BER-Debakel

Jetzt zittert Lichtenrade vor dem nächtlichen Fluglärm

Nach dem BER-Flugrouten-Urteil suchen die Beteiligten nach Kompromissen. Aber betroffen ist immer jemand. Wenn die Flugzeuge Blankenfelde-Mahlow verschonen, müsste Lichtenrade leiden.

Es ist eine Geschichte, die niemals zu enden scheint: Die Diskussion um die Flugrouten des Großflughafens BER. Nachdem das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg am Donnerstag die Flugroute für Nachtflüge über der brandenburgischen Gemeinde Blankenfelde-Mahlow für rechtswidrig erklärt hatte, sorgt nun ein Vorschlag des Bundesamtes für Flugsicherung (BAF) für Aufregung. Der Direktor des BAF, Nikolaus Herrmann, hatte noch vor dem Urteil angekündigt, eine mögliche Nordumkurvung von Blankenfelde-Mahlow zu prüfen. Statt geradeaus zu starten, würden die Flugzeuge dann in einer nördlichen Kurve um den Ort herum fliegen. Die Route würde näher an Lichtenrade im Süden von Tempelhof-Schöneberg heranrücken. Das Problem mit dem Fluglärm bleibt.

Die Gemeinde Blankenfelde-Mahlow, gerade einmal drei Kilometer vom Ende der Nordbahn des BER entfernt, hatte gegen eine Doppelbelastung durch startende und landende Flugzeuge geklagt und wollte erreichen, dass wenigstens die abfliegenden Maschinen nicht über den Ort donnern müssen. Die Richter gaben den Klägern zum Teil Recht und urteilten, dass es zumindest nachts „günstigere Streckenalternativen“ gebe. Die Streckenalternative könnte nun also Mahlow-Nord und Lichtenrade heißen.

„Vertrauen der Menschen darf nicht enttäuscht werden“

Jan-Marco Luczak, CDU-Abgeordneter in Tempelhof-Schöneberg, der selbst in Lichtenrade lebt, und von Beginn an bei den Montagsdemonstrationen der Lichtenrader Bürger dabei war, ist von dem Urteil enttäuscht. „Man hat den Menschen immer wieder versprochen, dass der Berliner Süden nicht von Fluglärm betroffen sein wird. Die Menschen haben darauf vertraut und haben in Lichtenrade ein Haus gekauft oder eine Familie gegründet. Dieses Vertrauen darf nicht enttäuscht werden“, sagte er der Berliner Morgenpost. Luczak wendet sich nun in einem Schreiben an Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) mit der Bitte, gegen das Urteil des Oberverwaltungsgerichts in die nächste Instanz zu gehen. „Für die Glaubwürdigkeit von Politik ist es von eminenter Wichtigkeit, dass das Vertrauen der Menschen nicht enttäuscht wird“ schreibt er in dem Brief an den Minister.

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Oliver Schworck (SPD), Bezirksstadtrat in Tempelhof-Schöneberg sagte der Berliner Morgenpost: „Irgendwann wird es einen Punkt geben, an dem alles entschieden sein wird. Dann wird es auch Rechtssicherheit geben.“ Aber so lange nicht alle Bürger zufrieden seien, sei es ihr gutes Recht mit Rechtsmitteln gegen geplante Flugrouten vorzugehen. „Natürlich wird es keine Lösung geben, die alle zu hundert Prozent zufrieden stellt. Aber eine Lösung, die tragbar ist.“

Für Sigrid Zentgraf-Gerlach von der Bürgerinitiative Mahlower Schriftstellerviertel ist die richterliche Entscheidung noch keine tragbare Lösung. „Es ist zwar ein kleiner Teilerfolg, dass das Kerngebiet der Gemeinde bei Westwind vor Fluglärm verschont bleibt. Aber es ist ein Erfolg zu dem Preis, dass andere nun den Lärm abbekommen.“

„Die Bürger werden sich damit nicht abfinden“

Die anderen, das sind die Menschen in Nord-Mahlow und Lichtenrade. Bernd Röstel ist einer dieser Menschen. Er sagt: „Die Bürger werden sich damit nicht abfinden.“ Er ist Mitglied bei der Bürgerinitiative Lichtenrade/Mahlow-Nord gegen Fluglärm und war bereits 2010 und 2011 dabei, als Tausende auf die Straße gingen, um für die verbindliche Zusage zu demonstrieren, dass die Flugzeuge nach dem Start geradeaus fliegen, und nicht wie geplant, abknickende Routen nehmen und damit Brandenburger Gemeinden und Berliner Stadtteile überfliegen, die außerhalb gültiger Schallschutzzonen liegen. Damals setzten sich die Menschen durch.

Dass die Diskussion nun wieder von vorne beginnen soll, ist auch für Jan-Marco Luczak nicht nachvollziehbar. „Der Kompromiss, den man über so lange Zeit ausgehandelt hat, bei dem viele Parteien an einem Tisch saßen und diskutiert haben, darf nicht einfach wieder in Frage gestellt werden“, sagte er.

„Alle Flugrouten neu planen“

Nun ist das Urteil vom Donnerstag kein ganzer Erfolg für die einen oder eine absolute Niederlage für die anderen. Denn bisher geht es nur um die Flüge bei Nacht, zwischen 22 und 6 Uhr. Denn die Deutsche Flugsicherung hat bislang nur die nächtliche Lärmverbreitung berechnet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass diese unzumutbar für die Bürger von Blankenfelde-Mahlow ist. „Ergebnisse für tagsüber gibt es noch nicht. Oder man hält sie bewusst zurück“, sagte Sigrid Zentgraf-Gerlach.

Doch mit diesem Teilerfolg will sie sich nicht zufrieden geben. Sie fordert auch am Tag zumindest Lärmpausen. „Dann könnten die Menschen wenigstens einige Stunden in ihrem Garten arbeiten.“ Auch eine Quotierung des Fluglärms könnte sie sich vorstellen, eine gleichmäßige Belastung aller. Doch das sind Kompromisse. Die beste Lösung für die Bürgerinitiative Mahlower Schriftstellerviertel wäre eine andere: „Wir fordern die Neuplanung eines neuen Flughafens an einem neuen Standort.“ Mit dieser Forderung steht die Initiative nicht alleine da. Auch die Bürgerinitiative Kleinmachnow verlangte am Freitag, eine komplette Neuplanung des Flugroutensystems und dabei von dem Bedarf eines Regionalflughafens auszugehen. Die Initiative kündigte neue Demonstrationen an. Die Diskussion geht weiter. Mitarbeit: Paul Hertzberg