Fischbrötchen machen mich misstrauisch. Extrem misstrauisch sogar. Der Grund liegt viele Jahre zurück. Ich hatte mit meiner Frau ein paar Tage frei, und wir nutzten die Gelegenheit, um nach Rostock-Warnemünde zu fahren. Dort am Hafen gab es damals – und gibt es sicherlich heute auch noch – zahlreiche Buden, die Fischbrötchen anboten. Während meine Frau sich für Matjes entschied, war es für mich der geliebte Backfisch mit Remoulade.

Sonnabend
Genießen in Berlin
Abonnieren Sie kostenlos den Genuss-Newsletter der Berliner Morgenpost
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Allerdings währte die Freude nicht lange. Ich hatte mich noch keine zehn Schritte vom Geschäft entfernt, als ich auch schon von hinten einen heftigen, wenn auch weichen Schlag auf die rechte Schulter bekam. Eine Möwe hatte sich hinterrücks wie ein Kampfflieger im Sturzflug auf mich gestürzt, um mir das Brötchen zu entreißen. Dummerweise bin ich Linkshänder, für den Vogel offenbar ein neues Phänomen, denn er verpeilte dadurch den Anflug, was zu dem Aufsetzer führte, der in der Pilotensprache „touch and go“ genannt wird.
Jetzt den Newsletter „Genießen in Berlin“ abonnieren
Morgenpost-Menü, Morgenpost-Tasting, neue Restaurants: Alexander Uhl entführt Sie jeden Samstag mit seinem kostenlosen Newsletter „Genießen in Berlin“ in die Welt der Berliner Gastronomie – einfach hier anmelden!

Trotz der Bauchlandung und einer Rutschpartie über meine Schulter, die in einer Regenjacke steckte, reckte sich der große Vogel einmal geschickt um mich herum und schaffte es zumindest, mir blitzschnell das Brötchen aus der Hand zu schlagen, das dabei allerdings zu Boden fiel. Wie eine Horde Piranhas machten sich Möwen und Tauben darüber her und binnen fünf bis zehn Sekunden war der Leckerbissen verschwunden. Erst jetzt verstand ich, warum trotz des trüben Wetters Sonnenschirme vor den Fischbuden aufgespannt waren.
Ich hatte als Großstadtkind Küsten-Lehrgeld bezahlt und beobachtete deshalb im Mai dieses Jahres in Binz auf Rügen zu meiner Schande mit diebischem Vergnügen, wie eine Möwe auf ähnliche Weise einer unbedarften Dame das Eis klaute, samt Waffeltüte. Sie hatte den übergroßen Warnhinweis an dem Eisgeschäft übersehen oder ignoriert.

Fischbrötchen sind also eine Delikatesse, nicht nur für Menschen. Und glücklicherweise muss man nicht an die Ostsee- oder Nordseeküste reisen, um sie zu genießen – und sich dabei noch den Gefahren eines heimtückischen Raubüberfalls aussetzen.
Auch in Berlin gibt es mehrere Geschäfte und Imbisse, die gute bis sehr gute Fischbrötchen anbieten – abseits gewisser großer Ketten. Jüngere lieben vor allem den Backfisch, so hat es Manuela Blisse bei ihren Recherchen herausgefunden – was ich mal als Kompliment auffasse (siehe oben). Aber auch Lachs-Burger, Matjes und Bismarckhering haben eine unverrückbare Fangemeinde. So mancher Laden zwischen Spandau und Köpenick bietet neben dem Standardbrötchen auch Luxusvarianten an. Und im Treptower Hafen wird sogar selbst geräuchert. Viele Fische stammen aus heimischem Fang.

Wenn Ihnen das jetzt schon Appetit macht, dann warten Sie erst einmal ab, bis Sie den Artikel der Kollegin gelesen haben.
Süße Verführungen mit Macarons, Eclairs und Törtchen
Während ich also Fischbrötchen ganz und gar nicht abgeneigt bin, mache ich um Süßigkeiten einen Bogen. Zucker beinhaltet für mich selten Wohlfühlmomente, sondern bereitet mir eher hüftgoldene Sorgen. Desserts probiere ich nur aus professionellem Interesse, esse sie aber so gut wie nie auf, sondern reiche sie gerne an Fotografen oder andere Kolleginnen und Kollegen weiter, sobald ich mir ein geschmackliches Bild gemacht habe. Manche von ihnen, interessanterweise meistens die schlankesten, verputzen die Kreationen wie nichts. Mir soll es recht sein, denn ich hasse gleichzeitig Verschwendung, in Frankreich übrigens inzwischen ein großes Thema.

Insofern wäre die Recherche für den Artikel meines Kollegen Franz Michael Rohm für mich eher eine Tour de Force gewesen. Er hat sich nämlich für Sie in Berlins besten Patisserien umgeschaut und in Macarons, Eclairs und Törtchen geschwelgt. Wobei nebenbei bemerkt werden muss, dass auch der Kollege zu den schlankeren Vertretern gehört – ganz im Gegensatz zu mir.
Natürlich geht es dabei nicht um schnöde Liebesknochen mit Puddingfüllung, euphemistisch „Eclairs“ genannt, sondern um teils hochkomplexe aromatische Verbindungen, die von den Patissiers und Patissièren liebevoll in Teig gebettet werden. Eine Kostprobe? Violetta mit Mandel-Rohrzucker-Veilchencreme, Cassis und hochwertiger Orelysschokolade im „Du Bonheur“ in Prenzlauer Berg. Oder doch lieber ein Eclair mit Pistazien-Himbeer-Creme, Salzkaramell, Matcha-Brombeer-Sesam oder Yuzu-Erdbeer-Creme in der „Patisserie Canal“? Natalia Giordano zaubert im „Latodolce“ in Kreuzberg „Pasticcini“, Törtchen mit hinreißenden Füllungen. Und Gil Avnon präsentiert in seiner Charlottenburger Patisserie „wolkenweiche Litschi-Himbeer-Weincreme-Würfel, herrlich süß-säuerliche Pommes mit Apfelmousse und Apfelstückchen sowie eine Matcha-Erdbeer-Kreation“, so schreibt es der Kollege. Sie merken es: Er war begeistert.

Brandenburg kann inzwischen auch Wein
Vor ein paar Jahren bekam ich zu einem Morgenpost-Menü erstmals durchgängig Wein aus Brandenburg serviert. Nein, natürlich keinen Obstwein, Sie denken wahrscheinlich an den „Bretterknaller“ aus Werder/Havel und Umgebung. Es waren richtige, professionell vinifizierte Gewächse aus der Lausitz und aus anderen Gegenden. Zugegeben, ich war extrem skeptisch, angesichts der meisten sonstigen gastronomischen Leistungen des Nachbarlandes – und dann positiv überrascht ob der Komplexität.

Dennoch leiden die Weine aus der Region an mangelndem Interesse, so kommt es mir jedenfalls vor. Oder sehen Sie häufiger einen Wein aus Brandenburg im Supermarkt-Regal? „Alles muss immer super regional sein, nur beim Wein spielt das plötzlich keine Rolle mehr“, wundert sich auch Angela Setzermann, gebürtige Berlinerin und Inhaberin des auf Brandenburger Weine spezialisierten Online-Vertriebs „Trink Wein Lokal“. Dabei werden aktuell 54 Hektar märkischen Sandes mit Weinreben bepflanzt, es gibt ausreichend Sonnenstunden, so hat es Gesa Noormann bei ihren Recherchen über Brandenburger Weine herausgefunden.
Darunter sind auch einige Kuriosa wie der Wolkenberg. Der liegt am Rande des Großräschener See, wo sich früher der Braunkohle-Tagebau Welzow-Süd befunden hat. Nach dem Ende der Förderung hat Vattenfall hier einen Weinberg vom Reißbrett aufgeschüttet, mit perfekter Neigung, perfekter Ausrichtung und bepflanzt mit den perfekt geeigneten Rebsorten. 2010 war das, aber es dauerte bis 2019, bis die Qualität stimmte.

Ebenfalls am Großräschener See, auf der anderen Seite, liegt das Weingut Weinwobar, wo das Ehepaar Wobar die einzige Steillage Brandenburgs bewirtschaftet, mit 30 Grad Hangneigung und mehr als 2000 Sonnenstunden im Jahr. Was sie und die anderen Winzer inzwischen produzieren, wird regelmäßig prämiert. Nur in den Läden findet man sie immer noch nicht so richtig. Angela Setzermann verkauft die meisten Weine an die Gastronomie. Die Leute müssten einen Wein erst glasweise im Restaurant probieren, bevor sie ihn selbst kaufen würden. Offenbar ist es Zeit fürs Umdenken.
Ich kann Ihnen den Artikel nur ans Herz legen, er ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch informativ. Oder wussten Sie, dass das Gebiet um Werder/Havel zum Qualitätsweinanbaugebiet Saale/Unstrut gehört? Dieses und viel mehr finden Sie im Text der Kollegin.
Zeit, mich zu verabschieden und mich auf die Suche nach einem guten Fischbrötchen mit einem Glas Brandenburger Wein zu machen. Vielleicht sehen wir uns ja, und passen Sie bitte auf etwaige Möwen auf. Die Patisserien überlasse ich ansonsten gerne ganz Ihnen und wünsche Ihnen bei Ihren Erkundungen wie immer eine genussvolle Woche.
Herzlich, Ihr
Alexander Uhl
Dieser Newsletter gefällt Ihnen? Empfehlen Sie ihn gern weiter.
Wir haben noch mehr Newsletter für Sie
Morgenpost Späti – Hier steckt alles drin: Montag bis Freitag um 18 Uhr das Wichtigste aus Berlin direkt ins Postfach – kompakt, nah dran & persönlich. Wie im Späti um die Ecke.
Hauptstadt Inside – Jörg Quoos, erfahrener Politikjournalist, gibt Ihnen dreimal die Woche Durchblick durch den politischen Dschungel Berlins.
Berlin erleben – Felix Müller bringt Sie jeden Donnerstag in Wochenendstimmung: Die besten Ideen für Kultur, Unternehmungen und Ausflüge in Berlin – direkt in Ihr Postfach.





