Nur 1,5 Stunden dauert es von Berlin, um raus aus der Großstadt zu kommen und in ein kleines Paradies einzutauchen. Im schönen Spreewald haben Tom und Nadine Michelberger ihre persönliche Utopie von Landleben und dem Anbau von Lebensmitteln im Einklang mit der Natur verwirklicht. Die „Michelberger Farm“ bildet als Lieferant von Obst, Gemüse und Kräutern die Essenz des Genussimperiums, das neben dem gleichnamigen Hotel auch Restaurants wie das „Ora“ sowie Manufakturen wie die Destillerie MXPSM umfasst und rund 150 Mitarbeiter beschäftigt.

Michelberger
Der Gemeinschaftsraum der Farm hat Wohnzimmercharakter.© Gesa Noormann | Gesa Noormann

Kurz nach Verlassen der Autobahn lässt die von Wiesen, Feldern und kleinen Dörfern umgebene Idylle den schnelllebigen Berliner Alltag in wenigen Minuten vergessen. Vor allem spiegelt sie die Vision und den Geist des Gründerpaares wider: „Wir pflanzen ein kleines Paradies“ war die Idee von Tom und Nadine Michelberger, als sie 2018 die 1,5 Hektar große Kuhweide im brandenburgischen Naundorf kauften. Gemäß den auf den Schweizer Agronomen Ernst Götsch zurückgehenden Prinzipien der Permakultur und der syntropischen Landwirtschaft,die natürlich Waldprozesse nachahmt, verwandelten sie die Brachflächen in ein ganzheitliches, biodiverses Ökosystem. So entstand ein Nahrungswald, der sich selbst regeneriert und auf ganz natürliche Weise für maximale Erträge sorgt.

Nicht nur Großstädter mit Sehnsucht nach der Natur zählen zu den Gästen

An diesem sonnigen Augustsonntag ist eine Menge los auf der Farm mit ihren historischen Gebäuden und der neuen Scheune, die vom dänischen Architekten Sigurd Larsen entworfen wurde. Bis zu 34 Gäste können dort am Wochenende in drei Zimmerkategorien übernachten. Mit ihrem großen Tisch, der in einer Art gemütlichem Wohnzimmer steht, dient sie als kommunikativer Mittelpunkt und zelebriert den gastronomischen Prozess vom Anbau bis zum Genuss. Wie eine moderne Berliner Version von „Unsere kleine Farm“ wirkt das Ensemble mit Blick auf den in Deutschland bisher einzigartigen Nahrungswald. 

Michelberger
Zum Barbecue gibt es luftige Focaccia, Bratwurst vom Märkischen Sattelschwein und würzige Dips.© Gesa Noormann | Gesa Noormann

Aber nicht nur natursehnsüchtige Großstädter zählen zu den Gästen: „Besonders freuen wir uns, dass viele Menschen aus der Gegend zu uns finden – und froh sind, diesen Ort in ihrer Nachbarschaft zu haben“ sagt Nadine Michelberger. Unermüdlich geht sie mit Interessierten – darunter auch Studierende und Forschungsgruppen – ins Gespräch, während ihr Mann Tom barfuß übers Gelände läuft. Es ist bezeichnend, dass das Paar teilweise selbst auf dem Hof wohnt und viel Zeit mit den Gästen teilt – immer geht es ihnen um Begegnung, Austausch und mögliche Synergien. „Unser Antriebsmotor ist, Menschen zusammenzubringen um zu erleben, was dann passiert. Das hat sich dann über die Zeit einfach immer mehr verdichtet: Räume erschaffen als eine Basis für Austausch und Ideen, für gemeinschaftliche Erfahrungen unter einem Dach und an großen Tischen. Die Farm bringt das alles auf einen Punkt“ ergänzt sie.

Was auf der Farm wächst, landet direkt auf dem Teller

Michelberger
Der neapolitanische Koch Martino Cuozzo arbeitet auf der "Michelberger Farm".© Gesa Noormann | Gesa Noormann

Das, was hier wächst, landet direkt vom Feld auf dem Teller. So wie beim „Farm to Fire“-Barbecue, das in den Sommermonaten immer sonntags angeboten wird. Hier gibt es saisonales Gemüse, Beeren und Kräuter von der Farm, ästhetisch angerichtet und mit großen Blumenarrangements dekoriert. Fleisch und Milchprodukte stammen von befreundeten Nachbarhöfen wie dem „Gut Ogrosen“ oder „Hof Untermühle“. Für luftige Focaccia, Bratwurst vom Märkischen Sattelschwein und würzige Dips sorgt der neapolitanische Koch Martino Cuozzo. Statt um klassische Pizza kümmert er sich lieber um alte Techniken wie Fermentieren und Einmachen, damit das eigene Obst und Gemüse auch im Winter verfügbar ist. Und während die Familie im heimischen Neapel leicht verwundert auf die Aktivitäten des an den Norden verlorenen Sohnes blickt, hätte seine Vorratskammer die Augen unserer Großmütter umso mehr zum Leuchten gebracht.

Ein Hotel als gemeinschaftlicher Kreativort

Michelberger
Ein Zimmer im Michelberger Hotel in Friedrichshain.© Gesa Noormann | Gesa Noormann

Typisch für das Michelberger Konzept ist das Denken in Form eines Kreislaufes: Von der handwerklichen Produktion von Lebens- und Genussmitteln an die Tische, an denen Menschen zusammenkommen. Keimzelle ist das 2009 eröffnete „Michelberger Hotel“. Die ehemalige Fabrik an der Warschauer Straße stand wie viele historische Gebäude nach der Wende leer. Die Michelbergers übernahmen es und verwandelten es in ein modernes Boutiquehotel – mehr als gemeinschaftlicher Kreativort denn als klassisches Hotel gedacht und als kollektives Experiment realisiert.

„Am Anfang haben wir uns einfach gefragt: In was für einem Hotel würden wir gerne übernachten? Inspiriert vom Berlin der Nullerjahre, haben wir dann das Michelberger erträumt” erklärt Tom Michelberger. „In erster Linie kann man bei uns schlafen und duschen, aber wenn man mehr will, Gemeinschaft, Erlebnisse, Inspiration, dann kann man das eben auch finden.“ Im Laufe der Jahre haben befreundete Architekten wie Werner Aisslinger oder Sigurd Larsen die ursprüngliche Fabrik in ein gemütliches „Home away from home“ verwandelt. 140 ungewöhnliche Zimmer sind dabei entstanden, vom ikonischen Nordic Design bis zur alpinen Hüttenanmutung gleicht kaum ein Raum dem anderen.

Es gibt sogar Band-Zimmer für die vielen Musiker

Sogar eine Etage mit Band-Zimmern für die vielen Musiker, die hier absteigen und gerne mal im Innenhof eine spontane Session veranstalten, ist dabei – dass sie ganz klischeehaft oft renoviert werden muss, nehmen die Michelbergers in Kauf. Schließlich haben sie 2016 und 2018 selbst Musikfestivals organisiert, und das Hotel ist nach wie vor für viele Bands ein fester Anlaufpunkt. Aber nicht nur das Design ist ungewöhnlich, auch auf übliche Standards wie TV-Kanäle verzichtet das „Michelberger Hotel“.

Ein üppiges Frühstücksbuffet sucht man vergeblich, statt dessen sorgt Klasse statt Masse für Freude bei den Gästen, mit Marmeladen und Eingemachtes von der Michelberger Farm und kleinen, feinen Speisen aus nachhaltiger Produktion. Immer dabei das zur Michelberger Familie gehörende Kokoswasser „Fountain of Youth“ aus Thailand. Brot und Gebäck stammen aus der 2018 eröffneten hauseigenen Bäckerei, die alle Läden täglich frisch beliefert: ein weiteres Beispiel für das Kreislauf- und Selbstversorgerprinzip.

Die Zutaten für die Menüs im Restaurant stammen weitgehen von der Farm

Michelberger
Das Brot stammt aus der hauseigenen Bäckerei.© Gesa Noormann | Gesa Noormann

Herzstück des Hotels ist das „Michelberger Restaurant“, wo unter der Leitung von Küchenchef Alan Micks und Andreas Rieger Menüs entstehen, deren Zutaten soweit möglich von der „Michelberger Farm“ im Spreewald und sonst von anderen lokalen Erzeugern stammen. Die ausgesprochen aromatischen Tomaten mit köstlich geröstetem Parmesan, Zitronenzesten und rotem Basilikum etwa stammen von „Wilmars Gaerten“ in Berlin-Schöneberg, die weißen Johannisbeeren auf dem Wildkräutersalat hingegen von der eigenen Farm und das Roggen-Sauerteigbrot aus der Bäckerei im Keller.

Das Farm-to-table-Prinzip gilt auch hier, denn im Mittelpunkt der kreativen Gerichte steht nicht das, was die Küche möchte – Ausgangspunkt sind die Produkte der regionalen Bauern, Jäger und Produzenten, die gerade Saison haben. Dazu passt ein Spritz mit Bitterorangenlikör aus den getrockneten Schalen sizilianischer Bio-Orangen, der dem Geschmack des ursprünglichen, weniger süßen und mehr bitter-fruchtigem Campari nachempfunden ist. Dass es in keinem der Michelberger Restaurants die einschlägigen italienischen Industrie-Aperitivi gibt, ist kein Zufall: Alle Liköre stammen von einem kleinen Berliner Traditionsunternehmen, das, als vor zwei Jahren Konkurs drohte, kurzerhand in die Michelberger-Familie aufgenommen wurde und jetzt „MXPSM“ (Michelberger x Preußische Spirituosen Manufaktur) heißt.

Im „Ora“ fühlt es sich ganz anders an

Michelberger Ora
Das "Ora" entstand in einer alten Apotheke.© Ora Berlin | Zoe Spawton

Der Wiedererkennungswert in den verschiedenen Michelberger-Lokalen ist im positiven Sinne hoch. So finden sich auch im „Ora“, einer zum Restaurant umgebauten alten Apotheke am Kreuzberger Oranienplatz, die vertrauten „MXPSM“-Etiketten an der Theke wieder. Und auf dem Teller die köstlichen, sommerliche Kindheitserinnerungen wachrufenden Tomaten aus „Wilmars Gaerten“. Davon abgesehen fühlt es sich im „Ora“ doch ganz anders an als draußen im Spreewald oder der Hoteloase in Friedrichshain: Die (reizende) Kellnerin spricht nur Englisch, die ausgesprochen gut aussehenden Gäste scheinen geradewegs aus New York oder zumindest aus dem nächsten Filmstudio gekommen zu sein. Auch bei dieser Klientel scheint das nachhaltige Konzept anzukommen, der Laden ist an diesem Samstagabend rappelvoll.

Küchenchef Alan Micks folgt dem, was die ökologisch arbeitenden Partnerbetriebe gerade im Angebot haben. Die Rezepte sind von allen europäischen Küchen inspiriert, ganz oben steht vor allem die Produktqualität. Bei allen Gerichten des Sharing-Menüs spielt bestes Gemüse die Hauptrolle, so etwa beim Spitzkohl mit Labneh, der mit feinen Zitrus- und Röstnoten überzeugt, oder beim herzhaften Brot mit Pfifferlingen, die wie frisch im Wald gesammelt schmecken. Die von Amyna Le kurierte Weinkarte bietet von interessanten Entdeckungen aus weniger bekannten Regionen bis hin zu sehr raren Spitzenweinen eine spannende Auswahl, als Aperitif bietet sie Champagner von Philippe Gonet und feine Signature-Cocktails wie den sehr guten „Farmery Martini“ mit Gin, Vermouth und Kräuterinfusion.

Sonnabend

Genießen in Berlin

Abonnieren Sie kostenlos den Genuss-Newsletter der Berliner Morgenpost

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Italienisches Streetfood können das „Ora“ und sein kleines Schwesterrestaurant „Theke“ in Wedding übrigens auch: Beim „Frizzante“-Festival am vergangenen Sonntag begeisterte das Restaurant mit allerfeinsten Arancini mit Reis, geräuchertem Mozzarella und Kräutern von der Michelberger Farm. Unterstützt von Tom und Nadine Michelberger, die tatkräftig Kisten räumten und dann Händchen haltend mit dem Hund in der Sonne saßen. Man fragt sich, wo bei dem immer entspannten Powerpaar der Haken ist – aber wahrscheinlich haben die beiden einfach nur alles richtig gemacht.

Michelberger Farm, Naundorfer Dorfstraße 26, 03226 Vetschau/Spreewald, michelberger.farm

Michelberger Hotel, Warschauer Straße 39-40, 10243 Berlin, michelbergerhotel.com

Ora, Oranienplatz 14, 10999 Berlin, ora.berlin