Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, sprach von einem hausgemachten Problem. „An den Hochschulen gibt es zu wenig Ausbildungsplätze für Grundschullehrer. Außerdem ist deren Bezahlung schlecht“, sagte er.




